Sein Ende ist elend und kommt überraschend. Am 6. Juli 1949 schreibt Otto Wächter einen letzten, kaum noch leserlichen Brief an seine Frau: Er habe heftige Brechreflexe, hohes Fieber und den Eindruck, das Blut in seinen Adern koche. Drei Tage später wird der Mann, der gerade erst 48 Jahre alt geworden ist, unter falschem Namen in ein Krankenhaus in Rom eingeliefert, wo er im Fieberwahn dahinsiecht. Am 13. Juli stirbt er kurz vor Mitternacht im Beisein des österreichischen Bischofs Alois Hudal.

Der umstrittene Geistliche notierte 1962 in seinen Erinnerungen, die erst posthum erschienen sind, darüber Folgendes: "Im römischen Spital ‚Santo Spirito‘ starb in meinen Armen, von mir bis zum Ende betreut, der Vizegouverneur von Polen, Generalleutnant und Sturmbannführer der SS, Freiherr von Wächter, der von alliierten und jüdischen Stellen überall gesucht wurde." Nicht zuletzt dank der rührenden selbstlosen Mithilfe italienischer Ordensgeistlicher sei es Wächter gelungen, unter fremdem Namen monatelang in Rom zu leben, so Hudal weiter, "bis er einer Vergiftung, die er selbst auf den amerikanischen Spionagedienst zurückführte (in diesem arbeitete in Rom ein früherer deutscher Major), zum Opfer fiel".

Dass sich der Bischof in seinen Memoiren noch einmal eingehend mit dem Fall Wächter befasste, hatte gute Gründe: Mit seiner allzu fürsorglichen Pflege des gesuchten NS-Kriegsverbrechers, über die 1949 in der italienischen Presse ausführlich berichtet wurde, manövrierte sich der Bischof bei seinen Vorgesetzten im Vatikan endgültig ins Abseits – und Hudal musste letztlich (wenn auch mit einiger Verzögerung) als Rektor des deutschen Priesterkollegs in Rom zurücktreten. Dass er vor allem als Fluchthelfer hochrangiger Nazis in die Geschichte einging, erfüllte ihn in seinen Erinnerungen durchaus mit gewissem Stolz.

Viele offene Fragen

Was aber war Hudals Rolle bei der Unterstützung Otto Wächters in Rom? Ist es glaubhaft, dass dieser tatsächlich vergiftet wurde, noch dazu von einem "früheren deutschen Major", der für einen US-Geheimdienst arbeitete? Wer war dieser Mann? Und was könnte – so es denn ein Mord war – das Tatmotiv gewesen sein?

Das sind nur einige der Fragen rund um das mysteriöse Ableben von Otto Wächter, deren Beantwortung der britische Schriftsteller, Anwalt und Universitätsprofessor Philippe Sands einige Jahre seines Lebens gewidmet hat. Und er war dabei nicht allein: Ein ganzes Team an Mitarbeitern war in die aufwendigen Recherchen eingebunden. Das Ergebnis liegt nun in deutscher Übersetzung vor, trägt den Titel "Die Rattenlinie" und liefert auf mehr als 500 Seiten (inklusive eines umfangreichen Anhangs) nicht nur die brillant rekonstruierte Geschichte vom Leben, Lieben und Sterben eines österreichischen Nationalsozialisten im Kontext seiner Zeit. Es ist auch ein Buch darüber, wie sehr diese Geschichten bis ins 21. Jahrhundert nachwirken.

Eine lange Vorgeschichte

Wie aber kommt ein britischer Autor dazu, sich so ausführlich mit der Biografie eines international nicht allzu bekannten österreichischen Nationalsozialisten zu befassen? "Das geht etliche Jahre zurück", erzählt Sands bei einem Gespräch (noch vor dem Lockdown) in einem Wiener Kaffeehaus, "und begann mit meinen Recherchen zum Buch East West Street." In diesem 2016 erschienenen und mehrfach preisgekrönten internationalen Bestseller, der unter dem Titel "Rückkehr nach Lemberg" auf Deutsch erschienen ist, spürt Sands der Geschichte seiner jüdischen Familie nach, die aus Lemberg stammt und zahlreiche Mitglieder in der Shoah verloren hatte.

