Produzenten von Erdöl gibt es derzeit mehr als genug, Abnehmer sind jedoch nur schwer zu finden.
Foto: EPA/LARRY W. SMITH

Erstmals in der Geschichte wurde für Erdöl ein negativer Preis bezahlt. Anbieter mussten also etwas drauflegen, um das sogenannte schwarze Gold überhaupt loszuwerden. Käufer traten in einen beispiellosen Streik, niemand wollte das Öl abnehmen – die Lager sind voll, die Nachfrage mitten in der Corona-Krise weitgehend erlahmt. Wann sich dies wieder ändert, ist offen, ebenso, wie stark eine Preiserholung überhaupt ausfallen kann.

Frage: Was genau ist passiert, dass der Preis für das US-Öl WTI ins Minus rutschen konnte?

Antwort: Die Nachfrage nach Rohöl ist aufgrund der Corona-Pandemie weltweit um fast ein Drittel eingebrochen, zudem sind die Lager nahezu voll. Ein hohes Angebot bei wenig Nachfrage drückt den Preis. Zudem ist aber eine Frist am Terminmarkt abgelaufen. Das hat die Situation verschärft.

Frage: Was sind Terminkontrakte, und wie funktioniert der Futures-Handel?

Antwort: Viele Rohstoffe werden über sogenannte Futures gehandelt. Inhaber dieser Terminkontrakte verpflichten sich, eine bestimmte Menge – etwa Öl – zu einem bestimmten Preis zu einem bestimmten Zeitpunkt abzunehmen. Wer das Öl doch nicht braucht, muss seinen Future weiterverkaufen. Tun das alle, bricht der Preis weg. Das ist am Montag passiert. Denn die Kontrakte auf Öl zur Lieferung im Mai konnten nur noch bis heute, Dienstag, verkauft werden. Daher sind alle aus dem Markt geflüchtet, der Preis sackte fast auf minus 40 US-Dollar ab. Das heißt, dass Anbieter bereit waren, Abnehmern noch etwas zu bezahlen. Eine völlige Umkehrung des Marktes.

Frage: Warum ist Öl derzeit nicht gefragt?

Antwort: Weltweit ist durch die Corona-Pandemie der Fahrzeug- und Flugverkehr eingebrochen, Fabriken wurden geschlossen. Die Nachfrage nach Öl ist damit historisch niedrig. Das drückte die Preise. Zudem sind die Öllager mittlerweile fast voll. Nach Angaben der US-Energieagentur EIA wuchs die eingelagerte Menge innerhalb einer Woche um 19,2 Millionen Barrel Öl zu jeweils 159 Litern. Es handelte sich um den stärksten jemals verzeichneten Zuwachs. In der Stadt Cushing im US-Bundesstaat Oklahoma, wo das Rohöl der Sorte WTI eingelagert wird, war laut dem Analysten Rystad Energy am Montag noch Platz für nur noch 21 Millionen Barrel. US-Präsident Donald Trump kündigte an, dass die USA ihre Reserven um bis zu 75 Millionen Barrel erhöhen wollen.

Frage: Spürt man den Preisverfall an der Tankstelle?

Antwort: Ja. Der Benzinpreis ist gesunken, Öl ja schon seit längerer Zeit billig. Zu einer Situation, wo man fürs Tanken noch etwas bezahlt bekommt – wie jetzt am Ölmarkt –, wird es wohl nicht kommen. Das verhindern allein schon die Kosten für Transport, Raffinerie und Steuern.

Frage: Bleibt der Ölpreis so extrem tief?

Antwort: Wahrscheinlich nicht. Der aktuelle Preisverfall war auch der Panik wegen des auslaufenden Termingeschäfts geschuldet. Der Preis für WTI mit Liefertermin im Juni lag etwas über 20 Dollar, für Juli und August noch höher. Ob es auch bei diesen Kontrakten demnächst zu einem ähnlichen Ausverkauf kommt, wird davon abhängen, wie lange die Welt noch in der Schockstarre der Corona-Krise verharrt.

Die US-Ölspeicher – im Bild jener in Cushing, Oklahoma – sind beinahe zum Bersten gefüllt.
Foto: REUTERS/Nick Oxford

Frage: Die USA haben sich mit dem Fracking, also der Öl- und Gasförderung aus Schiefergestein, unabhängig von Ölimporten gemacht. Warum trifft es jetzt das US-Öl so stark?

Antwort: Der niedrige Ölpreis trifft die USA als große Fördernation. Der Fracking-Boom leidet zudem schon länger, weil das Geschäftsmodell auf der Prämisse endlosen Wachstums der Weltwirtschaft beruht. Das globale Wachstum hat sich aber schon vor der Corona-Krise abgeschwächt und damit auch die Ölnachfrage. Das rächt sich vor allem für kleinere Anbieter, die teilweise auch hoch verschuldet sind. Seit 2015 sind laut der US-Kanzlei Haynes and Boone 208 US-Öl- und Gasproduzenten pleitegegangen – sie häuften einen Schuldenberg von insgesamt 122 Milliarden Dollar an. Für manche Produzenten sei es bei tiefen Preisen am günstigsten, Ölquellen zu schließen oder Insolvenz anzumelden. Allein im vergangenen Jahr erwischte es 42 Unternehmen.

Frage: Kommt es zu einer Marktbereinigung, wenn zahlreiche US-Anbieter pleitegehen?

Antwort: Erfahrungsgemäß nur vorübergehen, da sich die Förderung bei Fracking im Gegensatz zu konventionellem Öl sehr kurzfristig herunter- und auch wieder hochfahren lässt. Bereits in der Vergangenheit mussten bei deutlichen Preisrückgängen Förderstätten stillgelegt werden oder die Betreiber Insolvenz anmelden. Allerdings wird die Produktion von US-Schieferöl ebenso rasch wieder hochgefahren, sobald die Preise wieder stiegen – oftmals unter einem anderen Betreiber. Da diese hohen US-Ölkapazitäten bei Bedarf schnell wieder am Markt sein werden, wird der Ölpreis wohl auch länger auf einem eher tiefen Niveau verharren.

Frage: Wie verhalten sich die anderen großen Fördernationen?

Antwort: Das Ölkartell Opec mit dem führenden Mitglied Saudi-Arabien hat zusammen mit Russland und anderen Erzeugern ein Zweckbündnis geschmiedet, die sogenannte Opec plus, um den Ölpreis durch Absprachen zur Produktionsdrosselung hochzuhalten. Doch das Bündnis zerbrach und mündete in einen von Saudi-Arabien losgetretenen Preiskrieg. Erst die jüngsten Turbulenzen am Markt zwangen beide Länder wieder an den Verhandlungstisch, an dem neuerlich Förderkürzungen beschlossen wurden – allerdings ohne den Preis nennenswert zu stützen.

Frage: Gab es vor der Corona-Krise schon einmal negative Energiepreise?

Antwort: Ja, bei US-Erdgas. Der Fracking-Boom setzte bei Gas etwas früher ein als bei Erdöl, sodass es aufgrund massiver Überkapazitäten schon früher zu negativen Notierungen kam. Deshalb sind die USA dahinter, ihr Erdgas in verflüssigter Form nach Europa zu exportieren. Das Verfahren ist jedoch teuer und energieintensiv, zudem werden zum Seetransport spezielle Terminals benötigt, die in Europa derzeit noch rar gesät sind. (Bettina Pfluger, Alexander Hahn, 22.4.2020)