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Die Situation in den Intensivstationen ist weiterhin angespannt bis überlastet. Die Statistik Austria hat am Donnerstag gemeldet, dass es seit 42 Jahren in Österreich nicht mehr so viele Todesfälle wie Mitte November gegeben hat.

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Die Politikwissenschafterin Natascha Strobl beklagt in ihrem Gastkommentar, dass in Österreich die Toten "weder Namen noch Gesicht haben". Sie seien eine Zahl, die "fast beiläufig präsentiert wird".

Der Tod und die Trauer um einen geliebten Menschen sind immer eine Zäsur. Der Mensch ist nicht mehr da, aber die Sonne geht trotzdem wieder auf, die Vögel zwitschern trotzdem, und andere Menschen gehen ihrem Alltag nach. Wieder zurück in diesen Alltag zu finden ist ein Prozess. Ein Prozess, der dann funktioniert, wenn es ein gutes und verständnisvolles Umfeld gibt und wenn der Verlust anerkannt wird.

Nun geht es sehr vielen Menschen so, jeden Tag. In den vergangenen Jahren sind um diese Jahreszeit 1500 Menschen pro Woche gestorben. Der Statistiker und Mathematiker Erich Neuwirth hat aufgezeigt, dass in Österreich über 2000 Menschen aktuell pro Woche sterben. Das ist eine Übersterblichkeit von 33 Prozent. Dramatisch dabei ist, dass diese Übersterblichkeit einen einzigen Grund hat: Covid-19. Die Menschen sterben einfach. Jeden Tag und jede Woche in unglaublichen Zahlen. Das ist ein furchtbarer Verlust für die Angehörigen, die darüber hinaus unter den Begleitumständen leiden. Sie können die sterbende Person vielleicht einmal, vielleicht auch gar nicht besuchen. Viele sterben alleine ohne Familie. Oft nicht einmal mehr in einem Spital, weil im Spital auch nichts mehr für sie getan werden könnte.

Das ist halt so?

Das macht etwas mit einer Gesellschaft. Hinzu kommt, dass diese Toten nicht anerkannt werden. Es ist, als gäbe es sie gar nicht. Nicht einmal ein kurzes gesellschaftliches und politisches Innehalten und zumindest so tun, als sei das ein monumentaler Moment. Unsere Toten haben weder Namen noch Gesicht. Sie sind eine Zahl, die uns jeden Tag fast beiläufig präsentiert wird.

Zynikerinnen und Zyniker mögen sagen, dass jeden Tag Menschen sterben und das halt so ist – sie scheinen auch maßgeblich für die Regierungsstrategie verantwortlich zu sein. Nicht anders ist zu erklären, dass im täglichen Ranking der wichtigsten Wichtigkeiten Skifahren, Nikolo (Gerettet! Hurra!), Handel und fiktive Öffnungstermine prioritär sind. Dass jeden Tag 100 Menschen und mehr an derselben, vermeidbaren Krankheit sterben, ist nicht einmal eine Fußnote wert.

Unsichtbares Leid

Die Toten und ihre Lieben bleiben unsichtbar und allein. Unsichtbar und allein bleiben auch jene Menschen, die in den letzten Stunden bei den Sterbenden sind, verkleidet wie ein Marsmännchen, aber da. Es sind die Pflegekräfte, die Ärzte und Ärztinnen. Ihre Berichte klingen aus jedem Land gleich. Im Frühjahr war es eine Intensivärztin aus der Lombardei, die mit versteinertem Blick hilflos in die Kamera sagte: "Wir können nichts tun, sie sterben. Alle an derselben Krankheit." Und genauso geht es nun auch dem medizinischen Personal in Österreich: Es stemmt sich mit allem, was es hat, gegen diese Krankheit, aber die Leute sterben. Was wird ihnen gerade zugemutet? Was tun wir als Gesellschaft gerade Generationen von medizinischem Fachpersonal an?

Vieles ist Auslegungssache, vieles ist politisches Abwägen, aber eines scheinen viele vergessen zu haben: Das Virus verhandelt nicht, und der Tod ist für immer. Es sind unsere Toten. Jede und jeder Einzelne eine Implosion einer kleinen Welt. Über das massenhafte Sterben hinwegzusehen, es zu normalisieren, nicht anzuerkennen, ja, sogar in Kauf zu nehmen, ist nicht nur schlechter Stil. Es ist kaltherzig, niederträchtig und gegen alles, was uns als Menschen ausmacht. (Natascha Strobl, 4.12.2020)