Die typische Lederhose hat der Iraker Aker Al Obaidi bereits mit der ÖOC-Kollektion ausgefasst. Irgendwann soll die Staatsbürgerschaft dazukommen.

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Kimia Alizadeh holte 2016 als erste Iranerin eine Olympiamedaille. 2020 ist sie geflüchtet. In Tokio beginnt sie ausgerechnet gegen eine Landsfrau.

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Kimia Alizadeh strahlte, die Bronzemedaille trug sie bei der Siegerehrung in Rio voller Stolz um den Hals. Die Taekwondo-Kämpferin hatte Geschichte geschrieben, als erste Iranerin überhaupt eine Olympia-Medaille gewonnen – und das als 18-Jährige. Alizadeh hätte eine Heldin sein sollen, doch sie wurde ein Flüchtling. Die junge Frau hielt die Repressalien in ihrer Heimat nicht mehr aus.

"Ich bin eine von Millionen unterdrückter Frauen im Iran, mit denen sie seit Jahren spielen", sagte Alizadeh nach ihrer Flucht 2020 mit ihrem Ehemann Hamed, über die Niederlande kamen sie nach Deutschland. An Heuchelei, Korruption und Lügen habe sie sich nicht mehr beteiligen wollen. Alizadeh berichtete von Ausbeutung und Sexismus, Anfeindungen und Drohungen, iranische Athletinnen würden gedemütigt. "Ich habe keinen anderen Wunsch als ein Leben mit Taekwondo, in Sicherheit und Gesundheit."

Inspiration für alle

In Aschaffenburg hat Alizadeh ihr neues Glück gefunden, sie kann fünf Jahre nach ihrem großen Moment von Rio wieder an den Olympischen Spielen teilnehmen: im Flüchtlingsteam, dem Prestigeprojekt von IOC-Präsident Thomas Bach. Alizadeh, die berühmte Schwimmerin Yusra Mardini aus Berlin, deren Leben derzeit verfilmt wird, und die 27 weiteren Athleten und Athletinnen der Mannschaft aus elf Ländern senden ein starkes "Signal der Hoffnung" an die Welt, sagte Bach. "Wir hoffen, dass wir Menschen auf der ganzen Welt inspirieren können. Mein Traum ist nicht mehr nur mein Traum. Viele Menschen schauen auf mich", sagte Mardini, die schon 2016 am Zuckerhut im Flüchtlingsteam dabei war. Wie die Millionen Flüchtlinge auf der Welt haben auch sie und Alizadeh unsagbares Leid erfahren, ihre Geschichten erzählen aber auch von Mut und Lebenswillen. Ihre Botschaft: Es geht darum, niemals aufzugeben, die Hoffnung nicht zu verlieren und an seinen Träumen festzuhalten.

Alizadehs großer Traum ist es natürlich, auch in Tokio eine Medaille zu holen. Ihre Mission beginnt die Staatsfeindin ausgerechnet gegen eine Landsfrau: Alizadeh eröffnet in der Nacht zum Sonntag (3.00 Uhr MESZ) das Taekwondo-Turnier im Federgewicht gegen Nahid Kiyani aus dem Iran.

Aker Al Obaidi ist dankbar und stolz. Dankbar dafür, dass er den Bürgerkriegswirren im Irak als Jugendlicher entkommen ist und in Österreich eine neue Heimat gefunden hat. Mit Stolz erfüllt den 21-jährigen Ringer, dass er mehr als sechs Jahre nach seiner Flucht aus Mossul als Teil des internationalen Flüchtlingsteams an Olympia in Tokio teilnehmen kann. Gerne würde er das zukünftig für Österreich tun, er hofft auf die Staatsbürgerschaft. "Ich trete als Flüchtling an, und bin auch stolz auf diese Möglichkeit, aber ich fühle mich als Österreicher. Ich bin hier groß geworden. Ich bin hier zufrieden, ich habe Freiheit, Österreich ist meine Heimat", sagte der seit dem Jahr 2018 in Inzing in Tirol lebende Al Obaidi. "Ich kämpfe für das Refugee-Team und für Österreich."

Der RSC Inzing um Vereinschef Klaus Draxl und Trainer Benedikt Ernst haben den hochtalentierten Teenager vor dreieinhalb Jahren von der Steiermark ins Inntal gelotst. Dort sorgten sie für ein ideales Umfeld. "Klaus Draxl ist wie ein Vater für mich. Hier ist meine zweite Familie, er schaut auf mich, alle schauen auf mich", verweist Al Obaidi auf die anhaltende Unterstützung.

In der heimischen Ringerhochburg wohnt er in unmittelbarer Nähe der Trainingshalle nur 200 Meter von Ernst entfernt, der wie Draxl eine wichtige Bezugsperson geworden ist. Bis Al Obaidi in Österreich Zuflucht und auch eine sportliche Heimat fand, musste er einiges durchmachen. "Ich habe viel gesehen auf der Flucht, es war richtig schwierig." Mit Ernst spricht er nur selten über die Erfahrungen mit der IS-Terrormiliz im Irak und seinen harten Weg bis nach Österreich. "Er hat Sachen erlebt, die nicht schön waren. Die haben ihn auch geprägt", sagt der Coach.

Familie im Krisengebiet

Mittlerweile hat sich ohnehin vieles zum Besseren gewendet, wie Al Obaidi festhält. "Es war gutes Schicksal, ich bin in das beste Land gekommen." Seine Mutter und vier Geschwister leben nach wie vor im fernen Krisengebiet. Sie seien froh, dass wenigstens er in Sicherheit ist. "Die Lage dort ist nicht leicht. Es ist gefährlich, es gibt keinen Frieden, jederzeit ist man in Gefahr. Meine Mama weiß, ich habe Freiheit und Leute, die auf mich schauen. Sie macht sich keine Sorgen und ist glücklich, dass ich in Sicherheit bin."

Das Ringen hatte er als Kind unter Aufsicht seines Vaters erlernt. In Österreich fand er nach Neuanfängen in der Steiermark, wo er einen Schulabschluss und eine Malerlehre absolvierte, zurück auf die Matte. In Inzing reifte er. Nachweis für sein Talent sind eine Junioren-EM-Bronzemedaille 2019 sowie ein zweiter Weltcuprang. Seit zwei Jahren hat er sich dank eines IOC-Stipendiums voll auf den Sport konzentrieren können. Anfang Juni erfolgte die Nominierung ins Flüchtlingsteam. In Tokio geht er am 3. August als Jüngster in den Bewerb der griechisch-römischen Klasse bis 67 kg. "Die anderen haben mehr Erfahrung als ich, aber ich sage mir immer: ,Du bist stark, du kannst alles.‘" (sid, APA, red, 24.7.2021)