Regionalfantasien wie ein "Wintersport-Soli-Winterschlaf" helfen jedenfalls nicht weiter, so der Tourismus-Wien-Chef Norbert Kettner im Gastkommentar.

Der Städtetourismus leidet in der Corona-Krise besonders stark. In der Tourismusdebatte aber wurde er bisher mehr oder weniger ignoriert.
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Corona hebelt alles aus. Am Tag eins der Pandemie wurde der Tourismus in Europa seines völkerverbindenden Charakters beraubt. Nach Zertrümmerung des europäischen Binnenmarkts samt Einstellung der Personenfreizügigkeit wurden – begleitet von moralisch verbrämten oder offenen Stänkereien – Reisewarnungen ausgesprochen, Belehrungen über Grenzen geschickt und eifrig Milieus und Regionen ausfindig gemacht, die "unverantwortlich" agierten. Sieben Monate und ein paar Ampelschaltungen später zeigt sich die Sackgasse, in der sich Europa befindet.

Städtetourismus fiel als erster vieler Dominosteine. Zur Einordnung: Von 2000 bis 2019 stiegen die Nächtigungen in den neun Landeshauptstädten um 55 Prozent, jene in ganz Österreich um 22 Prozent. Faktoren, die sonst für den Städtetourismus sprechen – ein höherer Internationalisierungsgrad (in Wien entfallen 83 Prozent der Nächtigungen auf ausländische Gäste), mehr Wertschöpfung, Ganzjahresjobs ohne AMS-Versorgung zwischen den Saisonen, ein differenzierter Herkunftsmix sowie die Orientierung an lukrativen Segmenten wie Kultur- und Kongresstourismus –, kehrten sich plötzlich ins Gegenteil.

Herausforderung in Stadt und Land

Im internationalen Tourismusdiskurs hat sich zuletzt bei allen Höhenflügen gezeigt, dass Tourismus, der die Interessen oder Bedürfnisse der Bevölkerung ignoriert, letztendlich zur Entfremdung zwischen allen Beteiligten führt. Wien hat früh erkannt, dass touristische Erfolge – etwa ein Beitrag von vier Milliarden Euro zum BIP und 116.000 Ganzjahresjobs – schnell relativiert werden, wenn eine Branche – auch nur gefühlt – mehr Probleme macht als sie löst. Wien arbeitet daran, dass neun von zehn Wienerinnen und Wienern mit der Entwicklung des Tourismus in der Stadt zufrieden bleiben. Und damit wirtschaftliche Effekte, den ideellen Wert des Reisens und die Attraktivität der eigenen Stadt in der Welt anerkennen.

Österreichs Wintertourismus sieht sich nun mit einer Situation konfrontiert, wie sie die meisten Städte und weltweit praktisch alle Metropolen seit Pandemieausbruch erleben: Reisewarnungen aus umsatzstarken Ländern, verunsichertes Publikum, unüberschaubare medizinische Entwicklungen. Die richtige und wichtige Ankurbelung des Inlandstourismus funktioniert nun nicht mehr wie noch im Sommer, denn im Winter ist der Anteil an Auslandsgästen so hoch wie im Städtetourismus über das ganze Jahr.

Selektive Wahrnehmung

Was hierzulande erstaunt, ist der politische Umgang mit dem Thema Städte, immerhin ein Ganzjahrestourismus und daher eine Ganzjahreswirtschaft. Noch im Jänner sprach unsere Tourismusministerin in einem Fachmagazin von ihrem Ressort als "Diener des ländlichen Raums". Nicht weiter tragisch, war der Städtetourismus doch immer und durchaus freiwillig international organisiert und hat sich an der lokalen Tourismusdiskussion – vielleicht zu – wenig beteiligt. Nichtsdestotrotz haben die Verantwortlichen im Tourismusministerium und auch die Österreich Werbung in dieser Zeit die Interessen der Branche gut und innovativ vertreten.

Umso befremdlicher die Kollateralschäden, die auf anderen Ebenen der Exportnation Österreich zugefügt wurden: von durchschaubaren Reisewarnungen für beliebte Urlaubsländer der Österreicherinnen und Österreicher bis zur Darstellung Italiens (EU-Nettozahler, G7-Mitglied und zweitwichtigster Handelspartner Österreichs) als "failed state". Beflegelungen des zur Vorsicht mahnenden Gesundheitsministers unseres wichtigsten Handelspartners Deutschland durch österreichische Tourismusfunktionäre ("verrückt") oder das Flehen des Kanzlers beim bayerischen Ministerpräsidenten, bei Reisewarnungen "Orte, wo die meisten Deutschen (… ) im Winter ihren Urlaub verbringen, die ländlichen Gebiete, die Berge (…), wo es sehr niedrige Ansteckungszahlen gibt", auszunehmen und nur die Städte mit Reisewarnungen einzudecken, sind da in ihrer Faktenverlorenheit nur konsequent.

Aberwitzige Ideen

Tatsache ist: Kein Wirtschaftszweig Österreichs kann ohne internationale Vernetzung existieren. Im Tourismus gilt das besonders für die hohe Wertschöpfung generierenden Bereiche Ski- und Städtetourismus. Letzterer wurde bisher mehr oder weniger ignoriert. Im Westen, dem eine bestmögliche Saison zu wünschen ist, brennt jetzt jener Hut, den es in den Städten meist schon nicht mehr gibt. Aberwitzige Ideen, wie die Nation mit einem Lockdown zu belegen, damit Ski gefahren werden kann, setzen allerdings die Akzeptanz des Tourismus bei weiten Teilen der Bevölkerung aufs Spiel. Die Vorstellung, dass etwa Wien samt seinem Speckgürtel, in dem ein Drittel des österreichischen BIPs erwirtschaftet wird, oder Industriestandorte wie Oberösterreich oder die Steiermark in einen "Wintersport-Soli-Winterschlaf" versetzt werden, reiht sich nahtlos in die Kategorie Selbstüberschätzung und vorindustrielle Regionalfantasien ein.

Wirtschaftlich gesehen macht uns das Inland allein nicht satt. Wir brauchen die Rückkehr des EU-Binnenmarkts und den Ersatz von Reisewarnungen durch ein einheitliches EU-Reiseregime. Nicht Reisen ist das Problem, sondern das Verhalten – egal wo. Wir brauchen einen Überlebensmodus für Tourismus und Kultur sowie die Erkenntnis, dass wir ein tolles Land, aber nicht allein auf diesem Planeten sind. (Norbert Kettner, 28.10.2020)