Das Gefühl des Campus im Ausland? Erasmus vom Sofa aus.

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Jeden Donnerstagabend trifft Fabian Karner, Erasmus-Student an der Universität Utrecht, seine Studienkollegen aus Deutschland, Spanien und Tschechien. Die Treffen der Erasmus-Clique finden aber nicht mehr in der engen Gemeinschaftsküche ihres Utrechter Studentenheims statt, sondern per Videochat.

Die Corona-Pandemie zwang Karner und die meisten seiner Freunde zur Rückreise in ihre Heimatländer. Sein Studium in den Niederlanden hat der 23-jährige Geschichtsstudent aus Wien nicht abgebrochen: Die Lehrveranstaltungen besucht er nun online in seiner Wohnung in Wien.

Laut Österreichischem Austauschdienst (OeAD), der die Erasmus-Stipendien abwickelt, hatten dieses Sommersemester etwa 3500 Personen Erasmus-Aufenthalte geplant. Eine österreichweite Statistik, wie viele davon wegen Corona zurückkamen, gibt es nicht. "Allerdings können wir aus Rückmeldungen und Anfragen schließen, dass die meisten unserer Aufforderung heimzukehren gefolgt sind", sagt OeAD-Geschäftsführer Jakob Calice. Auch dann werde man weiterhin vom OeAD gefördert.

An der Uni Wien sind laut International Office etwa 450 von 650 Erasmus-Studierenden nach Österreich heimgekehrt. Einer davon ist Karner: "Ich war in einer WG mit zwölf internationalen Studierenden, von denen acht nach Hause geflogen sind." Die WG und das damit erhöhte Ansteckungsrisiko, sowie die höchste Reisewarnstufe für die Niederlande waren entscheidend für seine Rückreise.

Trotz Distance-Learning funktioniere die Kommunikation zwischen Studierenden und Lehrenden den Umständen entsprechend gut, sagt Karner. "Aber die Betreuung leidet darunter: Ein Seminar wurde gestrichen, jetzt müssen wir uns alles selbst beibringen." Was auch fehle, sei der persönliche Kontakt: "Es ist schwierig, jemanden in einem Onlinekurs kennenzulernen."

(Keine) Aufbruchsstimmung

Marlene Lethmayer, ebenfalls Erasmus-Studentin an der Uni Utrecht, gehört zu den wenigen, die geblieben sind. "Es gab eine große Aufbruchsstimmung unter den internationalen Studierenden. Ich dachte mir, dass es eigentlich egal ist, ob ich zu Hause oder hier im Homeoffice sitze", sagt sie. Auch bei ihr findet der Lehrbetrieb nur digital statt: "Die Uni ist super organisiert, und wir bekommen wöchentlich Corona-Updates."

Für viele Lehrende und Studierende war die Umstellung jedoch eine Herausforderung, sagt Calice vom OeAD. "Technische Voraussetzungen wie ein Computer und stabiles Internet mussten gegeben sein. Das war für Studierende, die in kleinen Wohnungen in Madrid oder im Student-Hostel in Athen fest saßen, natürlich schwieriger."

Lethmayer und Karner hatten sich ihren Auslandsaufenthalt jedenfalls anders vorgestellt. Erasmus bedeutet für viele nicht nur, an einer anderen Uni zu studieren, sondern auch das erste Mal allein im Ausland zu leben, eine neue Kultur kennenzulernen und Studierende aus der ganzen Welt zu treffen. "Ich wollte Niederländisch lernen und viel reisen. Das fällt komplett weg. In dem Ausmaß wird sich das nicht mehr ergeben", bedauert Karner. Trotzdem habe er viele Bekanntschaften gemacht, mit denen er bereits Pläne schmiedet: "Wir wollen zu einem späteren Zeitpunkt für ein Monat zurückkehren, reisen und zumindest ein bisschen was vom Erasmus-Semester nachholen."

Lethmayer will bis zum Semesterende in Utrecht bleiben. "Von meinen Plänen, viele Menschen kennen zu lernen, zu reisen, Museen und Konzerte zu besuchen, bleibt wenig", sagt sie. Dafür es sei eine Erfahrung wert, in der Situation auf sich allein gestellt zu sein.

Virtuell versus vor Ort

An der Uni Wien rechnet man mit einem Rückgang an Erasmus-Studierenden, mittelfristig mit einer Stabilisierung. Laut OeAD gehen die Vorbereitungen für das Erasmus-Programm im Wintersemester trotz Corona weiter – auch wenn es wohl von Land zu Land Unterschiede geben wird. Denn der Antritt des Auslandssemesters hänge von den Reiseempfehlungen des Ministeriums ab. Ein virtueller Aufenthalt könne aber einen vor Ort nicht ersetzen, sagt Calice. "Eine gemeinsame europäische Identität braucht den direkten Austausch."

2021 startet zudem die Nachfolgegeneration des aktuellen Programms. Künftig sollen Präsenz- und Onlinephasen an Gastunis verknüpft werden, um auch kürzere Aufenthalte zu ermöglichen. Somit wirkt die aktuelle Krise fast wie ein Testlauf: Erfahrungen im Homelearning werden die Unis bis dahin wohl gesammelt haben. (Jakob Pflügl, 29.5.2020)