In vielen rechten US-Haushalten läuft nun Newsmax. Dort wettert man gegen "linke Zensur", fürchtet sich aber davor, die eigenen Behauptungen belegen zu müssen.

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Der US-Nachrichtensender Newsmax hat ein Problem. Wochen- und monatelang hat er Berichte über angeblichen Betrug bei den Präsidentschaftswahlen ausgestrahlt – und monatelang hatte er sich dabei eine Fanbasis geschaffen. Diese erstreckte sich nicht nur auf die Anhänger des nunmehr ehemaligen Präsidenten, sondern auch auf ihn selbst. Mehrfach pries Trump via Twitter Newsmax und dessen Konkurrenznetzwerk OAN für ihre Berichterstattung. Denn beide sprachen noch lange von einem möglichen Sieg Trumps, als dessen Niederlange selbst im bisherigen Lieblings-TV der Rechtskonservativen, Fox News, schon feststand.

Doch nun, plötzlich, berichtet Newsmax nicht mehr auf die gleiche Weise. Der Wahlmaschinenhersteller Dominon und dessen Konkurrent Smartmatic haben dem TV-Sender im Dezember Schreiben zukommen lassen, mit denen Newsmax ultimativ aufgefordert wird, Behauptungen einzustellen, es sei zu Wahlbetrug mit den Maschinen dieser Unternehmen gekommen. Andernfalls würden dem Sender Klagen auf hohe Summen ins Haus stehen. Das hat gewirkt. Newsmax und in ähnlicher Form auch OAN veröffentlichten auf ihren Homepages und im Programm Erklärungen, wonach man die entsprechenden Vorwürfe eingehend untersucht, aber keinerlei Belege für Unsauberes gefunden habe.

Der TV-Sender wollte es ganz offensichtlich nicht riskieren, die offenbar unwahren Behauptungen über Wahlbetrug vor Gericht belegen zu müssen.

"Cancel Culture" am Hort der Erzkonservativen

Nun aber stellt sich die Frage: Wie weiter im Programm? Beide Sender haben sich dafür entschieden, ihre Ausrichtung nicht groß zu verändern – denn immerhin haben sie in den vergangenen Monaten beträchtliches Renommee am rechten Rand erworben. Und so kam, was vermutlich kommen musste – mit durchaus skurrilen Folgen. Dienstagabend machte Newsmax das bei Konservativen beliebte Thema der "Cancel Culture" und der angeblichen Zensur konservativer Meinungen zum Aufmacher der Abendsendung.

Zu Gast war dabei der Chef eines Polsterunternehmens, Mike Lindell, der wenige Tage vor dem Ende der Trump'schen Amtszeit auf dem Weg ins Oval Office fotografiert wurde – mit einem Zettel in der Hand, auf dem unter anderem ein Vorschlag zur Ausrufung des Kriegsrechts zu lesen war. Er war jüngst von Twitter gesperrt worden, weil er dort weiterhin Verschwörungstheorien zur Wahl verbreitete.

Lindell jedenfalls hatte offenbar die Kunde noch nicht erhalten, dass Newsmax sich – Beschwerden über "Cancel Culture" anderswo zum Trotz – mit Vorwürfen gegen die Wahlmaschinenhersteller selbst zurückhalten muss. Er polterte los. Sein Account sei gelöscht worden, weil er "über 100-prozentige Beweise" verfüge, dass es bei den Wahlmaschinen zu Betrug gekommen sei, sagt er, und kommt nicht viel weiter. "Mike, Mike!", unterbricht ihn da nämlich der Moderator des Senders, Bob Sellers. "Wir hier bei Newsmax haben diese Vorwürfe untersucht. Lassen Sie mich Ihnen etwas vorlesen!", sagt er, und trägt ein offensichtlich aus der Rechtsabteilung stammendes Papier vor, das Newsmax nun offenbar jedes Mal vortragen muss, wenn dort Wahlbetrugsvorwürfe vorkommen. Lindell freilich bleibt davon unbeeindruckt und spricht im Hintergrund einfach weiter.

Auch ein Versuch von Hauptmoderatorin Heather Childers, das Gespräch wieder zum Thema "Cancel Culture" zurückzuführen, scheitert, als Lindell erneut über den angeblichen Wahlbetrug spricht. "Ich will das nicht dauernd wiederholen müssen, wir hier bei Newsmax haben die Vorwürfe überprüft, und ...", probiert es Moderator Sellers noch einmal. Dann gibt er auf, im Bild ist noch zu sehen, wie er kurz nickt, dann schweigt – und schließlich aufsteht und geht. Man kann es nachempfinden. (mesc, 3.2.2021)