Anlässlich des 60-Jahr-Jubiläums von Juri Alexejewitsch Gagarins historischem Flug ins All stiegen über Weliki Nowgorod Drohnen auf, um gemeinsam eine Rakete zu formen.
Foto: Reuters/Government of the Novgorod region

Gruß aus dem Weltraum: Die Kosmonauten Sergej Ryschikow, Sergej Kudj-Swertschikow, Oleg Nowizki und Pjotr Dubrow haben den Russen vom Bord der Internationalen Raumstation (ISS) zum "Internationalen Tag der bemannten Raumfahrt" gratuliert.

Gagarins Weltumrundung vor 60 Jahren sei ein Wendepunkt in der Geschichte gewesen, betonte Kudj-Swertschikow und sein Kollege Dubrow fügte ein Dankeschön hinzu an "alle, die sich der Erforschung des Weltraums verschrieben haben, die daran gearbeitet haben und weiter daran arbeiten, die Menschheit bei der Eroberung des Kosmos voranzutreiben."

Sowjetische Raumfahrtrekorde

Dubrow, der zusammen mit Nowizki am Freitag im Rahmen der 65. ISS-Mission auf der Raumstation landete, ist bereits der 125. russische (beziehungsweise sowjetische) Kosmonaut. Namen wie Juri Gagarin, Galina Tereschkowa (erste Frau im All) und Alexej Leonow (erster Mensch im freien Weltraum) sind allen Russen geläufig. Anlässlich des Jubiläums hat Russland historische Fotos und Dokumente zu Gagarin und anderen Kosmonauten im Internet veröffentlicht. Laut dem russischen Verteidigungsministerium seien auf dem Online-Archiv 60cosmonauts.mil.ru einzigartige Zeugnisse zu sehen– auch mit persönlichen Informationen zum ersten Kosmonauten.

Dabei hat die Nation noch weitere Rekorde zu bieten: Den längsten Weltraumflug hat Waleri Poljakow hinter sich, der 437 Tage am Stück, also mehr als ein Jahr lang die Erde umrundete. Jewgeni Padalka war bei insgesamt fünf Einsätzen sogar 878 Tage im Weltraum – rund zweieinhalb Jahre. Anatoli Solowjew verbrachte bei 16 Außeneinsätzen mehr als 78 Stunden (also gut drei Tage) im freien Weltraum.

Seit dem Ende der eigenen Raumstation Mir beteiligt sich Moskau aktiv am Aufbau und der Entwicklung der ISS. Zwischen 2011, dem Ende der Space-Shuttle-Missionen, und 2020, als die Crew Dragon von Elon Musks SpaceX die bemannten Weltraumflüge für die USA wieder aufnahm, übernahmen die russischen Sojus-Raketen in Alleinverantwortung den An- und Abflug der Weltraumcrews.

Juri Gagarin war 27 Jahre alt, als er als erster Mensch der Geschichte ins All flog.
Foto: AP/File

Ehrgeizige Pläne

Die russische Weltraumagentur Roskosmos hat ambitionierte Pläne für die weitere Eroberung des Kosmos verkündet. Und doch macht sich bei Branchenkennern in Moskau zunehmend die Befürchtung breit, dass Russland den Anschluss verlieren könnte. Die Skepsis hängt nicht zuletzt mit Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin zusammen.

Rogosin ist die politischste Figur an der Spitze der russischen Weltraumagentur. Probleme gab es natürlich auch schon unter seinen Vorgängern, doch Rogosins Amtszeit ist von zahlreichen Skandalen und Konflikten geprägt. Unter Rogosin wurde die internationale Zusammenarbeit in der Raumfahrt massiv eingeschränkt. Auf dem Höhepunkt politischer Auseinandersetzungen mit dem Westen stichelte Rogosin sogar, amerikanische Astronauten müssten wohl künftig auf dem Trampolin zur ISS, was Musk dann nach dem erfolgreichen SpaceX-Start im vergangenen Jahr zur Antwort: "Das Trampolin funktioniert", veranlasste.

