Nach der letzten Finanzkrise demonstrierten junge Amerikaner gegen die Verflechtung von Staat und Konzernen, die zu teuren Rettungspaketen führte.

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Paul Collier ist Experte für die ärmste Milliarde der Menschheit. Als Entwicklungsökonom berät er vor allem Länder und Organisationen in Afrika. Doch in den vergangenen Jahren hat der britische Starökonom seinen Blick verstärkt auf die reichen Länder des Westens gelegt. Am Wohlstand, den der Kapitalismus hier geschaffen hat, ist längst nicht mehr die gesamte Bevölkerung beteiligt, lautet seine Kritik. Gier sei an die Stelle von Verantwortung gerückt. Der Kapitalismus müsse sich deshalb neu erfinden, erklärt er im Gespräch mit den STANDARD.

STANDARD: Wie würden Sie Kapitalismus einem Teenager erklären?

Collier: Als Teamwork. Im Kapitalismus kollaborieren etliche Experten, meist Firmen, um etwas Neues zu schaffen. Ihre Produktivität dabei ist beeindruckend. Zum Beispiel: Kein Individuum, auch keine einzelne Firma könnte einen Airbus bauen, das schaffen nur viele zusammen. Im Kapitalismus ist diese Zusammenarbeit nicht zentral gesteuert, es gibt einen gesunden Wettbewerb.

STANDARD: Hört sich nach einem guten System an. Sie schreiben aber in Ihren beiden jüngsten Büchern, dass der Kapitalismus defekt ist. Was hat ihn kaputtgemacht?

Collier: Kapitalismus funktioniert nicht auf Autopilot. Immer wieder entgleist das System. Mein Urgroßvater kam Mitte des 19. Jahrhunderts nach Bradford im englischen Yorkshire. Dort florierte die Industrie und sorgte für enorme Produktivität und Reichtum. Allerdings wurde der Ort zu einer Todesfalle. Die Gesundheitssituation war erbärmlich, nach einer Choleraepidemie sank die Lebenserwartung auf 19 Jahre. Es gab keine öffentliche Daseinsvorsorge. Das wurde damals korrigiert, indem der Staat aktiv neue Aufgaben erfüllte.

STANDARD: Heute ist die Situation anders. Der Staat nimmt eine große Rolle im Wirtschaftsgeschehen ein. Was läuft nun schief?

Collier: Etwa seit 1980 läuft wieder einiges schief im System. Zwei Gräben öffnen sich: Das eine ist die wachsende Ungleichheit zwischen weniger und besser ausgebildeten Personen. Das Zweite ist eine wachsende Kluft zwischen Metropolen und dem Land. Beides hängt zusammen: Wer jung und schlau ist, verlässt das Land und sucht sein Glück in der boomenden Stadt.

Paul Collier sieht den Gipfel der Gier erreicht – zumindest als Konzept. In der Praxis muss sich noch einiges wandeln.
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STANDARD: In Ihrem jüngsten Buch, "GreedIs Dead", das noch nicht auf Deutsch erschienen ist, führen Sie Ihr Argument fort, dass der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten unter zu viel Individualismus litt. Verantwortlich sei ein falsches Menschenbild, das der Wirtschaftswissenschaft entspringt, der Homo oeconomicus.

Collier: Ja, das Bild trifft eher auf meine Katze zu. Der Homo oeconomicus ist nämlich egoistisch, faul und gierig.

STANDARD: Ich kenne niemanden, der sich so sieht, geschweige denn, es als Ideal hochhält. Wo finden Sie diesen exzessiven Individualismus in der Praxis?

