Lässig wie ein Badkicker löste Jorginho die heikle Aufgabe im Elferschießen.

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Erlösender Moment für die Squadra.

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Finaleinzug realisieren.

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Jubeltraube bilden.

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Partystimmung auf der Piazza del Popolo in Rom.

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London – Es ließen sich Hymnen schreiben über das dienstägige Halbfinale, das auch ein würdiges Finale gewesen wäre. Wahrscheinlich sollte man das auch. Das Alzerl, das die beiden Teams voneinander unterschied an diesem Londoner Abend, war gewissermaßen das hymnische: Die Spanier mussten, weil textlos, stimmlos das Nationallied über sich ergehen lassen; die Italiener schmetterten ihre ungegenderte Fratelli d’Italia mit einer Inbrunst, die ihresgleichen sucht und höchstens im Radetzkymarsch fände. "Stringiàmci a coòrte, Siam pronti alla morte."

Freilich war es ein hartes Stück ehrlicher Arbeit. Die Spanier, aufmunitioniert durch ihren Trainer Luis Enrique, haben ihre beste Partie seit langem vollbracht. Ihre alte, mit den Jahren ein wenig müde gewordene Qualität, das durch Kurzpasswirbel erscheiberlte Ballbesitzspiel, hat die Italiener in einige Fisimatenten gebracht.

Ballbesitzer

70 Prozent Ballbesitz bei einer Passquote von 85 Prozent würde noch nichts sagen. Aber die Spanier erreichten diese Quote zu einem Gutteil vorwärtsstrebend in Italiens Hälfte. 16 Torschüsse gab es für Spanien, sieben für Italien.

Gut, dass die Italiener – aufmunitioniert nicht nur vom Coach Roberto Mancini, sondern eben auch von ihrer hymnischen Bereitschaft zum Tode in der Kohorte – ihre alten Tugenden der defensiven Brillanz nicht vergessen haben. Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci waren in der Abwehr, Gianluigi Donnarumma im Tor gefordert. Der 34-jährige Defensivrecke Bonucci von Juventus keuchte hinterher: "Das war die härteste Partie, die ich jemals gespielt habe." Natürlich, ja: "Ich gratuliere Spanien." Aber: "Einmal mehr hat Italien Herz gezeigt, Entschlossenheit und den Willen, schwierige Momente zu überstehen" – L’Italia chiamò! Sì!"

Auch Teamchef Mancini zollte den Spaniern Respekt. "Es war schon auch Glück mit dabei." Das Pressing lief gegen die ballsicheren Spanier ins Leere. Gefährlich waren die Italiener vor allem dann, wenn sie einen spanischen Angriff abfangen konnten. "Wir haben gelitten. Spiele laufen nicht immer so leicht wie bisher." Der alte Catenaccio war es dennoch nicht, sagt Mancini: "Mir gefallen diese Vereinfachungen nicht. Ein Spiel besteht nie nur aus Verteidigen oder nur aus Angreifen. Es braucht immer beides."

Zumal Italien eine schmerzliche Vorgabe hat machen müssen. Der Trainer konnte das so nicht ansprechen. Aber es war für jedermann ersichtlich, dass und wie sehr der offensive Defensive Leonardo Spinazzola von Roma, den ein Achillessehnenriss außer Gefecht gesetzt hat, fehlt auf der linken Seite.

Tragische Figur

Federico Chiesa von Juventus Turin sorgte mit einem platzierten Schuss vom Sechzehner in der 60. Minute für den ersten Treffer. Die Spanier antworteten zwanzig Minuten später durch den gleich danach eingewechselten Alvaro Morata, ebenfalls von Juve. Der brachte die Partie in die torlose Verlängerung. Im deshalb nötig gewordenen Elferschießen wurde Morata dann, nicht zum ersten Mal, zur tragischen Figur. Denn gleich nach ihm trat der gebürtige Brasilianer Jorginho von Chelsea an und panenkanisierte die Spanier.

"Es fühlt sich wunderbar an", sagte der Midfielder: ein eingesprungener Anlauf, ein leichter, aber recht platzierter Schuss ins rechte untere Eck, Spaniens Goalie, Unai Simón, verschaukelt, im anderen. "Hinterher denkst du: Boah, es ist geschafft."

Italien schlägt also im Penaltyschießen die Spanier mit 4:2. Es ist der vierte Einzug der Italiener in ein EM-Finale. Zum ersten Mal seit 1968 stehen die Sterne, in denen sowas steht, sogar günstig für einen Titel. Am Sonntag, 21 Uhr in Wembley, wäre der diesbezügliche Termin.

Trottel

Währenddessen muss Morata erdulden, dass die Welt ein Tummelplatz von Trotteln ist. Die euphemistisch so genannten "sozialen" Medien kochen über. Sogar die Frau und die drei Kinder bekamen Morddrohungen.

"Ich hoffe, dass man in Zukunft ernsthafte Maßnahmen gegen solche Personen ergreift, weil all dies schandhaft und unannehmbar ist", sagte Moratas Frau, die Italienerin Alice Campello, "Fußball ist doch ein Sport, der die Menschen vereint, er soll kein Ventil für den eigenen Frust sein." (Wolfgang Weisgram, 7.7.2021)