In Berlin gilt derzeit eine Sperrstunde zwischen 23 und 6 Uhr.

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Berlin – "Ok, eines noch, aber dann ist Schluss, definitiv!" Die Ansage des Kellners um 22 Uhr 58 in einem beliebten Lokal am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte klingt nicht so, als ob sie verhandelbar wäre. Schnell werden an einem der Tische im Garten noch zwei Bier serviert, derweil beginnt der Kollege schon, die freien Stühle auf die Tische zu stellen.

Um 23 Uhr nämlich ist nicht nur hier, sondern in der ganzen deutschen Hauptstadt seit diesem Wochenende Schicht im Schacht. Schuld ist Corona, beziehungsweise die vielen neuen Fälle, beziehungsweise diese "ganzen Feier-Party-People", wie viele schimpfen, die schon seit längerem lieber abends daheim am Sofa sitzen und nächtens im Bett liegen.

Lokale und "Spätis" betroffen

Rasant ist die Kurve nach oben gestiegen. Zunächst waren einige Innenstadt-Bereiche Risikobezirke. Mittlerweile gilt die gesamte Hauptstadt als Risikogebiet, sodass sich der rot-rot-grüne Senat gezwungen sah, zu für Berlin drastischen Maßnahmen zu greifen.

Es gibt, erstmals seit dem Jahr 1949, wieder eine Sperrstunde, und zwar von 23 bis sechs Uhr. Sie gilt nicht nur für Lokale, sondern auch für die sogenannten "Spätis" – kleine Läden, die oft rund um die Uhr offen haben und vor allem Alkohol und Süßigkeiten verkaufen.

Unterschiedlicher Umgang

Und so ist es an diesem Samstagabend am Hackeschen Markt ziemlich dunkel. Nicht ein einziges Lokal hat kurz nach 23 Uhr noch offen. Etwas weiter westlich, in der Tucholskystraße sieht man die "Halb- und Halb-Lösung". Im Lokal gibt es nichts mehr, ein Stuhl steht demonstrativ in der offenen Tür. Aber man kann ja schnell ein paar Flaschen herausreichen, denn da stehen noch Menschen und wollen nicht heimgehen. "Wir halten doch Abstand, wir machen alles korrekt, warum sollen wir nicht noch ein wenig trinken", sagt ein junger Mann. Seine Begleiterin sieht es ähnlich: "Am Samstagabend in Berlin auf dem Trockenen zu sitzen, ist wirklich ziemlich doof. Das Leben muss ja auch mit Corona weiter gehen."

Andererseits wollen die beiden den Wirt nicht in Verlegenheit bringen.

Dessen Kollege nebenan hat um Punkt 23 Uhr alle Gäste hinauskomplimentiert. "Mir hat das keinen Spaß gemacht", sagt er, "aber was sollen wir tun? Wenn wir uns nicht an die Sperrstunde halten, müssen wir Strafe zahlen. Und dann kommt womöglich noch ein zweiter Lockdown."

Tankstellen verkaufen keinen Alkohol

Diesen zu vermeiden, ist die oberste Priorität der Politik. "Wir müssen alle gemeinsam einen Lockdown verhindern", sagt der Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD), bestätigt aber gleichzeitig dass natürlich an eine Schließung der Lokale, wie es sie schon im Frühjahr gab, gedacht wird: "Es ist die Aufgabe von Politik, alle Varianten mitzudenken."

An der Kreuzung Oranienburger/Friedrichstraße stehen junge Leute und diskutieren das weitere Vorgehen, um den angebrochenen Abend noch zu retten. Getränke bei der Tankstelle zu besorgen und dann ab in der Park – das ist keine Option. Erstens dürfen Tankstellen derzeit ab 23 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen, zweitens ist es herbstlich kühl. "Gehen wir zum Jakob, der wohnt am nähsten", schlägt jemand vor. Immerhin fahren die öffentlichen Verkehrsmittel wieder, am Freitag hatte wegen eines Streiks im öffentlichen Dienst Stillstand geherrscht.

Beherbergungsverbot für Berliner

Dass Berlinerinnen und Berlin dann einfach zu Hause weiterfeiern, natürlich ohne Abstand, das befürchten viele. So warnt der Dachverband Clubcommission, dass die Sperrstunde sogar kontraproduktiv sei, "weil sich dann das Geschehen "an nicht-konzessionierte Orte verlagern" könnte. Und: "Ordnungsbehörden werden große Schwierigkeiten haben, die Hygieneregeln in Privatwohnungen oder in den über 2.500 Parks und Gärten der Stadt zu kontrollieren." Der Verband schlägt Schnelltest-Bereiche vor Clubs einzurichten, dann könnten sich Gäste freiwillig und auf eigene Kosten testen lassen.

Man könnte – als Konsequenz – natürlich auch der ewigen Partyhauptstadt, die nun ohnehin auf Entzug ist den Rücken kehren und ein wenig weg fahren. Aber das ist auch sehr schwierig. Seit Berlin Risikogebiet ist, sind die Einwohner in den meisten deutschen Bundesländern nicht mehr willkommen. Es gilt ein Beherbergungsverbot in Hotels und Pensionen für sie. Auch Brandenburg wendet dieses an, die Berliner könnten also auch keinen Wochenendtrip ins Umland machen, es sei denn, sie kommen bei Freunden und Verwandten unter. Worte des Bedauerns kommen dazu von der Ministerpräsidentin des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD): "Es tut mir wirklich außerordentlich leid für viele BerlinerInnen, die sich auf Herbstferien in Mecklenburg-Vorpommern gefreut haben. Aber dass Berlin Risikogebiet wird, hat Mecklenburg-Vorpommern nicht zu verantworten." (Birgit Baumann aus Berlin, 10.10.2020)