"Es geht mir so auf die Nerven, dass du überall deine Sachen herumliegen lässt!" Ein klassischer Satz genervter Eltern, den die meisten Kinder schon einmal gehört haben. Klingt zunächst mal ziemlich harmlos, in Wahrheit verstecken sich dahinter aber Vorwürfe, Beschuldigungen und Forderungen. Erreicht man damit sein Ziel?

Eher nicht, meint der Kommunikations- und Empathietrainer Peter Pressnitz. Wer sich über etwas ärgert oder wütend ist, reagiert meist auf zwei verschiedene Arten: entweder mit Rückzug und Schweigen oder mit Angriff und Rechtfertigung. Beides sei nicht gut: "So verlieren wir den Kontakt zu unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, aber auch zu unseren Partnern, Kindern oder Kollegen." Dabei sei gerade jetzt, in der weltweiten Krisensituation, ein achtsamer Umgang miteinander besonders wichtig: "Bevor uns die Luft ausgeht, brauchen wir gute Methoden zur Konfliktlösung." Wer Frieden schaffen will, muss nicht nur darauf achten, was er sagt – sondern auch darauf, wie er es sagt. Eine Methode dabei ist die gewaltfreie Kommunikation (abgekürzt GFK). Pressnitz: "Die Corona-Isolation ist der perfekte Zeitpunkt, um sie zu erlernen."

Wenn Eltern und Kinder 24/7 aufeinanderkleben, kommt es leichter zu Konflikten. Um sie besser zu lösen, sollten wir lernen, wertschätzend und nicht verurteilend miteinander zu sprechen.
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Gewaltfreie Kommunikation

Entwickelt wurde das Handlungskonzept der gewaltfreien Kommunikation in den frühen 1960er-Jahren vom amerikanischen Psychologen Marshall Rosenberg. Mit körperlicher Gewalt hat die Methode nichts zu tun. Sie beruht auf der Annahme, dass die meisten zwischenmenschlichen Konflikte ihre Ursache darin haben, dass wir in Dialogen unsere Bedürfnisse falsch kommunizieren. Statt den anderen in einem Streit zu beleidigen, zu bedrohen oder seine Gefühle zu verletzen, wird ein produktiver Umgang mit Gefühlen wie Wut angestrebt. Dazu müsse man negative Emotionen bewusst erkennen und sogar würdigen: "Etwas einfach hinunterzuschlucken ist genauso kontraproduktiv wie ein Angriff", sagt Pressnitz. Gewaltfreie Kommunikation kann in allen Konfliktsituationen angewendet werden, ob bei einem familiären Krach oder bei Zwist mit Kollegen.

Es braucht Zeit und Übung, um tatsächlich Veränderungen im Denken und in der Kommunikation zu erreichen. Um bisherige Sprachmuster hinter sich zu lassen, gibt es in der gewaltfreien Kommunikation vier essenzielle Schritte: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte. An einem konkreten Beispiel festgemacht sieht das so aus: Wenn man gerade verärgert oder enttäuscht von jemandem ist (etwa: "Ich würde gerne einen Spaziergang mit meiner Frau machen, die hat aber wieder einmal keine Lust"), sollte man sich genügend Zeit nehmen, um kurz innezuhalten, zu atmen und zu spüren, welche Körperempfindungen man gerade hat ("Ich bin traurig, mein Herz klopft schnell"). Danach verbindet man sich mit dem eigentlichen Bedürfnis ("Ich hätte gerne mehr Zeit mit meiner Partnerin"). Jetzt ist man in der Lage, eine Bitte zu äußern, die nicht als Angriff gewertet wird ("Ich wünsche mir, dass du mitkommst, damit wir uns einmal in Ruhe unterhalten können").

"Einfühlungsvermögen ist die wichtigste Kompetenz zur Lösung von Konflikten." (Marshall Rosenberg)

Bedürfnisse erkennen

Wichtig sei auch, nicht darauf zu bestehen, dass ein bestimmtes Bedürfnis nur auf eine einzige Art und Weise befriedigt wird. "Das engt ein", sagt Pressnitz, "fast immer bietet das Leben mehrere Optionen." So könne man sich die Frage stellen, ob es vielleicht noch andere Ideen gibt, wie man als Paar Zeit verbringen kann, wenn die Frau nicht spazieren gehen will.

Hier finden Sie ein weiteres Beispiel für folgende Situation: "Ihr Mann sitzt mit Handy auf der Couch. Das Kind verlangt schreiend eine Jause. Sie müssen arbeiten und sind gestresst. Wie gehen Sie mit dem Ärger um?"

Vier Schritte für ein konstruktiveres Streitverhalten

1. Beobachtung

Benennen Sie eine konkrete Beobachtung – aber ohne zu bewerten und zu interpretieren. Beispiel: "Du hast wahrscheinlich mitbekommen, das unser Sohn schreit. Ich sehe, dass du gerade mit dem Smartphone beschäftigt bist."

2. Gefühl

Drücken Sie Ihre Emotionen in einer für Sie authentischen Sprache aus. Beispiel: "Ich fühle mich gerade extrem gestresst und verärgert, weil ich selbst noch etwas für die Arbeit erledigen muss."

3. Bedürfnis

Äußern Sie einen Wunsch, der nicht an Raum, Zeit und Personen gebunden ist und der auf verschiedene Weise erfüllt werden kann. Beispiel: "Ich habe den Wunsch, dass wir uns die Kinderbetreuung fair aufteilen."

4. Bitte
Statt einen Vorwurf zu machen und das Verhalten anzuklagen, stellen Sie eine konkrete Bitte an die andere Person. Beispiel: "Könntest du bitte gleich unserem Sohn ein Jausenbrot machen, damit ich meine Arbeit ungestört fortsetzen kann?"