Auch eine Maske kann das wahre Gesicht nicht verbergen.

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In der Krise zeigt sich das wahre Gesicht eines jeden Menschen. Das kann auch eine Maske nicht verbergen. Die Masken fallen für mich gerade: Wir stehen zwar alle im selben Sturm, sitzen aber nicht im selben Boot, wie so oft zu lesen ist. Jeder sitzt in seinem eigenen Schlauchboot und rudert ums eigene Überleben, um seinen Egoismus zu retten. Dieser Meinung bin ich, wir steuern geradewegs in ein narzisstisches Debakel, fernab von ehrlicher Solidarität und Gemeinschaft, niemand will was verlieren. Wir sind zu erfolgsverliebten Egomanen und Selbstoptimierern geworden.

Nur nichts Unangenehmes

Keiner möchte mehr mit unangenehmen Gefühlen in Kontakt treten, wir haben auch bis dato nicht gelernt, Angst zu ertragen. Nur wenige können mit der momentan alles beherrschenden Angst umgehen. Kaum einer will die Angst kennenlernen, um den Veränderungsprozess zu starten, der zu einer psychischen Reifung führt. Diese psychische Reifung entsteht allerdings nicht aus der Erfahrung des widrigen Lebensumstandes und des Traumas, sondern aus dem Bewältigungsbemühen der Betroffenen, mit der erlittenen und erlebten Situation in einer für sich subjektiven akzeptabel und erträglich empfundenen Weise fertigzuwerden. Aber was soll man nun tun, wenn man sich gerade auf stürmischer See befindet und die Orientierung scheinbar aus den Augen verloren hat? Es gibt einige Tatsachen, die gewiss sind, wie eben die Angst.

Angst – Ratgeber und Chance

Die Angst ist eine der wichtigsten Emotionen, die der Mensch seit Urzeiten hat. Sie hat uns schon immer gewarnt, gewarnt vor der Gefahr, um zu reagieren. Heute ist die Angst eigentlich immer noch ein guter Ratgeber und Wegweiser, ein Seismograf, der zeigt, wo es Unstimmigkeiten in der Welt und im eigenen Leben gibt. "Die Krise als Chance" – das kann ich persönlich bald nicht mehr hören –, und doch ist die Angst unsere größte Chance. Wir wünschen uns die vertrauten Lebensumstände zurück, vermeiden aber dadurch die Veränderung und die damit einhergehende Möglichkeit, emotional zu reifen.

Schon vor der Krise war das Schlagwort Veränderung präsent. Wir sollten unseren Lebensstil, unser Essverhalten, unser Styling, unseren Beruf, unseren Partner, einfach alles dauernd verändern und perfektionieren. Jetzt haben wir es aber mit einer essenziellen Veränderung zu tun, die unsere tiefsten Ängste sichtbar macht.

Ja, es kommen weitere unsichere Zeiten auf uns zu, und ja, wir brauchen das, um zu erkennen. Vermeintlich sicher sitzen viele von uns "noch" in ihrem gewohnten Status quo, gruseln sich isoliert, aber doch gemeinsam via Skype und Co vor dem Virus und seinen Folgen, um zu hoffen, dass alles wieder so wird, wie es war.

Für mich ist die Angst ein Türöffner in mein dunkelstes Zimmer, wo der Mensch nur selten hineinschaut. Deshalb: raus mit uns aus dem schönen Zimmer und wagen wir den Schritt ins Angstkarussell. Rein in das schummrige Zimmer, wo meine verborgenen Ängste schon auf mich warten. Die Angst lehrt uns zu fühlen, den Moment anzunehmen und nicht nach vorne oder hinten zu denken. Reden wir uns die Angst nicht schön. Nach der Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens, dem Zorn und der Wut, dem Verhandeln und der Depression kommt endlich die Akzeptanz und das Annehmen, und erst dann verändert sich etwas in uns. Daher mein Appell: Treten Sie mit dem, was gerade ist, in Kontakt. Hören Sie auf, Brot zu backen, halten Sie inne, hören Sie, was Ihnen Ihre Angst sagen möchte. Als Psychotherapeutin arbeite ich mit Menschen und ihren Emotionen sowie Vermeidungsstrategien.

Zorn und Wut, ja auch

Dass dabei viel Zorn und Wut aufkommen kann und eine Verhandlung darüber beginnt, alte Wege nicht verlassen zu müssen, um neue heilsame Wege zu beschreiten, ist Teil des therapeutischen Prozesses. Auch die damit verbundene Depression muss durchlitten werden, und man sollte es wie Churchill halten: "If you’re going through hell, keep on going". Nur dann kommt man in die Akzeptanzphase, und das ist das Licht am Ende des Tunnels. Wer in der Mitte des Tunnels den Notausgang nimmt, ist zwar schneller draußen, steht aber irgendwo im Nirgendwo und findet nicht den rechten Weg.

Gestehen wir uns ein, dass es jetzt einmal einfach schlecht ist. Je schneller wir das annehmen und akzeptieren, desto schneller löst sich die Angst auf, und wir übernehmen wieder das Steuer unseres Lebens. Wir sind gerade gemeinsam hingefallen. Kurz innehalten, nachdenken, aufstehen und selbstbestimmt weitergehen.

Wenn ich mit schwer depressiven Menschen arbeite, kommt es erst zu einer Besserung, wenn der Klient oder die Klientin alleine aus dem Bett aufsteht, aus der Lähmung rauskommt und so beginnt, wieder selbstverantwortlich und gefestigt durchs Leben zu gehen, und sich dafür entscheidet, aus Mist Dünger zu machen.

Und wer sich achtsam umsieht, wird immer helfende Hände finden, die einen davon abhalten, ein Leben voll der Süchte, des Konsums und der Ablenkung zu führen. Wir stehen einmal mehr an einer Kreuzung, wo es zu entscheiden gilt: Lass ich meine Masken fallen, oder verstecke ich mich hinter schicken Designermasken? Wer sich versteckt, hat gar nichts verstanden. (Monika Spiegel, 2. 5. 2020)