In einem Moment still und stumm, im nächsten flink wie eine Klapperschlange: das Tischfußball-Männchen.

Foto: Getty Images/Pete Gardner

Um eines klarzustellen: Durchdrehen ist verboten. Die eiserne Regel bezieht sich aufs Kurbeln am Wuzeltisch, also aufs propellerartige Drehen einer Spielfigur zum Zwecke, das kleine Bällchen aufs Geratewohl ins dunkle Loch namens Tor zu bugsieren. Klarzustellen gibt es in Sachen Tischfußball allerdings einiges mehr. Vor allem Menschen, die mit den sprichwörtlichen zwei linken Händen ausgestattet sind, staunen nicht schlecht, wenn sie Profis über die Schulter schauen.

Zärtlich um die steifen Füßchen

Auf den ersten Blick zeigt sich das Geschehen auf dem Tisch gespenstisch ruhig. Als wäre es ein Westernduell, wartet der Betrachter auf den Moment, indem einer der Spieler wie eine Schlange zuschlägt und die friedlich zum Liegen gekommene Kugel über den Tisch sausen lässt. Und zwar mit einem derartigen Affenzahn, dass das Auge nicht mitkommt. Keines von beiden. Die elf Männchen wuseln sodann auf ihren Metallstangen lauernd hin und her, strecken die Beinchen in die Höhe, schmiegen den Ball fast zärtlich um ihre steifen Füßchen, ehe diese abermals blitzschnell loskicken.

Die Blicke der Spieler scheinen auf dem Ball zu kleben, ihre Handgelenke drehen sich wie frisch geölte Scharniere, was sich übrigens auch wunderbar auf Youtube verfolgen lässt, wo man zum Beispiel das Herren-Bundesliga-Spiel der Gruppe C zwischen den Vereinen Saltamontes und Tiktak verfolgen kann, das doch tatsächlich von zwei Kommentatoren begleitet wird. Diese garnieren die Spielszenen mit Sprüchen wie "Die müssen wohl noch das Zielwasser einstellen", "Gut gehalten" oder "der kann’s auch auf die andere Seite". Auch weiß der eine manches besser als der andere. Und umgekehrt. Wie beim echten Fußball.

Tischfussballbund Österreich

Gibt's Brösel oder Fouls, kann schon auch mal ein Schiedsrichter dazwischengehen. Etwa wenn es mit einem Spieler durchgeht und er den Tisch verrückt oder der Ball länger als 15 Sekunden in einer Reihe gehalten wird. Abseits gibt’s, das dürfte auch dem Laien klar sein, beim Tischfußball keines, und von Verbalinjurien, wie sie jüngst dem Fußballer Marko Arnautović entfuhren, weiß Andreas Fercher, Präsident des Tischfußballbunds Österreich, nichts. "Das kommt eher in Bars vor", sagt der 39-Jährige, der schon als Kind vom Wuzelvirus im Schwimmbad angesteckt wurde und später beim Fortgehen mit Menschen in Kontakt kam, die den Ehrgeiz, auch Turniere zu spielen, in ihm weckten – und der ihn zum obersten Wuzler des Landes machte.

Hoher sozialer Faktor

Auf die Frage nach der Herkunft des Begriffs Wuzeln, der vor allem in Ostösterreich gebräuchlich ist, hebt Andreas Fercher, der auch als Trainer arbeitet, nichtwissend die Schulter. Eventuell bezieht es sich auf eine drehende Bewegung wie beim Wuzeln einer Zigarette. Wie auch immer, Fercher erklärt die Faszination an der Tischfußballerei damit, dass diese einfach auf der ganzen Welt praktiziert wird. Tische kommen in der Gastronomie vor, in Parks, Schwimmbädern oder Gemeinschaftsräumen. Das sei unvergleichbar, sagt Fercher, der dem Spiel auch einen hohen sozialen Faktor zuschreibt. "Tischfußball ist viel interaktiver und facettenreicher als zum Beispiel das Werfen von Pfeilen auf eine Dartscheibe." Außerdem werde es von Groß und Klein ebenso gespielt wie von Dicken und Dünnen.

