Andrea Berghofer hat mehr als eine Lieblingsfarbe.

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Farben sind schön, Farben sind grell, Farben sind warm, kalt, beruhigend und vieles mehr. Aber Farben sind auch zum Anfassen, erklärt Andrea Berghofer. Sie sind ein haptisches Produkt, erzählt die Unternehmerin, die es wissen muss. Schließlich führt sie das Tiroler Traditionsunternehmen Adler Lacke. "Oder", fragt Berghofer, "fahren Sie nicht zuerst mit Ihrer Hand über die Oberfläche, wenn Sie zum Beispiel ein altes Möbelstück in einem schönen Dunkelrot streichen?"

STANDARD: Haben Sie eine Lieblingsfarbe?

Berghofer: Orange und Blau. Das sind sehr positive Farben.

STANDARD: Wie viel Optimismus war im Corona-Jahr 2020 überhaupt möglich?

Berghofer: Ich habe weder an diesem ominösen 13. März, an dem der erste Lockdown verkündet wurde, noch am 16. März, wo er dann in Kraft trat, darüber nachgedacht, den Betrieb zu schließen. Solange Aufträge eingehen, arbeiten wir diese ab. Natürlich hatten wir auch Glück. Am Anfang gab es massive Einbrüche bei unseren Industriekunden. Die Fenster- und die Möbelindustrie hat zugesperrt, und es war nicht klar, wie sich die Situation weiterentwickeln würde. Aber dann ging dieser Heimwerkerboom los...

STANDARD: ...und der Betrieb ging weiter wie gehabt?

Berghofer: Nein, gar nicht. Vieles verschob sich. Unser Onlinegeschäft ging durch die Decke. Aber: Wenn wir vorher Paletten an die Industrie geliefert haben, ging es plötzlich um einzelne Dosen. Es kamen sehr viele kleinteilige Bestellungen herein, die abzuarbeiten war eine logistische Herausforderung. Von heute auf morgen wurde auf Zwei-Schicht-Betrieb umgestellt, wir hatten damit aber keinerlei Erfahrungswerte. Dass das alles so gut funktioniert hat, verdanken wir unseren Mitarbeitern.

Dank des Heimwerkerbooms hat Adler Lacke in der Krise gut verdient.
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STANDARD: Es gibt aber auch Außendienst, Personal in der Betriebsküche. Was haben die Mitarbeiter gemacht, die damals unterbeschäftigt waren?

Berghofer: In der ersten Lockdown-Woche wurde eine Produktion von Desinfektionsmitteln auf die Beine gestellt. Außendienstmitarbeiter haben keine Kundenbesuche mehr gemacht, dafür zum Beispiel aber beim Abfüllen von Desinfektionsmitteln geholfen. Der Speisesaal war geschlossen, die dort beschäftigten Damen haben stattdessen beim Etikettieren mitgearbeitet. Außendienstmitarbeiter in Kärnten arbeiteten das Onlinegeschäft ab und verpackten einzelne Dosen. Es gab für alle etwas zu tun, nur waren es für viele Mitarbeiter ganz neue Tätigkeiten.

Treffen konnte DER STANDARD die Unternehmerin nicht. Das Gespräch fand via Zoom statt.
Foto: Adler Lacke / Franz Oss Photography

STANDARD: Im Frühjahr hieß es auch vonseiten der Regierung, österreichische Unternehmen sollen vermehrt kritische medizinische Güter wie Masken oder Desinfektionsmittel herstellen. War das der Stupser, der Sie dazu bewogen hat, selbst auch Desinfektionsmittel herzustellen?

Berghofer: Ob die Regierung schneller geschalten hat oder wir, weiß ich nicht mehr. Die Idee war innerhalb eines Tages geboren. Im Frühjahr waren weder Ethanol noch Gebinde zu bekommen. Wir haben nicht gewusst, wie wir die kleinen Flaschen abfüllen, wir hatten ja keine Erfahrung damit. Da waren innerhalb kürzester Zeit so viele Entscheidungen zu fällen. Aber es hat funktioniert. Auch hier war uns Fortuna hold, Fleiß allein reicht nicht immer.

STANDARD: Wird es nach der Pandemie noch Desinfektionsmittel von Adler geben?

Berghofer: Sicher. Die Nachfrage ist zwar schon geringer als zu Beginn der Pandemie, aber wir werden die Produktionslinie beibehalten. Kommendes Jahr investieren wir in eine eigene Abfüllanlage. Außerdem werden wir einen neuen Mitarbeiter einstellen, der sich mit dem Markt für Desinfektionsmittel auseinandersetzt.

STANDARD: Was ist neben Desinfektionsmitteln sonst noch an neuen Produkten geplant?