Philippe Sands ist nicht nur vielfach preisgekrönter Buchautor, sondern auch angesehener Professor für Internationales Recht, hier bei einer Diskussionsveranstaltung am 20. November 2020 in Nürnberg anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums der Nürnberger Prozesse.
Foto: AFP/APA

Diese Familiengeschichte und die Schilderung der Geschehnisse kombinierte er mit den Biografien der ebenfalls aus Lemberg stammenden Völkerrechtler Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin, die mit den Begriffen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und "Genozid" jene Tatbestände prägten, die das Völkerstrafrecht seit 1945 wesentlich bestimmen.

Zwei Söhne führender Nazis

Bei seinen Recherchen lernte Sands, der Professor für Internationales Recht am University College in London ist, vor rund zehn Jahren die Söhne von Hans Frank und Otto Wächter kennen, also von jenen beiden Männern, die damals für das NS-Terrorregime in Lemberg und Umgebung politisch hauptverantwortlich waren: Hans Frank als Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete und Otto Wächter als sein Stellvertreter und Gouverneur von Galizien.

Hans Frank (3. v. l.), der Generalgouverneur der besetzten polnischen Gebiete, und sein Stellvertreter Otto Wächter (3. v. r.), umringt von weiteren NS-Distriktsgouverneuren im Jahr 1942.

Während Niklas Frank, der eine Sohn, in absolut schonungsloser Form mit dem Vater abrechnete, zeigte sich Horst Wächter, der andere Sohn, trotz aller Fakten davon überzeugt, dass sich sein Vater angesichts der Umstände als NS-Politiker so korrekt wie möglich verhalten habe. Diese beiden so unterschiedlichen Söhne zweier hochrangiger Nazis aus Deutschland und Österreich machte Sands zu den Hauptdarstellern eines Dokumentarfilms, der die beiden gemeinsam an Originalschauplätzen in Polen und der Ukraine zeigt und 2015 unter dem Titel "My Nazi Legacy: What Our Fathers Did" in die Kinos kam.

"Der Film missfiel Horst zwar", erinnert sich Sands, "doch er motivierte ihn auch dazu, sich noch eingehender mit seiner Familiengeschichte zu befassen." So kam es, dass Horst Wächter auf Anraten von Sands den gesamten noch erhaltenen Nachlass seiner Eltern von Mitarbeitern des in Washington, D.C., ansässigen United States Holocaust Memorial Museum einscannen ließ und ihm eine digitale Kopie davon formlos auf einem USB-Stick nach London schickte.

Ausgedehnte Spurensuchen

"Dieses Material ist unglaublich", sagt der 60-Jährige über die knapp 10.000 Seiten Briefe, Tagebücher und Dokumente, und es ist nicht das letzte Mal, dass er bei unserem Gespräch dieses Attribut verwendet – in so gut wie jedem Fall berechtigt. Tatsächlich ist es nämlich auch immer wieder schier unglaublich, was Sands in dem Buch und beim Interview von seinen Spurensuchen erzählt, die ihn vom heutigen Lwiw in der Ukraine bis nach Albuquerque in New Mexico und von London bis Rom führten.

In London etwa traf sich Sands auf ein Interview mit seinem Nachbarn John le Carré, der mit seinen Spionageromanen weltberühmt wurde. Was weniger gut bekannt ist: Ab 1949 war le Carré in Graz Mitarbeiter des britischen Geheimdiensts und weiß deshalb bestens über die turbulenten Agentenaktivitäten am Beginn des Kalten Krieges in Österreich und Umgebung Bescheid.

Nicht wenig Recherchezeit verbrachte Sands aber auch in Österreich, wo er mehrmals Horst Wächter in seinem Schloss im niederösterreichischen Hagenberg besuchte, rund eine Autostunde nördlich von Wien. Und im Vorjahr wanderte er sogar jene Route über die Ötztaler Alpen nach Südtirol, auf der Wächter 70 Jahre zuvor aus Österreich geflohen war.

