Müllhalde oder Goldgrube? Oder beides? Der meiste Müll lässt sich recyceln.

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Manchmal stinkt er, manchmal strahlt er, manchmal fault er: Die Rede ist vom Müll, einem ständigen Begleiter des Menschen. Ob der Kühlschrank ausgetauscht, eine Aluminiumdose ausgetrunken, Zwiebel geschält oder Atomenergie erzeugt wird. Es entstehen Abfälle, egal wie gut man versucht, das zu vermeiden. Freilich ist es ratsam, möglichst Ressourcen zu schonen und Abfälle zu vermeiden, wo es sinnvoll und möglich ist.

Was dennoch an Müll anfällt, ist aber längst nicht für den Wirtschaftskreislauf verloren, wie eine neue Serie im STANDARD in den kommenden Wochen zeigen soll. In jeder Folge widmen wir uns einem konkreten Abfallprodukt und schauen uns an, wie man es vermeiden und recyceln kann – egal ob es sich um Alltagsabfälle wie Papiermüll oder Plastikflaschen handelt oder um Industrieabfälle wie giftigen Rotschlamm oder Atommüll.

Ob Plastikflaschen, Aluminiumdosen oder Industrieabfälle: Meist gibt es einen Weg für den Müll zurück in den Wirtschaftskreislauf. Eine lose STANDARD-Serie widmet sich dem Thema.

Kreislaufwirtschaft wird immer wichtiger, auch in Österreich. Nicht nur weil sie umweltfreundlicher ist als eine lineare Wirtschaft, Forscher warnen beispielsweise längst vor eine Plastikflut in den Ozeanen. Sie beugt möglicher Ressourcenknappheit und Versorgungsengpässen langfristig vor, zahlreiche Rohstoffe werden etwa angesichts der Digitalisierung und Ökologisierung immer gefragter. Aber es geht vor allem auch um wirtschaftliche Chancen im Geschäft mit der Müllverwertung. Zur Kreislaufwirtschaft gehören Abfallwirtschaft wie Abwasserentsorgung, Rohstofferzeugung, Gebrauchtwarenhandel, Reparaturwerkstätten und viele Branchen mehr.

Mehr Müll

Laut der Wiener Wirtschaftskammer verdienen allein in der Bundeshauptstadt rund 3000 Unternehmen mit der Wiederverwertung von Materialien ihr Geld, das bedeutet rund 22.000 Jobs. Zählt man indirekt beteiligte Branchen wie etwa wissenschaftliche Dienstleister, Gastronomie und Immobilienwirtschaft dazu, beschäftigt die Kreislaufwirtschaft in Wien rund 75.000 Menschen. Mehr Kreislaufwirtschaft hieße nicht nur eine gesündere Umwelt, sondern auch Wachstum, ist man sich bei der Kammer sicher.

Auch die Abwasserentsorgung ist Teil der Kreislaufwirtschaft.
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Was in Österreich jedenfalls wächst, ist das jährliche Müllaufkommen in den Haushalten. Jeder Mensch in Österreich produziert im Schnitt etwa eine halbe Tonne Abfälle im Jahr, jedes Papiersackerl, alle Verpackungen, Lebensmittel, Sperrmüll und Elektroaltgeräte und alles, was sonst noch an Müll anfällt, werden zusammengerechnet. Tendenz steigend. Laut Umweltbundesamt nahmen Siedlungsabfälle aus Haushalten und ähnlichen Einrichtungen zwischen 2018 und 2019 um zwei Prozent zu. Gleichzeitig wuchs Österreichs Wirtschaft um 1,4 und die Bevölkerung um 0,5 Prozent.

Mülltrennen

Ein Schlüsselwort dafür, dass möglichst viel dieser Abfälle zurück in den Wirtschaftskreislauf finden, heißt Mülltrennen. Das läuft in Österreich zwar im EU-Vergleich ganz gut, aber es ginge besser. Zahlen aus dem Umweltbundesamt zeigen: Rund 60 Prozent der Abfälle werden in Österreich über die getrennte Sammlung erfasst, der Rest wird über die öffentliche Müllabfuhr einer Behandlung zugeführt. Insgesamt werden etwa 40 Prozent der Siedlungsabfälle thermisch behandelt, also verbrannt. Mehr als die Hälfte des Siedlungsmülls wird recycelt.

Je sorgfältiger Abfälle getrennt werden, desto besser lassen sie sich recyceln. In Österreich fordern Abfallwirtschaft und Gemeinden einheitliche Regeln fürs Mülltrennen.
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Mehr Anstrengungen braucht es aus Sicht von NGOs bei Kunststoffen. Zwar liegt Österreich hier mit einer Recyclingquote von 34 Prozent laut Umweltbundesamt weit über dem aktuellen EU-Ziel von 22,5 Prozent, doch der Pfad wird steiler: Bis 2025 soll eine 50-prozentige Recyclingquote erreicht werden; bis 2030 soll sie bei 55 Prozent liegen. Darüber hinaus sollen bis Ende des Jahrzehnts neun von zehn Einwegflaschen getrennt gesammelt werden. Das Thema sorgt in Österreich seit eineinhalb Jahren für einen Hickhack zwischen den Regierungsparteien. Bisher konnte man sich erst auf eine verbindliche Mehrwegquote einigen. Ein Pfand auf Plastikflaschen bleibt Zukunftsmusik.

Digitalisierung zeigt sich

Was in Haushalten an Müll anfällt, sind oft Altstoffe – wie Papier, Glas oder Kunststoff – sowie Elektroaltgeräte. Rund 37 Prozent des Haushaltmülls fällt in eine dieser beiden Kategorien. Gut ein Drittel des Abfalls landet im Restmüll, gefolgt von Biomüll, der getrennt gesammelt wird. Sperrmüll macht 6,2 Prozent der Haushaltsmüllmenge aus, Problemstoffe und Altbatterien gerade einmal 0,4 Prozent. Bei der Entsorgung zeichnet sich die zunehmende Digitalisierung ab: Das größte Plus gab es bei Elektrogeräten und Altbatterien, die etwa zahlreiche Metalle enthalten. Insgesamt dürften Trennungsrichtlinien allerdings Wirkung zeigen, wie ein Blick auf Restmüllercontainer zeigt: Dort ist die Müllmenge in den vergangenen zehn Jahren um vier Prozent gestiegen, die Bevölkerung ist im gleichen Zeitraum aber um sechs Prozent gewachsen.

In Österreich wachsen nicht nur Bäume, sondern auch der jährlich anfallende Siedlungsmüll.
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Größte Abfallgruppen

Gemessen an den Gesamtabfällen, die jährlich in Österreich anfallen, machen Siedlungsabfälle allerdings nur 6,3 Prozent aus. Die weitaus größte Abfallgruppe stellen mit 59 Prozent der Gesamtabfälle Aushubmaterialien dar, die oft deponiert werden, Bau- und Abbruchabfälle machen 16,1 Prozent der Gesamtabfälle aus. Mit 13,8 Prozent drittgrößte Abfallgruppe sind laut Zahlen des Umweltbundesamts Klär- und Fäkalschlämme. Für alle diese Abfallgruppen gilt: Was auch immer an wertvollen Rohstoffen drinsteckt, es wäre Ressourcenverschwendung, sie nicht rauszuholen. (Nora Laufer, Aloysius Widmann, 12.8.2021)