Eine Pandemie wie die aktuelle Corona-Seuche zwingt auch betont traditionelle Organisationen zum Betreten von neuen Wegen. Der Malteserorden blickt auf eine mehr als neunhundertjährige Geschichte zurück und lebt seine althergebrachten Gepflogenheiten und Rituale. Änderungen am Regelwerk und der Verfassung finden nur in behutsamen Schritten statt. Der Tod des Großmeisters des Ritterordens bringt nun ein Novum für die Malteser.

Am Dienstag wird Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto in Rom beigesetzt. Die Totenmesse aus der Ordenskirche Santa Maria del Priorato neben dem Magistralpalast auf dem Aventin wird wegen der behördlichen Personenbeschränkungen aufgrund der Corona-Epidemie per Livestream zu verfolgen sein.

Order of Malta | Official Channel

Krisengroßmeister

Dalla Torre war am vergangenen Mittwoch im Alter von 75 Jahren nach einer monatelangen Erkrankung gestorben. Der Italiener hatte im Jahr 2017 mitten in einer veritablen Krise die Leitung des Ordens übernommen. Unter der Führung des 80. Großmeisters in der Geschichte der Malteser begann eine Modernisierung und Öffnung des Ritterordens.

Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto ist 75-jährig in Rom gestorben.
Foto: AP/Tarantino

Vor der Amtsübernahme Dalla Torres war zum Jahreswechel 2016/17 ein Machtkampf in den höchsten Kreisen des Vatikan eskaliert. Das Ränkespiel erzkonservativer Kardinäle gegen Papst Franziskus stellte den Malteserorden vor eine Zerreißprobe und hatte schließlich den Rücktritt des damaligen Großmeisters Matthew Festing zur Folge.

Der Brite Festing hatte im Dezember 2016 den Großkanzler Albrecht von Boeselager auf Betreiben von Kardinal Raymond Leo Burke gefeuert. Der US-Amerikaner hat die Funktion des Kardinalspatrons inne und ist damit der Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Maltesern.

Entlassung wegen Kondomen

Dem Deutschen Boeselager, dessen Funktion im Prinzip der eines Außenministers entspricht, wurde vorgeworfen, dass bei karitativen Projekten der Malteser in Myanmar auch Kondome verteilt wurden – skandalös für den direkt dem Papst unterstellten Orden. Doch Boeselager berief gegen seine Entlassung. Der Vatikan setzte eine Untersuchungskommission ein. Es stellte sich heraus, dass Kardinal Burke die Entlassung des Großkanzlers hinter dem Rücken des Papstes betrieben hatte.

Giacomo Dalla Torre bei einem Treffen mit Diplomaten in der Magistralvilla in Rom.
Foto: EPA/Ferrari

Boeselagers Entlassung wurde für nichtig erklärt, Festing vom Papst zum Rücktritt gezwungen. Das Amt des Großmeisters ist prinzipiell ein auf Lebenszeit verliehenes, Festings Rücktritt ist in der jüngeren Geschichte der Malteser beispiellos. Kardinal Burke wurde entmachtet, indem mit Giovanni Angelo Kardinal Becciu ein päpstlicher Sonderbeauftragter eingesetzt wurde, der sich seither um die Belange des Ordens kümmert und den Reformprozess der Ordensverfassung begleitet. So erhielt der neugewählte Großmeister Dalla Torre sein Amt aus den Händen Beccius statt wie vorgesehen aus jenen des Kardinalpatrons.

Großkomtur übernimmt

Nach dem Tod Dalla Torres übernimmt nun verfassungsgemäß der Großkomtur Ruy Gonçalo do Valle Peixoto de Villas Boas die Führung des Ordens. Der achtzigjährige Portugiese wird die Malteser bis zur Wahl eines neuen Großmeisters als Luogotenente del magisterio ad interim, als Statthalter des Großmagisteriums, leiten. Gemäß der Verfassung muss die Wahl des Großmeisters nun binnen drei Monaten in Rom stattfinden. Doch Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen ist die Durchführung einer regulären Wahl unrealistisch, der Zeitraum wird daher wohl ausgedehnt werden.

Im Bild rechts neben dem Großmeister Dalla Torre sitzt Großkanzler Albrecht von Boeselager, links von ihm Großkomtur Ruy Gonçalo do Valle Peixoto de Villas Boas.
Foto: EPA/Ferrari

Auch nach dem Rücktritt Festings war der Orden einige Zeit von einem Luogotenente ad interim geführt worden: Damals hatte noch der Österreicher Ludwig Hoffmann-Rumerstein das Amt des Großkomturs inne und musste die ersten Schritte setzen, um die Malteser aus der Krise zu führen. Im April 2017 wurde schließlich Dalla Torre zum auf ein Jahr befristeten Statthalter und schließlich im Mai 2018 zum Großmeister gewählt.

Reformen

Die Reformierung des Ordens soll zu mehr Transparenz führen. Die strengen Beschränkungen für den Aufstieg in höchste Ordensämter, für die eine lange adlige Abstammung vorhanden sein muss, werden neu geregelt. Auch Frauen übernehmen künftig eine größere Rolle im traditionell sehr männlichen Orden.

Nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt

Der Malteserorden – mit voller Bezeichnung lautet der Ordensname "Souveräner Ritter- und Hospitalorden vom Heiligen Johannes von Jerusalem von Rhodos und von Malta" – ist ein souveränes nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt. Er unterhält diplomatische Beziehungen zu 110 Ländern und hat eine eigene Währung, Postwertzeichen und Automobilkennzeichen. Bei den Vereinten Nationen hat der Malteserorden den Status eines ständigen Beobachters. Seine Geschichte geht auf das Hospital des heiligen Johannes in Jerusalem zurück – daher auch der Name Johanniterorden. Er entstand im Jahr 1099 nach der Eroberung Jerusalems während des ersten Kreuzzugs.

Eine Mitarbeiterin des Malteserordens im Corona-Einsatz in Mailand.
Foto: APA/AFP/Medina

Seine Aufgabe bestand in der Versorgung und dem Schutz der Pilger im Heiligen Land. Im Zuge der islamischen Expansion mussten die Ordensritter immer weiter nach Westen weichen – über Zypern und Rhodos bis nach Malta, woher der heutige Name rührt. Heute sind die Malteser mit mehr als 13.500 Mitgliedern und 80.000 ehrenamtlichen Helfern in mehr als 120 Ländern weltweit mit sozialen Projekten aktiv und betreiben ein Portfolio von Krankenhäusern, Zentren für Drogenkranke, Flüchtlingslagern und Katastrophenhilfe. (Michael Vosatka, 5.5.2020)