Der Bau des Weltraumbahnhofs Wostotschny im Amur-Gebiet, der künftig das auf kasachischem Boden liegende Baikonur ersetzen soll, hat sich derweil zu einem Dauerskandal mit Milliardenveruntreuungen und jahrelangen Verzögerungen entwickelt. Eigentlich sollte Wostotschny bereits 2016 fertig sein und ab 2018 bemannte Flüge ins All schicken. Nun wird immer noch am Weltraumbahnhof gebaut und der erste bemannte Weltraumflug ist auf 2024 verschoben.

Tiefststand bei Weltraumstarts

Kommerzielle Satellitenstarts gibt es zwar seit 2016 von Wostotschny aus, aber die Anzahl ist begrenzt: 2018 war mit zwei Abschüssen schon das Rekordjahr. Immerhin sind heuer sechs Starts geplant. Das wäre mit Abstand das beste Ergebnis.

Insgesamt jedoch sind die russischen Weltraumstarts derzeit auf dem tiefsten Stand der letzten zwölf Jahre. Zudem forderte Kremlchef Wladimir Putin im Herbst eine umgehende Überprüfung der Probleme beim Bau der superschweren Trägerraketen. Und das, obwohl Rogosin nur ein halbes Jahr vorher versprochen hatte, Russland könne solche Raketen wesentlich billiger herstellen als die USA.

Die Pläne sind dabei nach wie vor hochfliegend: So versprach Rogosin den Russen zum Jubiläum den Umstieg auf eine neue Raketentechnik. In wenigen Jahren schon will Roskosmos einen "Fahrstuhl" zum Mond einrichten. Laut Rogosin handelt es sich dabei um ein Landemodul, dass von einer Raumstation Güter und wohl auch Piloten auf den Erdtrabanten bringen könne.

Nach seinem Weltraumflug war Gagarin drei Jahre lang in der ganzen Welt in offizieller "Friedensmission" unterwegs und hat mehr als 30 Länder besucht. Neben dem Ostblock war er auch in Staaten wie Finnland, Großbritannien und Österreich.
Евгений А

Russland auf dem Mond

Das russische Mondprogramm plant dessen Erschließung bis 2040. Im Rahmen der ersten Phase soll im Herbst einmal eine Mondsonde zur Erkundung auf die Oberfläche des Mondes geschossen werden. Ab 2025 beginnt die mit "Vorposten" gekennzeichnete zweite Phase der Erschließung. Hier sollen zunächst Satelliten um den Erdtrabanten platziert werden, ab 2026 sind auch bemannte Mondumrundungen geplant, nach 2030 dann wieder Mondlandungen und ein Aufenthalt von bis zu 14 Tagen. Ab 2035 dann sogar der Aufbau einer Mondbasis.

Auf den Mars schießen könne Russland den ersten Menschen in acht bis zehn Jahren, wenn der Kreml das nötige Kleingeld bereitstelle, verkündete Rogosin zudem im vergangenen Sommer. In der Vergangenheit hatte Roskosmos bei dem Programm stark mit der Europäischen Raumfahrtagentur ESA zusammengearbeitet. Unter anderem hatten die beiden Agenturen mit dem Programm Mars-500 die Bedingungen eines solchen Langzeitflugs simuliert.

Nach dem Crash der teuren Mars-Sonde Fobos-Grunt 2012 soll der unbemannte Nachfolger allerdings erst nach 2025 überhaupt ins All geschossen werden. Ob der Mars dann noch auf der Agenda des Kremls steht, bleibt abzuwarten. Immerhin haben die Amerikaner hier zuletzt einen deutlichen Vorsprung gewonnen. Laut Musk könnte der erste Mensch nämlich schon 2026 auf dem Planeten landen. Das wäre für die Russen zu früh. Die Landung der Nasa-Sonde Perseverance im Februar auf der Marsoberfläche kommentierte Rogosin dementsprechend eher sarkastisch mit zwei Memes, die er später löschen musste.

Unbestritten hat Russland nach wie vor eine führende Position in der Weltraumforschung. Das wissenschaftliche und technische Know-how ist riesig. Aber allein wird die Verwirklichung der ehrgeizigen Pläne in Zukunft schwer. Russland hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gute Erfahrungen mit der internationalen Kooperation gemacht. Die ISS ist ein tolles Erfolgsbeispiel. Wenn sich die Entscheidungsträger wieder mehr darauf zurückbesinnen, steht neuen Entdeckungen und der friedlichen Eroberungen des Weltraums nichts im Wege. (André Ballin, 12.4.2021)