Laut einer aktuellen Umfrage der Stiftung für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, Eurofound, arbeiten seit dem Ausbruch der Pandemie rund ein Drittel aller Europäer von zu Hause aus. Viele Unternehmen überlegen derzeit, ob sie nicht signifikante Einsparungen erzielen können, wenn sie ihre Innenstadtbüros grundsätzlich verkleinern und mehr Angestellte regelmäßiger von zu Hause arbeiten lassen. Ist das eine gute Idee?

Kreativität versus Zeitersparnis

Ein Blick in die IT-Branche legt nahe, dass das Homeoffice eine riskante Personalstrategie sein kann. So beendete IBM im Jahr 2017 ein gutes Jahrzehnt an Homeoffice-Arbeit in den USA für gut 40 Prozent der Beschäftigten. Der Schritt schien wie eine Handbremse, die nach Jahren fallender Erlöse gezogen wird. Alle US-Mitarbeiter, die nicht in der Nähe von einem der sechs IBM-Standorte wohnten, mussten entweder umziehen oder gehen. Begründet wurde der Schritt mit der Hoffnung, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Schulter an Schulter kreativer und wirkungsvoller arbeiten. Studien untermauern das Bauchgefühl, dass gute Ideen häufig durch zufällige, ungeplante Gespräche entstehen, die nur bei physischer Präsenz im Büro zustande kommen.

Die Kreativität und das beiläufige Zusammensein haben jedoch auch den Preis, dass die in Meetings verbrachte Zeit immer weiter angestiegen ist. Und dieser Trend scheint sich durch Homeoffice-Arbeit zu bessern. Microsoft konnte für das eigene Unternehmen etwa herausfinden, dass die Zahl von Sitzungen, die mehr als eine Stunde dauern, während der Corona-Homeoffice-Zeit um elf Prozent gesunken ist; und das ohne jegliche Intervention seitens der Geschäftsführung. Sich per Video zu unterhalten ist auf Dauer eben lange nicht so befriedigend, wie sich persönlich zu sehen.

Austauscheffizienz steigt im Homeoffice also, während die Musen der Kreativität und des gemeinsamen Ausheckens von Ideen leiden. Fraglich ist für ein Unternehmen beim Nachdenken über die Homeoffice-Strategie daher, welcher dieser beiden Werte in der eigenen Branche der wichtigere ist. Wenn man in einer Industrie operiert, die relativ stabil und homogen arbeitet, mit geringen Innovationsraten, dann ist die Homeoffice-Strategie sicherlich eher zu befürworten, als wenn man in einer innovativen Brache operiert, in der das ständige Ohr am Markt für die eigene Wettbewerbsfähigkeit zählt.

Meetings werden zwar kürzer, aber der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen schlägt sich auf die Kreativität nieder.
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Energieraubendes Homeoffice durch Erreichbarkeit

Ein zweiter Aspekt sollte jedoch bei der Entscheidung für oder gegen das Homeoffice auch nicht unterschätzt werden: Das sind die Auswirkungen des Homeoffice auf die Lebenskraft beziehungsweise Erschöpfung von Mitarbeitern. Beim Vergleich von 48 Studien zum Thema "Energiegewinn versus Ermüdung durch Digitalisierung", den wir am Institut für Wirtschaftsinformatik und Gesellschaft der WU Wien durchgeführt haben, fanden wir 18 Studien, die sich speziell mit dem Thema Erschöpfung von Mitarbeitern durch Arbeitsplatzdigitalisierung beschäftigt haben. Knapp die Hälfte (47 Prozent) dieser wissenschaftlichen Studien fanden, dass Digitalisierung zu Erschöpfung bei Mitarbeitern führt. Sie zeigen, dass die Nutzung digitaler Medien zu Arbeitszwecken vor allem dann negativ ist, wenn auch nach Feierabend noch gearbeitet wird oder Erreichbarkeit gefordert ist. Die Anzahl der negativen Beobachtungen ist dann sogar doppelt so häufig. Im Gegensatz dazu suggerieren 22 Prozent der Beobachtungen eine neutrale Reaktion auf Digitalisierung und 31 Prozent sogar eine positive Auswirkung.

Drei Erklärungen haben die Wissenschafter für die Energiebilanz: Erstens nehmen die Überlastung und der Druck zu. Durch die Allgegenwärtigkeit von IKT wird man ständig unterbrochen oder unterliegt einem Erreichbarkeitszwang. Zweitens kommt es bei Erreichbarkeitszwang in der Freizeit zu energieraubenden Konflikten, etwa mit der Familie. Und drittens ist der Grad der Autonomie ganz entscheidend, den eine Firma ihren Mitarbeitern bei der Gestaltung des Homeoffice einräumt. Sind Mitarbeiter frei darin zu entscheiden, wann sie etwa auf E-Mails antworten, am Rechner sitzen, erreichbar sind, sich die Arbeit einteilen et cetera, dann sind die Auswirkungen des Homeoffice sehr positiv. Nimmt man Arbeitnehmern jedoch diese Autonomie, wie es bei einigen Softwarelösungen für das Personalmanagement jetzt gemacht wird, kann sich das Homeoffice schnell zum Albtraum für die Mitarbeitermotivation und den Firmenzusammenhalt entwickeln.

Zukunft des Arbeitens

Für Unternehmen ergibt sich aus all diesen Ergebnissen im Hinblick auf ihre Homeoffice-Strategie eine klare Ansage. Erstens: Erreichbarkeitszeiten und -kanäle vereinbaren und einhalten, die den Freizeitbereich der Mitarbeiter respektieren. Von Überwachungs- und Personalbewertungssoftware absehen. Stattdessen den Mitarbeitern vertrauen und ihnen nach Möglichkeit Freiraum geben, sich unbeobachtet selbst zu organisieren. Ausreichend Büroraum erhalten und Pendeldistanzen vereinbaren, die Mitarbeitern erlauben beziehungsweise sie an bestimmten Tagen dazu verpflichten, ins Büro zu kommen, damit ein gesunder Mix zwischen Präsenz- und Homeoffice-Work geschaffen wird. (Sarah Spiekermann, 23.4.2021)