Haus einpacken, aufladen, übersiedeln und einen neuen Job beginnen. Das mag in den USA verbreitet sein, in Österreich eher nicht. Über mehr Mobilität wird nun intensiv diskutiert.

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Arbeitslose Köche in Wien, während die Hotellerie am Arlberg händeringend nach Küchenchefs sucht: Diese Situation war vor Corona ein vielfach beklagtes Defizit am österreichischen Arbeitsmarkt. Da die Vermittlung von gesuchtem Personal über die Bundesländergrenzen hinweg die Lücken nicht füllen konnte, wurden neben EU-Bürgern zusehends Leute aus Drittstaaten geholt. Die Krise ließ die Problematik nur kurz in Vergessenheit geraten.

Am Mittwoch forderte Wirtschaftskammerpräsident Harald Mahrer mehr Mobilität von Arbeitslosen. "Da geht mehr beim Pendeln und Übersiedeln", sagte der ÖVP-Mann. Doch wie sehen die Kriterien aus, und wie gut oder schlecht funktioniert die Vermittlung von Jobsuchenden über größere Distanzen wirklich?

Zwei Stunden Fahrt als Grenze

Da wären einmal die Zumutbarkeitsbestimmungen zu beachten, die für Arbeitslose gelten. Neben Einkommens- und Qualifikationskriterien spielt dabei auch die Entfernung zur offenen Stelle eine Rolle. Zwei Stunden Fahrt zum Arbeitsplatz und retour sind demnach zumutbar.

Mahrer legt sich mit Arbeitnehmervertretern an.
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Die von Mahrer ebenfalls angesprochene Übersiedlung in die Nähe des Arbeitgebers ist auch geregelt. Arbeitslose müssen grundsätzlich einen Job annehmen, wenn damit ein Wechsel des Wohnorts verbunden ist und keine Betreuungspflichten vorliegen. Wichtiger Zusatz: Das Unternehmen muss dann eine Unterkunft zur Verfügung stellen. Solche Lösungen sind in der Hotellerie auch verbreitet, weil Zimmer ohnehin zur Verfügung stehen. Im Produktionsbereich ist Logis dagegen seltener.

Mobilitätsspektrum in Österreich

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass die überregionalen Jobvermittlungen nicht ganz unbedeutend sind – zumindest vordergründig. 80.000 Arbeitslose haben 2019 eine Stelle angenommen, die außerhalb ihres Bundeslands liegt. Das sind immerhin 12,3 Prozent aller Vermittlungen, wie das Arbeitsmarktservice berechnet hat. Traditionell mobil sind die Burgenländer, die mangels Alternativen oft in Niederösterreich und Wien arbeiten. Im östlichsten Bundesland ist der Anteil der über die Landesgrenze hinweg vermittelten Personen mit 38 Prozent am höchsten.

Dahinter folgen die Niederösterreicher, die häufig nach Wien pendeln. Und wie sieht es in der Bundeshauptstadt aus, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten ist? Immerhin 26.000 Personen und somit 17 Prozent waren bereit, einen Job außerhalb Wiens anzutreten. Allerdings zeigt ein genauerer Blick in das Zahlenwerk, dass deutlich mehr als die Hälfte – 18.500 Leute – nach Niederösterreich pendeln.

Niederösterreich-Wien-Nähe

Würde man den Austausch von Wien und Niederösterreich aus der AMS-Statistik herausrechnen, käme man österreichweit nur noch auf sieben Prozent der Vermittlungen von Arbeitslosen, die grenzüberschreitend erfolgen.

Die Debatte über die Sinnhaftigkeit von schärferen Zumutbarkeitsregeln wird sehr kontroversiell geführt. Arbeiterkammer und Gewerkschaft lehnen Änderungen ab, weil das nur den Druck auf Arbeitslose erhöhe. Vielmehr fordern die Arbeitnehmervertreter mehr Anstrengungen, um Personen vor Ort zu qualifizieren. Die Arbeiterkammer-Expertin Silvia Hofbauer erläutert, dass die Zumutbarkeitsbestimmungen jetzt schon sehr streng seien und Verstöße mit Sperren des Arbeitslosengeldes sanktioniert würden.

Auch drei Stunden Wegzeit

Die Judikatur verschärfe die Lage zusätzlich: So habe der Verwaltungsgerichtshof eine tägliche Wegzeit von drei Stunden als zumutbar erachtet. "Wenn dann auch noch ein Zwölfstundentag anfällt, kann man sich ausrechnen, wie viel Zeit für Familie und Freizeit bleibt", so Hofbauer zum STANDARD.

Aus Sicht der Unternehmer wäre hingegen mehr möglich. Die fehlende Besetzung offener Posten koste nicht nur öffentliche Mittel, sondern verringere auch das Potenzial der Volkswirtschaft. Arbeitsmarktexperten verweisen freilich auch auf kulturelle Barrieren. Bei bisherigen Initiativen zur Erhöhung der Mobilität hatten westösterreichische Unternehmen immer wieder damit Probleme, dass die Jobsuchenden mehrheitlich Migrationshintergrund hatten. (Andreas Schnauder, 11.9.2020)