Moral ist nicht objektiv, findet der Grazer Philosoph Thomas Pölzler im Gastkommentar. Sie aber ganz abzuschaffen, wäre auch nicht sinnvoll. Er empfiehlt eine Rückbesinnung auf die Tugend der intellektuellen Demut. Lesen Sie dazu auch den Gastkommentar von Klaus Kastberger, Professor für Gegenwartsliteratur: "Kultur braucht Konfrontation".

"Sind Frauen erwachsene weibliche Menschen?" Das ist der Titel eines Aufsatzes von MIT-Professor Alex Byrne, der vor einigen Monaten in einer wichtigen philosophischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Für manch einen mag die Frage unverfänglich klingen, vielleicht sogar komisch oder trivial. Doch schon bald nach der Veröffentlichung wurde Byrne zur Zielscheibe persönlicher Angriffe von Verteidigern der Rechte von Transgender-Personen, einer der Herausgeber der Zeitschrift erklärte seinen Rücktritt, und im Internet krachten einmal mehr die Fronten aufeinander.

Dieser Fall ist symptomatisch. Im Zeitalter der Twitter-Erregung verschwimmen die Grenzen zwischen sachlicher Argumentation und bloßer Emotion. Selbst der wissenschaftliche Diskurs ist davor nicht mehr gefeit. Hitzköpfigkeit und Ausgrenzung von Andersdenkenden nehmen auch hier zu. Das Resultat ist ein Klima, in dem Debattenteilnehmer beider Seiten über Angst klagen, frei ihre Meinung zu äußern. Schließlich schwebt über uns allen das Damoklesschwert des "Gecancelt-Werdens". Die Ursachen der Misere sind vielfältig. Eine davon ist die Moral – oder genauer gesagt: eine missverstandene Moral.

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Brandbeschleuniger Moral

Der Vorwurf, dass die Moral Konflikte befeuert und Kompromisse erschwert, ist fast so alt wie sie selbst. Ein Thema durch die moralische Brille zu betrachten, kann uns engstirniger und rechthaberischer werden lassen. Wenn wir glauben, auf der Seite des Guten zu stehen, können wir uns den Argumenten unseres Gegenübers verschließen und Gefahr laufen, ihn für moralisch ignorant oder vielleicht sogar böse zu halten. Hinzu kommt, dass es manchen Leuten gar nicht um das Gute geht. Sie wollen bloß nach außen hin ihre Zugehörigkeit zu einer weithin als gut wahrgenommenen Sache demonstrieren oder sich im Gefühl ihrer moralischen Überlegenheit sonnen.

Was also sollen wir tun? Ein radikaler Vorschlag wäre: Schaffen wir die Moral doch einfach ab. Hören wir auf, Handlungen in gute und schlechte, richtige oder falsche einzuteilen.

Tatsächlich vertritt eine kleine Minderheit an Denkern diesen "moralischen Eliminativismus". Doch dieser Vorschlag überspannt den Bogen. Neben ihren schlechten hat die Moral auch ihre guten Seiten. Sie kann uns dazu motivieren, unsere egoistischen Impulse in Schach zu halten. Manchmal tun wir tatsächlich gut daran, Personen, Handlungen oder Überzeugungen scharf zu verurteilen. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass wir moralisches Denken überhaupt aus unseren Köpfen verbannen könnten. Dinge zu bewerten liegt Menschen evolutionär betrachtet einfach im Blut.

Statt der Abschaffung der Moral schlage ich etwas anderes vor: die Tugend der intellektuellen Demut.

Bloße Leitplanken

Was lässt uns in Debatten intolerant und starrköpfig werden? Psychologische Studien legen nahe, dass der Übeltäter gar nicht so sehr die Moral selbst ist. Es ist eher die Interpretation der eigenen moralischen Überzeugung als objektiv.