Verschlüsselte Briefinhalte

Die wichtigste Grundlage des Buchs bleiben aber die Originalquellen, die Sands vor allem gemeinsam mit zwei Doktoranden der mittlerweile verstorbenen britischen Wissenschaftshistorikerin Lisa Jardine auswertete. Diese Briefe halfen auch, das Rätsel um Otto Wächters mysteriösen Tod zu klären, was nicht ganz einfach gewesen sei: "Die Briefe, die er mit seiner Frau Charlotte 1949 zwischen Rom und Salzburg wechselte, und die Tagebucheintragungen aus dieser Zeit sind nämlich allesamt verschlüsselt. Die angegebenen Namen sind Pseudonyme und mussten von uns erst mühsam dekodiert werden."

Im Zentrum von "Die Rattenlinie" wie des nicht minder großartigen zehnteiligen Podcasts, der bereits 2018 von der BBC unter dem Titel "The Ratline" produziert wurde, stehen denn auch die letzten Monate Otto Wächters 1949 in Rom. Als "Rattenlinien" werden im Spionagejargon jene Fluchtwege bezeichnet, über die gefährdete Personen oder Agenten in Feindgebiete hinein- oder aus ihnen herausgeschleust werden. Am bekanntesten wurde der Begriff im Zusammenhang mit ranghohen Nazis und Kriegsverbrechern wie Klaus Barbie, Adolf Eichmann, Josef Mengele oder Franz Stangl, die sich nach 1945 meist über Italien nach Südamerika oder in den Nahen Osten absetzen konnten.

Doch es geht bei weitem nicht nur um einen "Nazi auf der Flucht", wie der Untertitel verspricht. Sands hat auch neue Details über die NS-Karriere des studierten Juristen zusammengetragen: etwa zu seiner Beteiligung am Juliputsch 1934, bei dem Bundeskanzler Engelbert Dollfuß erschossen wurde, oder zu seiner Mitgliedschaft beim Deutschen Klub, dessen Netzwerk er es verdankte, dass er nach dem "Anschluss" im März 1938 zum Staatskommissar aufstieg und als solcher für die rassistische und politische "Säuberung" des Beamtenapparats sorgte.

Turbulentes Privatleben

Ab Ende 1939 machte Wächter weiter Karriere im Osten, für die er sich im Übrigen freiwillig entschied: zunächst als Gouverneur des Distrikts Krakau und von Anfang 1942 bis Sommer 1944 als Gouverneur von Galizien.

Otto Wächter (im schwarzen Ledermantel) im Dezember 1939 bei Erschießungen von 58 polnischen Geiseln in Bochnia.
Foto: Instytut Pamięci Narodowe

Auch wenn die handfesten Beweise für Wächters unmittelbare Beteiligung an der "Endlösung der Judenfrage" spärlich sind, so schildert Sands sehr eindrücklich das Terrorregime, für das Otto Wächter und sein unmittelbarer Vorgesetzter Hans Frank verantwortlich waren und für das die beiden nach 1945 als Kriegsverbrecher gesucht wurden.

Bei all dem kommt auch das mitunter turbulente Privatleben nicht zu kurz: Wächter heiratete im Jahr 1932 die obersteirische Industriellentochter Charlotte Bleckmann, eine ebenfalls überzeugte Nationalsozialistin, mit der er insgesamt sechs Kinder hatte und die ihrem Mann auch in schwierigen Zeiten zur Seite stand, insbesondere nach dem Kriegsende: Während Hans Frank, der "Schlächter von Polen", noch 1945 gefasst und im Oktober 1946 in Nürnberg für die Ermordung von vier Millionen Menschen zum Tode verurteilt wurde, konnte sich sein Stellvertreter jahrelang erfolgreich der Justiz entziehen.

Drei Jahre in den Bergen

Wie das möglich war, ist eine weitere der vielen schier unglaublichen Geschichten, die Sands im Buch ausführlich erzählt, im Gespräch aber eher nur beiläufig erwähnt: "Wächter konnte sich ab 1945 drei Jahre lang auf Hütten in den Hohen und Niederen Tauern verstecken. Alle zwei bis drei Wochen kam Charlotte zu Besuch und brachte ihrem Mann Nahrungsmittel, Kleidung und andere Dinge des Lebens."