Berghofer:(lacht) Wenn die Kunden Nagellack wollen, würden wir wohl auch Nagellack herstellen. Meine Schwester (Leiterin der Unternehmenskommunikation, Anm.) wird mich für dieses Zitat schimpfen. Aber wir orientieren uns an den Kundenbedürfnissen. Wir schauen aber auch, dass wir als Unternehmen gesund wachsen. Die Produktion soll ausschließlich in Tirol bleiben, im Ausland haben wir nur Vertriebsgesellschaften. Die Mitarbeiter sollen die Entwicklungen mittragen. Allzu steile Bergfahrten wollen wir deshalb auch nicht hinlegen.

STANDARD: Mussten Sie Corona-Hilfen in Anspruch nehmen?

Berghofer: Wir haben keinen Cent vom Staat genommen. Wir konnten uns das auch leisten, weil wir eine sehr gute Eigenkapitalbasis haben. Und wir wollen möglichst unabhängig sein.

STANDARD: Tun Freiheitseinschränkungen einem unabhängigen Geist nicht besonders weh?

Berghofer: Natürlich. Ich bin eine begeisterte Wintersportlerin, egal, ob auf der Piste oder mit den Tourenskiern. Aber zum Glück wird uns die Freiheit, in den Bergen unterwegs zu sein, nicht ganz genommen. Junge Menschen leiden besonders unter der Situation. Ich habe zwei Jugendliche zu Hause, denen machen die Einschränkungen wirklich zu schaffen.

STANDARD: Die Natur lockt Sie nicht nur als Wintersportlerin, sondern auch als Unternehmerin.

Berghofer: Von der Natur kann man viel lernen. Wir haben eine Innovationsgruppe, die sich auch mit Bionik befasst. Ich bin ein großer Fan von Bionik. Nehmen Sie die Haifischhaut, die eine besondere Struktur aufweist. Warum nicht die Natur zum Vorbild nehmen und eine Beschichtung mit ähnlichen Eigenschaften kreieren?

Nicht nur die Filmindustrie lässt sich vom Hai inspirieren. Wobei das Lack-Unternehmen freilich andere Interessen hat, als Furcht und Schrecken zu verbreiten.
Foto: Chris Pizzello/Invision/AP

STANDARD: Welche Tierhäute wollen Sie noch nachahmen?

Berghofer: Es müssen nicht nur Tierhäute sein. Sie kennen die Schneerose, die im Winter blüht. Sie hält dem Frost stand. Für unsere Lacke brauchen wir teilweise eine temperierte Logistik, weil sie dem Frost nicht standhalten. Es ist nicht sehr umweltfreundlich, im Winter mit beheizten Lkws durch die Gegend zu fahren. Also warum nicht von der Schneerose lernen? Die Natur ist Chemie. Deshalb investieren wir viel Geld in die Suche nach den natürlichen Prozessen, von denen wir lernen können. Das Innovationspotenzial ist riesig.

STANDARD: Wie nachhaltig kann ein Chemie-Unternehmen wie ein Lackhersteller überhaupt sein?

Berghofer: Sehr. Umweltschutz ist in unserer Branche nicht nur möglich, sondern auch wahnsinnig wichtig. Wir versuchen, nachwachsende Rohstoffe zu verwenden. Wir bringen aber auch langlebige Produkte auf den Markt. Das hilft nebenbei auch dem Kunden, der seltener renovieren muss. Beim Spritzen von Lack bleibt vieles nicht auf der Wand, sondern fällt herunter. Wir überlegen, wie wir diese Abfälle recyceln können.

STANDARD: Deshalb auch die Stiftungsprofessur an der Uni Innsbruck?

Berghofer: Wir investieren zwei Millionen Euro über fünf Jahre in die Professur. Eigentlich hätte sie schon 2019 besetzt werden sollen, es hat aber gedauert, bis die Uni einen geeigneten Kandidaten gefunden hat. Mit erstem Jänner ist die Professur besetzt, wir freuen uns sehr. Für uns heißt das nicht nur, dass in unserem Feld geforscht wird. Es bedeutet auch, dass in Tirol zusätzliches hochqualifiziertes Personal ausgebildet wird.

Adler Lacke produziert ausschließlich am Unternehmensstandort in Tirol.
Foto: Adler Lacke

STANDARD: Sie investieren in den Standort Tirol. Bei der Tiroler Adlerrunde ist Adler Lacke aber nicht dabei. Warum?

Berghofer:(lacht) Ja. Warum ist Adler Lacke nicht bei der Adlerrunde? ... Ich möchte ehrlich gesagt nicht überall dabei sein. Ich bin bei der Industriellenvereinigung, die ich als Interessenvertretung sehr schätze. Die Adlerrunde stellt sich auch als Gegenpartei zur Industriellenvereinigung dar. Ich bündle lieber meine Kräfte und gehe mit einer Gruppe in eine Richtung und versuche nicht, an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig tätig zu werden. Und außerdem ist mein Arbeitstag endlich. Ich verbringe schon jetzt jeden Tag zwölf Stunden im Unternehmen. (INTERVIEW: Aloysius Widmann, 25.12.2020)