Die Infektionssterblichkeit unterscheidet sich stark nach Alter, Geschlecht, Größe, Bevölkerungsdichte, Clustereffekten, dem Zustand des Gesundheitssystems und sozioökonomischen Faktoren.

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In der Diskussion über die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen gegen die Ausbreitung des neuen Coronavirus geht es auch immer um die Frage, wie tödlich Covid-19 wirklich ist. Während manche zu Beginn der Pandemie Covid-19 mit der Spanischen Grippe verglichen, die 50 Millionen Tote forderte, hielten und halten anderen die Krankheit für so (un)gefährlich wie eine ganz normale Grippe.

Die Sterblichkeitsrate gibt Aufschluss darüber, wie tödlich Covid-19 ist. Doch die zu ermitteln war und ist nach wie vor nicht einfach. Denn weder bei der Zahl der Infizierten noch bei jener der an Covid-19 Verstorbenen gibt es ganz verlässliche Daten. Vor allem wurden bei der ersten Welle viele Infizierte nicht getestet. Die WHO geht deshalb davon aus, dass im Extremfall bereits bis zu zehn Prozent der Weltbevölkerung infiziert gewesen sein könnten – und nicht nur 40 Millionen, wie offiziell bekannt.

Ausgewertete Antikörperstudien

Nachträgliche Aufschlüsse darüber, wie viele Personen sich tatsächlich schon angesteckt haben könnten, liefern Antikörperstudien wie jene in Ischgl, die ermittelte, dass dort bereits rund 42 Prozent der Bewohner eine Infektion überstanden haben.

John Ioannidis, renommierter Professor für Medizin und Epidemiologie an der Universität Stanford, hat diese Studien zur sogenannten Seroprävalenz von Beginn an ausgewertet und mit den jeweiligen Todeszahlen des untersuchten Gebiets verglichen. So kam Ioannidis, einer der meistzitierten Autoren der Wissenschaftswelt, recht früh zu dem Ergebnis, dass im Schnitt nur rund 0,25 Prozent der Infizierten an Covid-19 sterben.

Dieser von ihm ermittelte Wert der sogenannten Infektionssterblichkeit (Infection Fatality Rate, IFR) stand und steht in deutlichem Kontrast zum Wert der Fallsterblichkeit (Case Fatality Rate, CFR), die aus den offiziell bekannten Infektions- und Todeszahlen ermittelt wird und deutlich höher liegt, da sie auf den bekannten, sehr viel geringeren Infektionszahlen beruht. Ioannidis galt und gilt wegen dieses Werts für viele als erste wissenschaftliche Instanz, um die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 als unverhältnismäßig zu kritisieren.

0,27 als allgemeiner Richtwert

Seit kurzem liegt die Metastudie von Ioannidis, für die 61 Seroprävalenzuntersuchungen mit mindestens 500 Teilnehmern ausgewertet wurden, fachbegutachtet im "Bulletin of the World Health Organization" vor. Die Daten sind damit "offiziell" – aber nicht weniger umstritten. Doch zur Kritik weiter unten.

An den Ergebnissen, die bereits ab Mai in Pre-Prints zirkulierten, hat sich wenig geändert: Konkret kommt Ioannidis in der begutachteten Fassung zum Schluss, dass 0,27 Prozent der Menschen starben, die mit Sars-CoV-2 infiziert waren. (Konkret handelt es sich dabei um den Median.) Mit anderen Worten wäre das Coronavirus damit zwar etwas tödlicher als die Grippe, jedoch lange nicht so gefährlich wie allgemein zu Beginn der Pandemie angenommen. Und ungefährlicher, als viele andere Wissenschafter und Mediziner nach wie vor meinen.

Mindestens ebenso bedeutsam wie der von Ioannidis ermittelte IFR-Wert scheinen freilich die auch von ihm ermittelten Unterschiede der IFR nach Alter, Geschlecht, Bevölkerungsdichte, Clustereffekten, dem Zustand des Gesundheitssystems und sozioökonomischen Faktoren zu sein. Auf diese Unterschiede weist Ioannidis sowohl ganz grundsätzlich ("Die Sterblichkeitsrate bei Infektionen ist keine feste physikalische Konstante und kann erheblich variieren") wie auch im Detail hin.

Starke Unterschiede nach Orten und Alter

Die höchste errechnete IFR von 1,63 Prozent ermittelte der Epidemiologe für zwei Orte im US-Bundesstaat Louisiana. Doch er schätzt, dass die Infektionssterblichkeitsrate an den meisten Orten weniger als 0,2 Prozent betragen dürfte. Die höchste Infiziertenrate wiederum fand sich mit 58 Prozent in einem Slum in indischen Mumbai, wo die Sterblichkeit hingegen deutlich unter dem Durchschnitt lag. (In Indien sind freilich auch die Todeszahlen besonders unverlässlich.)