Begleitet wurde Otto Wächter dabei von einem gewissen Burkhard "Buko" Rathmann, der zuvor bei der 23. Waffen-Gebirgs-(Karstjäger-)Division der SS gedient hatte. Dieses erfolgreiche Versteckspiel in den österreichischen Bergen endete erst, als Charlotte Wächter 1948 der Mutter des damals 24-jährigen Rathmann mitteilte, dass ihr Sohn noch lebte, und der daraufhin nach Hause zurückkehrte.

Doch ohne den gebirgserfahrenen Buko, den Sands 2016 noch zu einem ausführlichen Interview in Deutschland traf, konnte Otto Wächter schlecht weitermachen. Nach einem kurzen Geheimbesuch bei der eigenen Familie, die mittlerweile in Salzburg lebte, floh Wächter im Februar 1949 dann über die Berge nach Südtirol und von dort weiter nach Rom, wo er am 29. April ankam.

Otto Wächter kann sich auf der Flucht im Jahr 1948 kurz sogar in Salzburg bei der eigenen Familie verstecken (hier mit seiner Frau und drei ihrer gemeinsamen Kinder).
Foto: Horst Wächter

Erstaunliche Agentennetzwerke

"Und jetzt kommt eine der unglaublichsten Geschichten, auf die wir stießen", sagt Sands: "Während Wächter der Meinung war, als Nazi von den Alliierten gejagt zu werden, wussten zumindest die US-Amerikaner vom ersten Tag an, dass Wächter in Rom war, auch wenn sein Pass auf den Namen Alfredo Reinhardt ausgestellt war." Wie aber war das möglich? "Ganz einfach: Weil Bischof Hudal, den Wächter gleich am ersten Tag in Rom traf, bereits seit zwei Jahren als bezahlter Agent für die US-Amerikaner arbeitete und dafür monatlich 50 Dollar kassierte." Das wiederum bedeutet, dass die Flucht hochrangiger Nazis über Rom nach Südamerika mit dem Wissen der US-Amerikaner passierte.

Der gefälschte Pass Otto Wächters.
Foto: Horst Wächter

Doch es kommt noch dicker: "Hudal berichtete dem früheren SS-Sturmbannführer Karl Hass, der für die US-Amerikaner ein Agentennetzwerk namens 'Project Los Angeles' koordinierte." Dass Hass 1944 am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom beteiligt gewesen war, habe die US-Amerikaner nicht daran gehindert, ihn im Kalten Krieg zu einem Mitarbeiter des Counter Intelligence Corps (CIC) zu machen, also des damaligen militärischen Abwehrdiensts der USA. Und Otto Wächter traf Hass, mit dem er früher selbst zusammenarbeitete, am 2. Juli 1949 am Albaner See in der Nähe von Rom, kurz bevor er schwer erkrankte und wenig später in den Armen Hudals starb.

Viel mehr als eine Detektivgeschichte

Philippe Sands, "Die Rattenlinie. Ein Nazi auf der Flucht. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit". Aus dem Englischen von Thomas Bertram. € 25,70 / 544 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020.

Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, schließlich ist "Die Rattenlinie" auch eine hochspannende Detektivgeschichte, die einzig und allein auf Fakten beruht und dabei en passant viele neue Einblicke in die komplexe politische und geheimdienstliche Gemengelage in Österreich und Italien am Beginn des Kalten Kriegs gibt. Zugleich ist das famose Buch viel mehr als das: Seine brillant arrangierten Kapitel erzählen unter anderem auch vom Aufstieg eines österreichischen Nazis in NS-Spitzenpositionen oder vom Terror in den besetzten Ostgebieten.

Und nicht zuletzt berichtet Philippe Sands auch mit viel Empathie davon, wie jene Ereignisse, die vor mehr als siebzig Jahren geschahen, bis heute nachwirken – und den betroffenen Familien nach wie vor Probleme bereiten. (Klaus Taschwer, ALBUM, 22.11.2020)