Galt vielen lange als das Hauptproblem von Microsoft: Der ehemalige Chef Steve Ballmer.

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Anfang des Jahrtausends waren die Rollen in der Softwarewelt klar verteilt: Microsoft hatte mit Windows nicht nur den Computermarkt praktisch zur Gänze unter seine Kontrolle gebracht, das Unternehmen war auch gerade drauf und dran die Konkurrenz in der Browserwelt aus dem Geschäft zu drängen – und so den strategisch wichtigen Zugang zum World Wide Web unter seine Kontrolle zu bringen. Die Methoden, derer man sich dabei bediente, waren allerdings nicht immer die feinsten. Dies bescherte dem Softwarehersteller wiederum eine zwar kleine aber durchaus lautstarke Opposition ein, der Microsoft als eine Art Manifestation des Bösen schlechthin galt. Microsoft wiederum befeuerte diesen Konflikt sogar, in dem man etwa das freie Betriebssystem Linux abwechselnd als "Krebsgeschwür" oder als kommunistische Bedrohung für den US-Lebensstil brandmarkte.

Der große Umbruch

In den darauffolgenden Jahren passierte etwas, mit dem kaum mehr jemand zu rechnen gewagt hatte: Während Microsoft durch diverse kartellrechtliche Untersuchungen abgelenkt war, konnten sich neue Konkurrenten etablieren. Im Browsermarkt war dies zunächst vor allem Mozillas Firefox, etwas später folgte dann Googles Chrome. Und überhaupt führte der rasante Trend zu Online-Services dazu, dass Desktop-Betriebssysteme immer stärker an Bedeutung verloren, was auch die Macht von Microsoft schwächte.

All das hatte wiederum zur Folge, dass der Softwarehersteller viele seiner früheren Positionen hinterfragen musste. Vor allem unter dem aktuellen Firmenchef Satya Nadella zeigte sich eine unübersehbare Wandlung hin zu einem freundlicheren Microsoft. Einem, das zwar noch immer ziemlich mächtig ist, das sich aber nach außen betont offen und fair gibt – und das sogar irgendwann einmal gelernt hat Open Source zu "lieben", wie man regelmäßig betont. Umso überraschender kommen einige aktuelle Vorfälle, die Marktbeobachter bereits die Frage aufwerfen lassen: Kommt das "böse" Microsoft zurück?

Browser-Offensive

Da wäre einmal Microsofts neueste Unternehmung in Browserfragen. Nachdem man sich jahrelang äußerst unerfolgreich gegen den Aufstieg von Chrome gestemmt hatte, versucht man es nun mit Kooperation. Seit einigen Monaten gibt es also eine neue Version von Edge, die auf Googles Chromium-Projekt aufbaut – und damit exakt dieselbe Grundlage, die auch von Chrome genutzt wird. Passend dazu betont man gerne, wie befruchtend und freundlich die Kooperation der zwei Softwareriesen sei.

Warnsignale

Die Art wie Microsoft nun Windows-Nutzern den neuen Edge aufdrängt, erinnert nun aber frappant an frühere Zeiten. In Folge eines Windows-Updates sahen sich die User unlängst nach einem Neustart mit einem bildschirmfüllenden Dialog konfrontiert. Dessen Aufgabe: Die Nutzer zum Umstieg auf den Microsoft-Browser zu bringen. Dass sich dieser nur schwer beenden ließ, im Hintergrund trotzdem gleich einmal sämtliche Daten von Firefox und Chrome ungefragt kopiert wurden, und selbst nach einer Ablehnung der Edge sich weiter prominent positionierte, brachte dem Unternehmen harsche Kritik ein. So sprach etwa The Verge wörtlich davon, dass solches Verhalten eigentlich sonst nur von Schadsoftware bekannt sei.

Was dazu kommt: Dies war bei weitem nicht der einzige Versuch von Microsoft die Nutzer zum Umstieg auf Edge zu drängen. So nutzt das Unternehmen gleich mehrere Orte in Windows, um Werbung für seinen Browser zu machen. Angesichts dieser reichlich offensiven Vorgangsweise darf auch nicht verwundern, dass selbst das, was man sonst als simple Bugs abtun würde, wieder für Diskussionen sorgen. Passt doch der Umstand, dass Edge zuletzt abstürzte, wenn man Google als Standard-Suchmaschinen ausgewählt hatte, nur allzu gut in das Narrativ des wieder "bösen" Microsofts.

Teams vs Slack

Doch die vergangenen Wochen brachten noch weitere neue Vorwürfe gegen das Geschäftsgebaren von Microsoft. So sieht sich auch Konkurrent Slack an das alte Microsoft erinnert. In einer Beschwerde an die EU-Kommission spricht der Entwickler des Kooperations-Tools davon, dass Microsoft seine Marktmacht unfair ausnutze, um Mitbewerber aus dem Markt zu drängen. Konkret geht es dabei um den Slack-Konkurrenten Microsoft Teams und dessen enge Verzahnung mit all den anderen Tools des Windows-Herstellers.

In der Beschwerde zieht Slack dann auch klare historische Parallelen. "Microsoft kehre zu seinem alten Verhalten zurück". Das Unternehmen habe ein schwache Kopie von Slack erzeugt, und versuche nun diese über die eigene Dominanz im Office-Bereich den Nutzern aufzudrängen. Auch dass man dieses bei Kunden zum Teil zwangsweise installiere und die restlose Entfernung blockiere, erinnere an jene Methoden, die Microsoft dereinst in Schwierigkeiten gebracht haben. Slack-Chef Stewart Butterfield fand in einem Interview mit dem Wall Street Journal sogar noch deutlichere Worte: "Sie wollen uns töten anstatt einfach ein gutes Produkt anzubieten und ihre Kunden glücklich zu machen".

Realitätscheck

In Wirklichkeit zeigt all das natürlich etwas ganz anderes: Nämlich, dass die Erzählung von guten oder bösen Softwareherstellern generell Unsinn ist. Ob Apple, Google, Facebook oder eben auch Microsoft – alle folgen sie schlicht den Interessen ihrer Aktionäre und damit auch der Marktlogik. Und die heißt nun einmal, dass sie mit aller Macht versuchen, zu wachsen und ihren Gewinn zu optimieren. Gelingt es dabei sich das Mäntelchen des "guten" Unternehmens umzuhängen, schadet das natürlich nicht – in der Praxis ist das aber eben nicht mehr als Marketing. Das war früher bei Googles "Don't be evil" nicht anders, und das ist es ebenso wenig bei Apples so gerne betontem Einsatz für die Privatsphäre der User. Apple hat hier schlicht den Umstand, dass man im Gegensatz zur Konkurrenz nicht vom Werbegeschäft abhängig ist, als Marketing-Vorteil identifiziert, und spielt dies geschickt aus.

Und auch Microsoft ist natürlich genau ebenso lange "gut", solange es anderen Interessen nicht im Weg steht. Jetzt muss Microsoft nur hoffen, dass man damit nicht wieder das Interesse der Kartellwächter auf sich zieht. Denn aktuell scheinen sich diese ja gerade für ganz andere Firmen zu interessieren – also Apple, Amazon, Facebook und Google. Dies könnte sich aber schnell wieder ändern, wenn der Windows-Hersteller allzu offensiv oder wie in diesen Fällen auch einfach ziemlich ungeschickt vorgeht. (Andreas Proschofsky, 2.8.2020)