Es braucht auch stärkere Anreize für Männer, Frauen bei der Vereinbarkeit von Karriere und Familie zu unterstützen, bis hin zum Zwang, in Karenz zu gehen, sagt Andreas Gulyas im Gastkommentar. Er forscht an der Universität Mannheim zu Arbeitsmarktthemen.

Seit 1990 ist die Väterkarenz in Österreich zwar gesetzlich verankert, doch nur wenige Männer bleiben länger bei den Kindern zu Hause. Hier muss die Politik ansetzen.
Foto: Getty Images

Durch den Frauentag ist die weiterhin auseinanderklaffende Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Bis dato wurden viele Instrumente diskutiert, den Gender-Pay-Gap zu reduzieren, wobei besonders hohe Erwartungen in die Lohntransparenz gesetzt werden. Seit fast zehn Jahren müssen Firmen mit über 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Einkommensberichten Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen offenlegen. Einerseits wird gefordert, wie etwa von der grünen Frauensprecherin Meri Disoski, die Gehaltstransparenz auch auf kleinere Firmen auszuweiten. Andererseits werden immer wieder Rufe laut, das Gesetz zu verschärfen, wie etwa von Beate Hausbichler im STANDARD-Kommentar. Bevor man über Verschärfungen diskutiert, sollte jedoch evaluiert werden, inwiefern das jetzige Gehaltstransparenzgesetz die Gehaltslücke reduziert hat.

Senkt die Gehaltstransparenz Einkommensunterschiede? Genau diese Frage untersuche ich mit zwei Co-Autoren in einer aktuellen Studie. Unser ernüchterndes Ergebnis: Die Gehaltsschere hat sich durch die Offenlegung nicht verändert. Nicht einmal in Firmen, wo vor der Reform die Gehaltsunterschiede besonders groß waren, konnten wir signifikante Effekte finden.

Schlecht zahlende Branchen

Wieso ist Gehaltstransparenz in Österreich nicht erfolgreich? Es ist ein Problem, dass die Einkommensberichte nicht öffentlich zugänglich sind und dadurch das Transparenzgesetz an der falschen Stelle ansetzt. Es mag Firmen geben, die Frauen wissentlich oder unwissentlich schlechter bezahlen, die größten Gehaltsunterschiede entstehen aber nicht dadurch, dass Firmen Frauen und Männer unterschiedlich bezahlen, sondern dadurch, dass Frauen im Schnitt für Firmen arbeiten, die generell schlechter bezahlen.

Wenn Durchschnittsgehälter und Gehaltsunterschiede veröffentlicht werden müssen, wie dies in Großbritannien vorgeschrieben ist, so könnten Frauen diese Information nutzen, um sich direkt bei besser und gerechter zahlenden Firmen zu bewerben. Wunder darf man sich davon trotzdem keine erwarten, denn wie mittlerweile unzählige Studien zeigen, öffnet sich die Gehaltsschere hauptsächlich nach der Geburt des ersten Kindes. Um die Gehaltsschere signifikant zu ändern, muss die Politik daher hier ansetzen.

Nach der Geburt des ersten Kindes verfestigen sich allzu oft die traditionellen Genderrollen. Während Männer ungehindert die Karriereleiter hochklettern und in besser bezahlte Jobs wechseln, stecken Frauen bei der Karriere zurück. Sie übernehmen fast die gesamte Karenzzeit, arbeiten danach hauptsächlich Teilzeit, und nehmen schlechter bezahlte Positionen in Kauf, um nicht so weit pendeln zu müssen. Durch diese Faktoren öffnet sich die Einkommensschere mit dem ersten Kind auf über 60 Prozent.

Finanzielle Anreize

Durch finanzielle Anreize und auch Verpflichtungen könnte die Politik Männer dazu bringen, mehr an der Kinderbetreuung teilzunehmen. Die jetzigen Karenzbestimmungen bieten einen Anreiz dafür, dass der schlechter Verdienende, meistens die Frau, die Karenzzeit voll ausschöpfen soll. Hier ließe sich andenken, dass der Staat während der Karenz hundert Prozent des Einkommens ersetzt und vielleicht sogar Männer zu gewissen Karenzzeiten zwingt. Außerdem sollte ein verpflichtendes Pensionssplitting zwischen Eltern eingeführt werden, wo die Pensionsansprüche während der Kindererziehung zwischen beiden Partnern gerecht halb-halb geteilt werden.

Dadurch kann erstens die Altersarmut bei Frauen verkleinert werden, und zweitens hätten dann auch Männer einen stärkeren Anreiz, Frauen bei der Vereinbarkeit von Karriere und Familie zu unterstützen und einen gerechten Anteil an der Kinderbetreuung zu übernehmen. Und wohl das Wichtigste: Man muss das Angebot an Kinderbetreuung ausbauen. Nicht halbherzig wie oft in der Vergangenheit! Man muss in hochwertige Ganztagskinderbetreuungsplätze investieren, damit man Familie besser mit Vollzeitarbeit verbinden kann.

Ein reformiertes Gehaltstransparenzgesetz kann vielleicht zu mehr Einkommensgerechtigkeit führen. Um die Gehaltsschere signifikant zu verringern, muss die Politik allerdings die Bedingungen schaffen, die es erlauben, Karriere und Kindererziehung zu vereinbaren und Anreize für eine gerechtere Geschlechterverteilung der Kinderbetreuung zu setzen. (Andreas Gulyas, 12.3.2021)