In seinem neuen Buch Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten verteidigt der deutsche Philosoph Markus Gabriel eine solche moralische Objektivität. Er spricht von allgemeingültigen moralischen "Leitplanken": Handlungen, die immer richtig oder falsch, gut oder schlecht sind. Das ist plausibel. Niemand will, dass ihm grundlos gegen das Schienbein getreten wird. Allen Menschen ist ein Mindestmaß an Respekt, Freiheit und Grundbedürfnisbefriedigung geschuldet.

Meiner Meinung nach besitzt die Moral diese objektive Qualität aber nicht vollumfänglich. Gabriels Leitplanken sind wirklich nicht mehr als das: Leitplanken; dazwischen liegt eine weite Landschaft subjektiver moralischer Fragen. Auf diese Fragen gibt es nicht die eine richtige Antwort, sondern mehrere akzeptable Antworten. Was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, hängt zumindest teilweise von den je eigenen Werten oder den Werten der Gemeinschaft ab.

Einen Ausgleich finden

Moralische Demut bedeutet, diese Subjektivität eines Teils der Moral mitzubedenken. Wenn es keine objektiv richtige Antwort auf eine moralische Frage gibt, kann es nicht darum gehen, eine Auseinandersetzung zu gewinnen und sich über den anderen zu erheben. Es muss darum gehen, den anderen zu verstehen und so einen Ausgleich der unterschiedlichen Interessen zu finden.

Vielleicht kaufen Sie mir die These von einer teilweise subjektiven Moral nicht ab. Also gut. Aber selbst dann gibt es eine weitere starke Basis für die hier eingeforderte intellektuelle Demut. Psychologische Studien lehren uns, dass die meisten Menschen in den meisten Fällen schlicht und ergreifend nicht besonders gut darin sind, moralisch zu urteilen.

"Moralische Demut bedeutet auch, sich bewusst zu sein, dass man auch falsch liegen könnte."

Viele unserer moralischen Urteile sind ein Produkt emotional gefärbter Intuitionen; es ist, um mit dem Psychologen Jonathan Haidt zu sprechen, der emotionale Schwanz, der mit dem rationalen Hund wackelt, nicht umgekehrt. Gute Laune macht unsere Urteile milder. Wir selbst und uns Nahestehende kommen dabei ohnehin meist besser weg als andere. Oft fehlt uns auch einfach notwendiges Tatsachenwissen. In einem gewissen Sinn ist diese Diagnose nicht verwunderlich. Moralische Fragen sind oft komplex, doch nur wenigen mangelt es mit Bezug darauf an Selbstvertrauen. Wie der Philosoph Hanno Sauer dies unlängst lapidar ausgedrückt hat: "Die meisten Menschen investieren deutlich mehr Zeit und Mühe in die Wahl ihres neuen Smartphones als in die Wahl ihrer moralischen Meinungen." Diese Nonchalance legen wir selbst mit Bezug auf unsere grundlegendsten Wertvorstellungen an den Tag.

Moralische Demut bedeutet auch: nicht vorschnell zu urteilen; sich zu informieren, was Sache ist; seine Urteile und ihr Zustandekommen kritisch zu reflektieren; und vor allem sich bewusst zu sein, dass man auch falsch liegen könnte. Oft heißt das auch einfach, gar keine Wertung vorzunehmen, sich eines Urteils also zu enthalten.

So what?

Sollte man also unter Frauen weibliche erwachsene Menschen verstehen? Sind Frau-Sein und Mann-Sein eher biologische (oder eher soziale) Kategorien? Darauf habe ich keine wohlbegründete Antwort. Aber ich glaube, dass man über diese und viele andere Fragen sachlich, offen und mit angemessener intellektueller Demut diskutieren sollte. Heben wir uns unsere Entrüstung für jene Fälle auf, in denen sie wirklich gerechtfertigt ist: in denen wir gute Gründe haben zu glauben, dass objektive Maßstäbe verletzt wurden. (Thomas Pölzler, 10.8.2020)