Die einen kämpfen ums Überleben, die anderen ertrinken in Arbeit und Geld. In Krisenzeiten spitzt sich zu, was in der Wirtschaftswelt jederzeit zum Geschäft gehört. Amazon-Boss Jeff Bezos machte jüngst Aktien im Wert von drei Milliarden Dollar zu Geld. Der Online-Riese wurde von den Konsumenten in Corona-Zeiten gestürmt. Die Krise macht den reichsten Mann der Welt noch reicher. Auch wenn der Gewinn im zweiten Quartal wegen hoher Ausgaben um knapp ein Drittel geschrumpft ist, Sorgen machen muss man sich nicht: Es blieben 2,5 Milliarden Dollar. Der 100 Jahre alte US-Autovermieter Hertz musste hingegen im Mai in seiner Heimat Gläubigerschutz anmelden. Auch hierzulande steht wohl eine Pleitewelle ins Haus.

Gewinner und Verlierer

Ausnahmesituationen wie Corona sorgen dafür, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Das gilt für Volkswirtschaften und erst recht für Unternehmen. Wie groß der Schaden wirklich ist, hängt von vielen Faktoren ab. Für einen Kassasturz ist es zu früh. Tourismus, Gastronomie, Autobranche und viele stationäre Händler gehören mit Sicherheit heuer zu den Verlierern. Einschränkungen im Handel und in Dienstleistungsbranchen haben die heimische Wirtschaftsleistung maßgeblich gedämpft, analysiert Wifo-Forscher Christian Glocker. Auf Handel, Wartung und Reparatur von Kfz, Verkehr, Beherbergung und Gastronomie entfiel im zweiten Quartal fast die Hälfte des BIP-Rückganges. Der fiel mit 10,7 Prozent deftig aus.

Herr der Ringe: Werner Gassner und seine Frau Gerda wollten eigentlich leisertreten. Seit längerem sucht der Chef von Gassner Elastics in Weiten im Waldviertel einen Nachfolger. Doch aus dem Rückzug wurde nichts. Der 70-jährige Unternehmer arbeitet täglich 14 Stunden. Der Betriebsurlaub wurde gestrichen, es ist einfach zu viel los. Gassner Elastics fertigt eine breite Produktpalette – darunter als einer von wenigen Anbietern auch Gummibänder für Masken. Seit dem Corona-Ausbruch ist die Nachfrage explodiert – und "es hört nicht auf", so Gassner, der das Geschäft seines Lebens macht. Neue Mitarbeiter wurden eingestellt, neue Maschinen angeschafft, mehr Schichten eingelegt. Einerseits müsse man froh sein, sagt Gassner, "rundherum sperren die Betriebe zu". Doch andererseits "haben wir eine gewaltige Arbeitsbelastung. Beliefert wird der gesamte EU-Raum. Immer noch wird doppelt so viel produziert wie zu normalen Zeiten. Die Erträge sind mehr als deutlich gestiegen. Dazu kommt ein weiteres Standbein, das viel Arbeit macht. Auch die Kamelreitschule der Gassners ist begehrter als zu normalen Zeiten.
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Doch nicht alle Betriebe leiden. Krankenhäuser und Kraftwerke haben nie zugesperrt, manche Lebensmittelproduzenten legten Sonderschichten ein, Unternehmen statteten im großen Stil Mitarbeiter für das Homeoffice aus, große Produktionsbetriebe treiben Digitalisierung und Automatisierung voran. Nicht nur internationale Techriesen wie Microsoft, Apple, Amazon, Alphabet und Facebook weiten in der Pandemie Macht und Gewinne aus. Man sei ein "klarer Profiteur der Corona-Krise", sagt Hannes Niederhauser, Chef des IT-Dienstleisters S&T. Die Linzer betreiben Rechenzentren, warten IT-Produkte und bieten Videokonferenz- und E-Learning-Lösungen an. Umsatz und Gewinn sind kräftig gestiegen, die Aussichten für heuer, das nächste und übernächste Jahr: positiv.

Um Geschäfte einer ganz anderen Größenordnung und unheimlicheren Art geht es bei Big Data. Corona rief die dicken Fische auf den Plan. Das US-Unternehmen Palantir umgarnte die österreichische Regierung mit Software-Tools zur Corona-Bekämpfung. Die Rot-Kreuz-App, bei der der Beratungsriese Accenture mitspielt, setzte sich durch. Bei solchen Projekten geht es um richtig viel Geld.

