Das erste Weihnachtsfest ohne Papa. Das kann selbst für erwachsene Kinder ein komisches Gefühl sein.

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Hier saßen wir also, tunkten Krabbenchips in Sojasoße und holten uns eine zweite Portion Sushi vom All-you-can-eat-Buffet. Über die Lautsprecher dröhnte mal asiatische Entspannungsmusik, mal waren es klassische Weihnachtslieder. Es war Mittag am 24. Dezember 2019. Und diese Familienzusammenkunft unsere neue Art, Weihnachten zu feiern.

Meine Eltern hatten sich im Laufe des Jahres getrennt, und ich war mit 26 zum Trennungskind geworden. Meine zwei Jahre jüngere Schwester und ich hatten diese Entscheidung trotzdem unterstützt. Wir wollten, dass sie glücklich sind. Was wir dabei allerdings nicht im Blick hatten, war der Rattenschwanz, den solche Entscheidungen mit sich ziehen. Den organisatorischen Aufwand für Feiertage, Geburtstage, Weihnachten, später mal Hochzeiten, Taufen, Kindergeburtstage. Die seltsamen Momente, von denen man sich wünscht, sie ausblenden zu können.

Abenteuer Weihnachtsessen

Aber das war jetzt zu spät. Denn hier saßen wir nun in einem All-you-can-eat-Asiaten, weil sonst keine Restaurants in dem kleinen oberösterreichischen Kaff, aus dem ich komme, geöffnet hatten. Meine Schwester und ich waren uns einig: Wir wollten beide Elternteile am 24. Dezember sehen, also mussten wir einen Kompromiss finden. Da meiner Mutter Weihnachten sehr wichtig ist, bekam sie den Heiligen Abend, Papa das Mittagessen beim Asiaten. Die nächsten Tage gingen dann an die übrigen Verwandten und Schwiegerfamilien. Der übliche Weihnachtswahnsinn eben, den fast jeder kennt. Zumindest in einer Zeit, als noch niemand von Covid-19 gehört hatte. Uns erwartete ein Marathon aus gutem Essen, Umarmungen und Smalltalk, der einen am 27. Dezember erschöpft, müde und mindestens drei Kilo schwerer zurücklässt.

Die Feier mit unserem Vater war also jetzt. Es war komisch, dass es dafür nun ein genaues Zeitfenster gab. Zwei Stunden für Weihnachten, dann ging es mit dem nächsten Programmpunkt weiter. So viel zum Fest der Ruhe und Liebe. Jeder von uns schien den unaussprechlichen Plan geschmiedet zu haben, am heutigen Tag keine Traurigkeit oder negative Stimmung aufkommen zu lassen.

Ich fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt. Damals waren wir mit unseren Eltern nach Italien gefahren, in einer Zeit vor Spotify und Klimaanlagen oder Navigationssystemen, und standen dort stundenlang auf der Autobahn im Stau. Die Situation war als Erwachsener objektiv betrachtet scheiße. Aber anstatt uns genau das zu zeigen, machten unsere Eltern daraus für uns Kinder ein Abenteuer. Wir rannten ums Auto, dachten uns Fantasiespiele aus, imitierten im Auto eine Band zum italienischen Radio und hörten auf unserem Walkman Benjamin-Blümchen- und Bibi-Blocksberg-Geschichten, bis wir müde wurden und der Stau sich auflöste.

Genauso fühlte sich dieses Essen mit unserem Vater an. Eine Situation, die augenscheinlich nicht allzu toll war und die wir als positives Abenteuer zu betrachten versuchten. Es war mal was Neues. Etwas Aufregendes, das ich so in meinen 26 Jahren noch nicht erlebt hatte. Das Sushi und die Acht Schätze könnte man auch als spannende Abwechslung zum klassischen Weihnachtsessen betrachten. Oder zumindest machten wir uns genau das vor.

Kochbuch für den Single-Mann

Wir fragten Papa nach seinen Plänen für Weihnachten und die folgenden Tage. Er zuckte nur mit den Achseln. Christbaum habe er keinen, heute würde er den Abend mit seiner Mutter verbringen, der Weihnachten auch nicht wichtig war. Meine Schwester und ich warfen uns einen bedeutungsschweren Blick zu. Weihnachten war in unserer Familie bisher ein Big Deal gewesen. Für einen kurzen Moment bröckelten unsere Fassade und der Glauben, dass dieses Weihnachten anders, aber trotzdem schön sein würde. Doch nur für einen kurzen Augenblick. Dann fingen wir uns, und meine Schwester wich der unangenehmen Stimmung mit den rettenden Worten "Zeit für die Geschenke" aus.

Zwischen Glückskeksen und Pflaumenwein waren wir uns nicht mehr ganz sicher, ob unsere Geschenke tatsächlich so witzig und praktisch waren. Papa packte ein Kochbuch für Männer, eine Kochschürze und einen gravierten Kochlöffel aus. Gespannt warteten wir auf seine Reaktion. Er freute sich. Oder zumindest tat er so.