Eine der 61 Antikörperstudien, die Ioannidis heranzog, ist auch die bereits im April durchgeführte Untersuchung des deutschen Virologen Hendrik Streeck. In der damals besonders betroffenen nordrhein-westfälischen Gemeinde Gangelt waren laut Streecks Berechnungen insgesamt rund 15 Prozent der gut 12.000 Einwohner infiziert, also rund 2.000. Offiziell lag die Zahl der Infizierten in diesem Ort auch Mitte August noch unter 500. Sieben Menschen waren dort bis Mitte April verstorben, was eine IFR von 0,37 ergab. (Eine noch niedrigere IFR lieferte die Studie über Ischgl, wo nur zwei Personen an Covid-19 starben.)

Bei Menschen unter 70 Jahren betrage die IFR auf Basis der herangezogenen Seroprävalenzstudien laut seinen Berechnungen nur 0,05 Prozent, schreibt Ioannidis mit Verweis auf die starke Altersabhängigkeit, die auch andere Studien quantifiziert haben, freilich mit höheren Werten. So kam eine unlängst publizierte Metastudie mit etwas anderer Datengrundlage und anderen Auswertungen kürzlich auf eine durchschnittliche IFR von 0,68 – also mehr als den doppelten Wert.

Allgemeine und detaillierte Kritik

Ein grundsätzliches Problem solcher Metastudien liegt darin, dass – wie auch der Stanford-Professor einräumt – die Antikörperstudien "nicht perfekt" seien. Die Daten der frühen Seroprävalenzstudien lieferten nur ungefähre Werte, da frühe Antikörpertests als unzuverlässig gelten. Ein anderes methodisches Problem sind die offiziellen Sterbedaten: Die Zahlen zur Übersterblichkeit weisen für etliche Länder (nicht für Österreich) eine höhere Zahl an Toten aus, die (vermutlich an den Folgen von Covid-19 starben.

Doch es gibt auch heftige Detailkritik: So etwa beanstandet der Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz, der an den beiden oben verlinkten Metastudien beteiligt war, an der publizierten Version der Ioannidis-Studie rund drei Dutzend Ungereimtheiten und Fehler verschiedenster Art. Die Hauptkritik bezieht sich darauf, dass Ioannidis viele relativ minderwertige Studien kombiniert habe, die dazu neigten, die jeweilige IFR zu unterschätzen. Zudem habe er meist den niedrigen Wert als Median übernommen.

Unter Experten und damit auch in der Öffentlichkeit dürfte die IFR von Covid-19 und deren Unterschiede nach verschiedenen Faktoren also auch nach offizieller Publikation der Ioannidis-Studie vorerst umstritten bleiben. Mehr Klarheit werden womöglich die größer und repräsentativ angelegten Seroprävalenzstudien schaffen, die auch in Österreich und Deutschland geplant sind und die mit besseren Tests arbeiten werden.

Globale Abschätzung der Todeszahlen

Es gibt vom Stanford-Forscher freilich noch einen weiteren Fachartikel, der kürzlich im "European Journal of Clinical Investigation" erschien. Darin schätzte Ioannidis, wie viele Tote die Pandemie auf Basis seiner Berechnungen insgesamt fordern könnte. Sollten in den nächsten Monaten und Jahren 60 Prozent der Weltbevölkerung infiziert werden, würde das 8,76 Millionen Tote bedeuten. Das wären 2,9 Prozent aller prognostizierten Toten des Fünfjahreszeitraums von 2020 bis 2024. Realistischer sei aber, die Hälfte (also 30 Prozent Infizierte und 4,38 Millionen Tote) anzunehmen.

Abschließend plädiert er für einen noch besseren Schutz besonders gefährdeter Personengruppen und für eine Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie: Manche der Eingriffe würden nämlich insgesamt destabilisierend wirken, indem sie unter anderem die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen lassen, hunderte Millionen Menschen an den Rand des Hungers bringen, und dazu führen, dass andere Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Kinderkrankheiten wieder ausbrechen.

Der abschließende Appell von Ioannidis: "Wir müssen lernen, mit COVID-19 zu leben und wirksame, präzise und am wenigsten störende Maßnahmen anzuwenden. Damit können solche Katastrophen vermieden werden, und es trägt dazu bei, die negativen Auswirkungen der Pandemie zu minimieren." (Julia Palmai, Klaus Taschwer, 22.10.2020)