Donald Trump, der 45. Präsident der USA, und deren erster: George Washington.
Foto: reuters / jonathan ernst

Ein Wechselbad der Gefühle haben die vergangenen Stunden US-Präsident Donald Trump beschert. Zum einen konnte er sich darüber freuen, dass ein norwegischer Parlamentarier sein Ego streichelte und ihn bereits zum zweiten Mal für den Friedensnobelpreis vorschlug – ja, Sie haben richtig gelesen. Andererseits gibt es jedes Jahr tausende Verleihungsvorschläge für einen der Nobelpreise – sogar Adolf Hitler, Benito Mussolini oder Josef Stalin waren zu ihrer Zeit nominiert worden. Und diese bekamen ihn bekanntlich ja dann doch nicht.

Nach dem Höhenflug folgte am Abend für Trump eine harte Landung in der Realität durch die Präsentation wenig schmeichelhafter Enthüllungen über seine Amtsführung. Verantwortlich dafür war ein Journalist, der schon dazu beigetragen hatte, dass Präsident Richard Nixon 1974 zurücktreten musste: In Auszügen wurden Inhalte von Bob Woodwards neuestem Buch "Rage" (Wut) bekannt – und es spricht viel dafür, dass dieses Opus den Rest des Wahlkampfes mitbestimmen könnte.

"Wut" nennt sich Bob Woodwards Buch über Donald Trump.
Foto: epa / simon & schuster

Seine Recherchen würden belegen, so schreibt der heute 77-jährige Watergate-Aufdecker, dass Präsident Trump bereits Ende Jänner von konkreten Gefahren einer Covid-19-Epidemie wusste, diese aber wochenlang negierte und herunterspielte. In einer Tonaufzeichnung sagte Trump demnach: "Ich wollte es immer herunterspielen, und ich will es immer noch herunterspielen, um keine Panik zu schaffen." Trumps Herausforderer bei der US-Wahl am 3. November Joe Biden warf dem Amtsinhaber "Betrug" vor, er habe "fast schon kriminell" mit "Leben und Tod von US-Bürgern" gespielt und "seine Pflicht bewusst verletzt".

In Woodwards Buch sind auch Trumps teils grotesk wirkende Briefe von Nordkoreas Diktator Kim Jong-un nachzulesen, in denen u.a. von "Magie" und einer "tiefen und speziellen Freundschaft" die Rede ist. Das Regime in Pjöngjang ließ offenkundig wenig unversucht, um dem US-Präsidenten zu schmeicheln.

Befehl zur Ablenkung und Übertreibung

Der Enthüllungen aber noch nicht genug: Laut einem Whistleblower hat das Weiße Haus dem Heimatschutzministerium befohlen, die Öffentlichkeit nicht mehr über russische Manipulationsversuche auf die US-Wahl zu informieren. Stattdessen sollten Gefahrenmomente aus China und dem Iran betont und auch absichtlich übertrieben dargestellt werden. Außerdem heißt es auch, die Regierung habe ihren Beamten empfohlen, die durch weiße Rassisten und Überlegenheitsdenker ausgeübte Gewalt weniger als bisher herauszustreichen – und dafür jene, die durch linke Gruppe und insbesondere Antifaschisten ausgeübt wird, besonders zu betonen.

Für Aufsehen sorgte in den abendlichen Talk-Shows aber auch der ehemalige US-Verteidigungsminister Jim Mathis: Dieser hat sich laut Woodward dem damaligen Direktor der Nationalen Nachrichtendienste Dan Coats anvertraut und gemeint, es könne "die Zeit kommen, in der wir handeln müssen". Trump sei "gefährlich und ungeeignet", das Amt des US-Präsidenten auszuüben. Mathis spielte damit offenbar auf einen Passus des 25. Zusatzartikels der US-Verfassung an: Dieser sieht vor, dass der Vizepräsident gemeinsam mit einer Mehrheit der Kabinettsmitglieder oder jener des US-Kongresses den Präsidenten des Amtes entheben kann, wenn dieser seiner Ansicht nach nicht in der Lage sei, seine Funktionen auszuführen. Diese Regelung ist nicht zu verwechseln mit einem Impeachment-Verfahren, das Trump ja bereits hinter sich hat.

Hatte also Trump mehr als nur einen Feind im Bett? Sicher ist, dass seine Medienmaschinerie in den nächsten Tagen alle Hände voll zu tun haben wird, um die zweifellos fundierten Recherchen Woodwards zu widerlegen. Notfalls wieder mit "alternativen Fakten".

Nawalny und Umfragen

Wenn wir schon bei alternativen Sichtweisen sind: Der Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny ist nach Einschätzung von US-Außenminister Mike Pompeo wahrscheinlich von "hochrangigen" Mitgliedern der russischen Regierung angeordnet worden. Es habe sich um den Versuch gehandelt, "einen Dissidenten zu vergiften", sagte er in einem Interview. Pompeos Chef, Trump, wollte noch vor wenigen Tagen nicht einmal einen Beweis für eine Vergiftung gesehen haben.

Positive Nachrichten – wenn man denn geneigt ist, Umfragen zu glauben – gab es für Joe Biden, der im landesweiten Durchschnitt einen Vorsprung von aktuell 6,9 Prozentpunkten verzeichnet. Doch in den USA werden die Wahlen nicht landesweit, sondern in den einzelnen Bundesstaaten gewonnen. Gut für Biden: Im wichtigen Florida konnte er seinen Vorsprung ein bisschen ausbauen, ebenso in anderen heiklen Staaten. Selbst Texas, seit 1980 eine republikanische Erbpacht, scheint für den Demokraten nicht ganz unerreichbar: Er liegt dort nur knapp hinter bzw. gleichauf mit Trump.

Weniger gut für den Demokraten ist, dass er Insidern zufolge von mutmaßlich von Russland unterstützten Hackern ins Visier genommen worden ist. Der Softwarekonzern Microsoft soll ein Mitglied des Wahlkampfteams darauf hingewiesen haben, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet. Es sei wahrscheinlich, dass die Hacker dem russischen Staat nahestehen. In den vergangenen zwei Monaten sollen demnach Angriffe auf Mitarbeiter der in Washington ansässigen Kommunikationsfirma SKDKnickerbocker durchgeführt worden sein. Das Unternehmen arbeitet mit Biden sowie anderen hochrangigen Demokraten zusammen. Die Hacker seien jedoch nicht in das System eingedrungen. So kommen mutmaßliche russische Manipulationsversuche also doch an die Öffentlichkeit. Wer weiß, was noch alles passiert bis zum 3. November – wir bleiben dran. (Gianluca Wallisch, Manuel Escher, brun, 10.9.2020)