Ein weiter Punkt für Tischfußball: Der Altersunterschied fällt im Vergleich zu anderen sportlichen Betätigungen bei weitem nicht so schwer ins Gewicht. Natürlich weiß der Präsident auch über die Fähigkeiten Bescheid, die ein guter Tischfußballer mitbringen sollte. Dazu zählen hohe Konzentrationsfähigkeit, mentale Stärke und eine gute Verbindung zwischen Hand und Auge im Sinne der Reflexe. Auch taktisches Verständnis sei von großem Vorteil. Taktik beim Tischfußball? Dazu gehören für den Fachmann der Bluff, ein gutes Passspiel von Figur zu Figur sowie die Gabe, den Gegner im Auge behalten zu können. Erst mit diesem Rüstzeug habe man das Zeug zum Profi. Aber was heißt hier eigentlich Profi?

Spiel um die Ehre

Österreich liegt in der internationalen Nationenwertung beständig unter den top vier. Da können sich die Mannen von Franco Foda einiges abschauen. Aber damit nicht genug: Bei der letzten WM im spanischen Murcia – auch beim Tischfußball werden die jeweiligen Hymnen gespielt – gingen 38 österreichische Wuzler an den Start und räumten acht Medaillen ab. Zwei Damenteams belegten den ersten und zweiten Platz, und auch in der Vergangenheit durfte sich Österreich mit mehreren WM-Titeln schmücken. In der europäischen Champions League belegte man Platz fünf.

Was dabei rausschaut, zeigt die Kehrseite der Medaille. Für einen WM-Titel gibt’s die Ehre, bei manchen Turnieren in den Kategorien Mannschaft, Einzel, Doppel, Herren, Damen, Junioren, Senioren winkt immerhin ein Preisgeld von 1.000 Euro. Dafür würde sich Cristiano Ronaldo nicht mal einen Fußballschuh anziehen.

Tischfußball-Lehrgang mit Andreas Fercher.
myTFB - Tischfussball für Alle

Umso mehr ist es Andreas Fercher, der es in guten Zeiten auf 20 Stunden Spielzeit pro Woche bringt, ein Anliegen, der Szene mit circa 800 Vereinsspielern in 35 Vereinen den Rücken zu stärken. Der älteste Spieler im Senioren-Nationalteam zählt übrigens 80 Lenze, die jüngsten Wuzler sind gerade einmal sieben. Die Geschlechterverteilung liegt bei 75 Männer zu 25 Frauen, wobei die Frauen international erfolgreicher spielen.

Kurz vor der Anerkennung

"Ich möchte dieses Denken, dass Tischfußball ein Wirtshausspiel sei, viel weiter eindämmen", sagt Fercher. Dabei schaut es gut aus, denn die Wuzlerei stehe kurz vor der internationalen Anerkennung als offizielle Sportart, was die Situation bezüglich Förderungen deutlich verändern würde. Ferner schwebt dem Funktionär eine Schülerliga vor, und er denkt weiter, etwa an Betriebssportmeisterschaften, die auch in Sachen Teambuilding einen guten Dienst täten.

Das echte Fußballspiel hat Fercher nie gereizt. Seine Füße wären für diesen Sport zu ungeschickt, meint er. Seine Hände sind es nicht, sonst würde er kaum Herr Präsident genannt. Wer von ihm höchstpersönlich in die Welt des Tischfußballs eingeführt werden möchte, kann auf Youtube "Tischfußball Basiskurs" eintippseln und sich in zehn Teilen trainieren lassen. Damit auch die mit zwei linken Händen versehenen Zeitgenossen im Freibad endlich mal die Kugel versenken, ohne durchzudrehen. (Maik Hausenblas, 30.6.2021)

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