Wie sieht die Zukunft aus?

Als er uns wieder nach Hause brachte, winkte er Mama zu, sie wünschten sich aus der Ferne Frohe Weihnachten. Ich fragte mich, was die nächsten Jahre noch auf uns zukommen würde. Ob unsere Hochzeiten auch so zivilisiert und freundlich ablaufen würden? Wie kompliziert würde die Sitzordnung werden? Wie weit würde man die Eltern auseinandersetzen müssen? Oder war das alles gar nicht nötig? Würden sie Freunde bleiben? Ich bemerkte, wie sich in meiner Brust ein kleiner Kloß formte, den ich gleich wegatmete. Jetzt war nicht der Moment für solche Gefühle. Jetzt war Weihnachten. Und das sollte in diesem Jahr genauso schön werden wie die Jahrzehnte davor auch.

Unser Weihnachtsabend hatte seit über einem Jahrzehnt denselben Ablauf: Nachmittags gingen wir in die Kirche, danach besetzten meine Schwester und ich das Bad. Obwohl keine von uns mehr daheim wohnte, änderte sich das nicht. Zumindest bisher nicht. Wir berieten uns bei der Lippenstiftwahl, halfen uns gegenseitig bei unseren Haaren, machten die andere darauf aufmerksam, dass sie noch etwas mehr Rouge vertragen könnte. Währenddessen wurde der Tisch festlich gedeckt, Mama bereitete das Weihnachtsessen vor. Es gab wie jedes Jahr Nudelsuppe und Würsteln, danach selbstgemachte Kekse.

Laut und herzlich

Unser Heiligabend war noch nie still und feierlich gewesen. Stattdessen kam die gesamte Verwandtschaft vorbei. Es waren immer um die 20 Leute. Es wurden zusätzliche Tische reingetragen, Sessel aus dem Keller geholt, Geschirr aus dem Kasten geräumt, das sonst das gesamte Jahr keine Funktion hatte. Unser Weihnachten war laut und lustig. Es war gefüllt mit schief gesungenen Weihnachtsliedern, Familienbildern, bei denen immer jemand die Augen zu hatte, und einigen Gläsern Wein.

Bei den Vorbereitungen, als wir im Bad waren und über unsere Beziehungen und Schwiegermütter sprachen, hatte ich fast wieder vergessen, dass es dieses Jahr anders war. Unsere Mutter werkte in der Küche vor sich hin, alles fühlte sich an wie immer. Als wir fertig waren, halfen wir ihr bei den restlichen Vorbereitungen, waren fast bereit für die Verwandtschaft. Doch dort auf dem Tisch lag noch die eingepackte Krenwurzel. Schamlos zeigte sie uns, wie anders das heurige Fest doch war. Normalerweise wurde sie von Papa gehobelt. Nun lag sie da und wartete darauf, von jemandem bearbeitet zu werden. Diese Krenwurzel machte das Loch, das da war, sichtbar. Ein kurzer Moment, der mir besonders intensiv auffiel. Also nahm ich kurzerhand das Reibeisen und begann den Kren zu reiben. Ich wollte das Loch füllen, bevor jemand anderer auch bemerkte, dass es da ist.

Still und leer

Wenige Minuten später klingelte es an der Tür. Es wurde begrüßt, geherzt, gelacht, Outfits wurden komplimentiert, Getränke herumgereicht. Die Feier ging über Stunden, um Mitternacht wurde von unserer Generation noch der Pokerkoffer hervorgeräumt, die Reste von Suppe und Würsteln neu ausgeteilt und noch weitere zwei Stunden gefeiert und gespielt.

Dann war es vorbei. Das erste Weihnachten als "halbe" Familie. Ich saß in meinem alten Kinderzimmer, in dem ich seit sieben Jahren nicht mehr wohnte, und schaute auf die Bildercollage, die ich mit 18 angebrachte hatte. In mir breitete sich wieder ein Gefühl von Leere aus.

Keine Traurigkeit, nur Schuldgefühle

Schuldgefühle, weil ich nicht traurig war. Schuldgefühle, weil ich so viel Spaß hatte und weil ich in so vielen Momenten vergessen hatte, dass etwas anders war. Schuldgefühle, weil ich nichts vermisst hatte.

Aber vielleicht war es das, was mich von einem Scheidungskind unterschied. Ich bin kein Kind mehr, sondern erwachsen. Ich wusste, dass ich nichts falsch gemacht hatte. Ich wusste, dass es so am besten war. Und ich wusste, dass man neue Traditionen schaffen konnte, die zusätzliche Farbe auf ein Gemälde bringen. Es war tatsächlich eine neue Chance. Es ist schön ,positiv an alte Erinnerungen zurückdenken zu können, ohne an ihnen festhalten zu müssen. Manche Löcher müssen gestopft und neue Rollen vergeben werden. Aber andere Löcher dürfen auch bleiben – sie schließen sich mit der Zeit bestimmt von alleine. (Sandra Gloning, 23.12.2020)