Collier: Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen. Echte Egoisten machen maximal vier Prozent der Gesellschaft aus. Das hat wohl evolutionäre Gründe. Ein größerer Anteil solcher Psychopathen würde eine Gemeinschaft nicht überleben. Aber in den vergangenen Jahrzehnten wurden solche Persönlichkeiten in der Politik und in Unternehmen bestärkt. Die Grundidee lautet, wir brauchen einen brillanten Anführer, der das System beherrscht und die Firma oder den Staat lenkt. Als Anreiz für solch außergewöhnliche Individuen halten wir eine saftige Karotte hin. Der Gierigste schnappt sie sich. Was wir erleben, ist, dass reiche Individuen Unternehmen plündern – und zwar ganz legal.

STANDARD: Sie kreiden auch der Politik an, zu sehr auf Individualismus zu setzen. Fordern Sie einen Ruck nach links oder rechts?

Collier: Nein, nicht pauschal. Die Sozialdemokratie setzt traditionell auf Solidarität. Davon brauchen wir wieder mehr. Aber der schädliche Individualismus der Linken betrifft das Pochen auf Rechte. Ansprüche werden an den Zentralstaat gestellt, dieser muss Leistungen an Einzelne verteilen. Es fehlt ein Sinn für gegenseitige Unterstützung in einer Gemeinschaft.

STANDARD: Sie haben sich auch kritisch zu Identitätspolitik geäußert. Was stört Sie am Einsatz für Minderheiten?

Collier: Wenn er mit Opferrollen betrieben wird. Opfer haben Rechte, aber keine Verpflichtungen. Beides muss aber Hand in Hand gehen, sonst funktioniert keine Gesellschaft.

STANDARD: Wie steht es um den Gemeinschaftssinn bei Mitte-rechts-Parteien?

Collier: Sie haben traditionell eine Stärke, wenn es um staatsbürgerliche Verantwortung geht. Hingegen drückt sich der Individualismus der Mitte-rechts-Parteien darin aus, dass jeder Wahlfreiheit haben soll, selbst in Bereichen wie Steuern. Wieder liegt der Fokus zu sehr auf Rechten, die der Staat gibt, aber nicht auf Verantwortung gegenüber anderen.

STANDARD: Firmen stehen im Wettbewerb, sie müssen gut wirtschaften. Passt das zu Ihrer Forderung nach Gemeinschaftssinn?

Collier: Dauerhaft erfolgreich sind vor allem Firmen, die den Mitarbeitern eine sinnstiftende Aufgabe bieten. Dazu müssen Unternehmen auch in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter investieren. An den Business-Schools lernt man aber, dass Mitarbeiter keine autonome Handlungsfähigkeit haben. Man muss sie überwachen und über Anreize steuern.

STANDARD: Und auf staatlicher Ebene?

Collier: US-Präsident Donald Trump ist das Paradebeispiel für meine Argumentation. Er wurde ins Amt gehievt als jemand, der damit prahlt, keine Steuern zu zahlen. Das ist genau die falsche Person an der Staatsspitze, jemand der das Recht missbraucht, um zu plündern.

STANDARD: Trump und seine Politik wurden abgewählt.

Collier: Nur knapp, er hat die historisch zweithöchste Zahl an Stimmen geholt. Aber ich glaube, wir haben den Gipfel der Gier erreicht. Man merkt das an der öffentlichen Debatte, das Pendel schwenkt um: Gier ist tot.

STANDARD: Beschleunigt die Pandemie diesen Prozess?

Collier: Covid wirkt wie ein Verstärker. Länder mit mehr Gemeinschaftssinn schlagen sich besser. Schauen Sie nach Dänemark, dort ist sowohl die Zahl der Toten als auch der wirtschaftliche Schaden geringer als in Ländern wie den USA. In Dänemark lautet das Motto "Schau auf deinen Nachbarn", in den USA bildeten sich lange Schlangen vor Waffengeschäften, nach dem Motto "Schieß auf deinen Nachbarn". Ich bin aber hoffnungsvoll, dass ein Sinneswandel einkehrt. Kapitalismus wird wieder Wohlstand schaffen und Sinn stiften.(Leopold Stefan, 5.12.2020)