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Leibspeisenproduzent: Nudeln wurden heuer zu Gold. Solche Mengen schaufelten die Menschen in ihre Einkaufswägen, dass Regale im Handel lange leer blieben. Heimische Hersteller wie Recheis und Wolf kamen mit der Produktion kaum nach. Jetzt habe sich die Lage beruhigt, sagt der burgenländische Produzent Joachim Wolf. Er hat in Güssing Sonderschichten eingelegt, Wochenende um Wochenende durchproduziert, die Kapazitäten verdoppelt. "Wenn der normale Alltag sich in zwei, drei Monaten wieder einfindet, werden wir Daumen drehen", ächzte der Unternehmer im März. Jetzt produziert Wolf wieder fast im üblichen Rahmen. Fast. Denn Daumen drehen müssen seine Mitarbeiter nicht. War der Umsatz von Mitte März bis Mitte Mai fast doppelt so hoch, ist er auch jetzt noch höher als im Vorjahr. "Vielleicht hat uns der Konsument kennengelernt, vielleicht isst er mehr Nudeln", ganz genau weiß Wolf das nicht. Eines kann er aber sagen: Auch wenn die Deckungsbeiträge höher seien – "eine goldene Nase haben wir uns nicht verdient". Einen Großteil der Mehrumsätze haben die höheren Kosten für die Überstunden der Mitarbeiter aufgefressen. Aber das ist ihm ohnehin nicht das Wichtigste: "Ich bin stolz, dass wir das geschafft haben."
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Bodenständiger läuft es bei KTM ab. Der E-Bike-Boom bringt die Oberösterreicher zum Schwitzen. 15 Prozent mehr Mitarbeiter montieren statt 800 nun 1000 Räder am Tag. Fachhändler naschen mit. Auch der Outdoorboom beflügelt, heißt es bei Bergsport Schwanda in Wien. Der Verlust aus dem Lockdown sei zwar schwer aufzuholen, aber jetzt laufe es richtig gut. Wanderschuhe und Schlafsäcke sind gefragt und werden gekauft. Das schlägt sich im Umsatz nieder, der zehn bis 15 Prozent höher ist.

In großen Branchen wie dem Handel liegen Glück und Unglück nahe beieinander. Während die Krise bei Modehändlern schon zahlreiche Opfer forderte, dürften Baumärkte und Sporthandel gut davonkommen.

Beauty-Seelsorger: Rainer Deisenhammer war auf das Schlimmste eingestellt. Der Eigentümer von GW Cosmetics hat im April fest damit gerechnet, dass mit dem Stillstand in Frisier- und Kosmetiksalons der Einbruch kommt. Sein Unternehmen produziert in Leopoldsdorf unter anderem Wimpern- und Augenbrauenfarbe (Refecto-Cil, Beauty Lash, Anm.). Seine Hauptabnehmer sind die Profis. Doch Deisenhammer hat sich komplett geirrt. Es kam die Krise, und es kamen jede Menge Bestellungen – aus dem Einzelhandel und aus dem Ausland. "Wir sind erschlagen worden vor Aufträgen", sagt der 72-Jährige. Die Nachfrage ist explodiert, hat den Wegfall des Profigeschäfts mehr als wettgemacht. "Statt im April in Kurzarbeit zu gehen, haben wir auf Zweischichtbetrieb umgestellt." Deisenhammer sucht immer noch Mitarbeiter. Derzeit liegt der Umsatz 28 Prozent über dem des Vorjahres. Womit er nicht gerechnet hat: Frau wollte sich erst recht schminken, als die Beautyprofis geschlossen hatten. Jetzt haben Kosmetiksalons wieder geöffnet, aber auch die Nachfrage nach Produkten für daheim lasse nicht nach, sagt Deisenhammer, lobt Mitarbeiter und Partner und fördert Kultur-Events.
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Auf der Gewinnerseite sind auch die großen Lebensmittelriesen. Platzhirsche wie Spar und Rewe lassen sich nicht in die Karten schauen, aber die Umsätze dürften im dreistelligen Millionenbereich gestiegen sein. Handelsexperte Christoph Teller von der Johannes-Kepler-Universität Linz schränkt ein. "Es entstanden zusätzliche Kosten, die von fast allen Händlern geschluckt wurden, Personalstunden, Desinfektionsstationen, Plexiglasvorrichtungen." Möglich, dass am Ende der wahre Sieger der Diskont sei. Denn: "In Krisen – beziehungsweise wenn sich diese in den Köpfen der Menschen manifestiert haben – schlägt die Stunde der Diskonter."

Erstaunliche Nischen

Nicht immer klingeln die Kassen, wo man es erwarten würde. Der Faserhersteller Lenzing, der mit Palmers ein Joint Venture zur Maskenproduktion gegründet hat, fuhr im Halbjahr Verlust ein. Der niederösterreichische Kosmetikhersteller GW Cosmetics kommt den Bestellungen nach Augenbrauenfarbe kaum nach und profitiert auch finanziell davon. Höchste Flexibilität war dort ebenso wie beim Nudelproduzenten Wolf oder beim Gummibandhersteller Gassner gefragt. Man stellte sich in Windeseile um. "Anders kann man aber sowieso nicht überleben", sagt der 70-jährige Firmenchef Werner Gassner trocken. (Regina Bruckner)