Roland Peitl (58) arbeitet seit 35 Jahren als Gerichtsvollzieher am Bezirksgericht Perg (OÖ). Wegen der Corona-Pandemie hat auch er gerade weniger zu tun.
Foto: Hermann Wakolbinger

Dass ich Gerichtsvollzieher geworden bin, war reiner Zufall. Nach der Handelsschule habe ich zuerst bei einer Spedition zu arbeiten begonnen. Meine Oma hat mir dann gesagt, ich soll mich doch für einen sicheren Job beim Gericht bewerben. Nach zwei Jahren am Landesgericht in der Strafabteilung war mir aber klar, die Arbeit in einer Kanzlei ist auf Dauer nichts für mich. Und ich wollte eigentlich schon gehen, das habe ich meinen Vorgesetzten auch schon gesagt. Dann ist zufällig ein Job als Gerichtsvollzieher am Bezirksgericht in Perg frei geworden, und da habe ich mir gedacht, die Ausbildung mache ich noch, die kann ich immer gebrauchen. Ich bin aber dort hängengeblieben. Seit August 1985 bin ich Gerichtsvollzieher.

Ich war damals relativ jung, mittlerweile bin ich 58 Jahre alt. Mein junges Alter war am Anfang schon ein wenig ein Problem. In der Regel bin ich 24 Stunden am Tag für meine Kundschaften oder Verpflichtenden telefonisch erreichbar, fix erreichbar muss ich zwischen 7.30 Uhr und 15.30 Uhr sein. Den Tag kann ich mir aber selbst frei einteilen. In der Früh fahre ich meistens ins Büro und schaue, ob neue Akten oder Einstellungen gekommen sind, danach fahre ich raus und arbeite meine Termine ab.

Durch Corona haben wir jetzt viel weniger Arbeit, weil alle Fristen aufgeschoben wurden. Jetzt sind nur noch die Uraltsachen da. Aber es ist die Ruhe vor dem Sturm. Wann der kommen wird, lässt sich aber nur schwer sagen. In der Regel plane ich immer drei Monate nach vor. Zwischen drei und vier Termine mache ich an einem Tag, da sind aber auch ausgemachte Zahlungen dabei. Wenn ich weiß, jemanden erwische ich nicht anders, fahre ich auch am Wochenende hin. Grundsätzlich ist mir der Abend lieber, weil ich da besser drauf bin. Ich habe vor Jahren einmal versucht, früher zu beginnen, da war ich aber grantig, und wenn das Gegenüber dann auch noch grantig ist, dann passt das nicht zusammen.

Kein Platz für Emotion

Ich versuche, die Leute immer irgendwo abzuholen. Wenn jemand schimpft, dann lasse ich ihn bis zu einem gewissen Punkt schimpfen. Das ist reine Gefühlssache, aber irgendwann sage ich dann, das mag schon stimmen, aber Sie haben eben diesen oder jenen Fehler gemacht. Meistens weiß ich nach fünf, zehn Minuten, warum es so weit gekommen ist, warum er keinen Einspruch gemacht hat, den Termin übersehen hat – da gibt es x Möglichkeiten. Aber ich sage dann, jetzt müssen wir aber das Problem aus der Welt schaffen. Das ist dann meistens der Punkt, wo sich die Betroffenen wieder beruhigen.

Wichtig ist, dass man miteinander reden kann. Schwierig ist es dann, wenn ich merke, zu dem dringe ich nicht durch, da muss ich dann auf stur schalten. In 35 Berufsjahren ist mir gegenüber vielleicht dreimal jemand gewalttätig geworden. Die emotionale Komponente darf man nicht an sich heranlassen, sonst ist man verloren. Beispiele dafür gibt es genug. Wenn ich daheim aus dem Auto steige, ist der Arbeitstag für mich erledigt. Wenn mich eine Situation belastet, kann ich mit meinen Kollegen und Vorgesetzten darüber reden und es so abarbeiten.

Respektvoller Umgang

Das Schwierigste bei meinem Beruf sind Kindesabnahmen. Das ist unheimlich emotional. Da gibt es eine Vorbereitungszeit von drei Tagen, und man macht das auch nicht allein, da sind Kinderpsychologen dabei. Da schläft man vorher auch nicht gut. Das kommt nicht so oft vor – drei-, viermal musste ich das bis jetzt machen – aber das ist das Härteste.

Zu den schönen Momenten gehört, wenn ich mit jemandem fertig werde, der kurzfristig in einem Tief war, und wir gemeinsam den Weg heraus schaffen. Wenn er mir – oft zwei, drei Jahre lang – das Geld vorbeibringt und er mir dann den letzten Betrag aushändigt, dann sage ich: ‚Jetzt bist du frei, du kannst machen, was du willst.‘ Und er geht lachend aus der Tür und bedankt sich, dass ich ihm geholfen habe. Ich bringe jedem Respekt entgegen – von ganz oben bis ganz unten. Und so mancher honoriert das auch.

Flexibles Arbeiten

Das erste Mal kommen wir zu dem Verpflichteten komplett unangemeldet. Über den Menschen weiß ich aber schon relativ viel, bevor ich ihn das erste Mal sehe. Manchmal ist das Gegenüber baff, wenn wir kommen, manchmal nicht. Ich hatte einmal eine Kundschaft, die habe ich gefragt, warum er nicht gezahlt hat, finanziell ging’s ihm nicht schlecht. Der wollte einfach wissen, wie das ist. Manche nehmen es auch locker, eine Zahlungsfrist geht über Jahre. Die wissen genau, wenn sie das jetzt nicht zahlen, dann stehe ich irgendwann in der Tür. Dann pfänden wir etwas und warten, bis er mit der Zahlung wieder beginnt.

Was unseren Beruf auszeichnet, ist der Umgang mit Menschen. Ich weiß nie, was hinter der Tür passiert, ich muss auf jede Situation eingestellt sein und sofort erkennen, wenn es gefährlich wird. Es hat immer wieder Angriffe auf Kollegen gegeben. Praxis und Erfahrung helfen sicher dabei. Dass ich die Freiheit habe, mir den Tag selbst einteilen zu können, und dass mir der Chef nicht dauernd im Nacken sitzt, ist mir jedenfalls wichtig. (Gudrun Ostermann, 18.4.2021)