Wer sich von Psychopathen einwickeln lässt, wird es schwer haben, sich wieder auszuwickeln. Im Zusammenleben und -arbeiten mit diesen in der Umgangssprache toxische Typen genannten Widerlingen ist es ein schwerer Fehler, ihnen gegenüber Entgegenkommen zu zeigen oder gar Zugeständnisse zu machen. Wer das nicht früh genug einsieht, bezahlt für diese Uneinsichtigkeit einen hohen Preis.

Psychopathen entwickeln eine wahre Meisterschaft darin, andere zu manipulieren, sie für ihre Zwecke einzuspannen und auszunutzen. Und sich selbst zu überhöhen. Dabei überschreiten sie frei von Gewissensbissen die Grenzen zu Lug und Betrug. Ebenso wenig scheuen sie davor zurück, durch die eigene Überhöhung andere zu erniedrigen und sich dadurch Vorteile zu verschaffen. Für die, die dieses Spiel nicht durchschauen und sich darauf einlassen, endet das immer in einer Selbstbeschädigung.

Gute Miene zum bösen Spiel?

Nicht viel anders ergeht es denen, die darauf vertrauen, andere verändern zu können, und in der Hoffnung darauf immer wieder gute Miene zum bösen Spiel machen. Zu hoffen, aus erwiesenermaßen nachhaltig Unangenehmen dank eigener Anstrengungen – oder Nachgiebigkeit – erträglichere Mitmenschen zu machen, ist ein außerordentlich trügerischer, in die Irre führender Gedanke. Im Umgang mit Psychopathen gibt es darum nur eine wirkungsvolle Verhaltensmaxime: Wehre den Anfängen. Wer sich an toxischen Charakteren nicht wundreiben, sich von ihnen nicht ein ums andere Mal ausnutzen und nur zu oft auch demütigen lassen will, muss sich dazu durchringen, den Ansatz zur Kaltstellung der Unangenehmen im eigenen Verhalten zu sehen und zu suchen. Und das Schlüsselwort dazu ist Nein, ein freundliches, gleichwohl bestimmtes, grenzziehendes Nein.

Das Schlüsselwort ist "Nein", wenn man sich an toxischen Charakteren nicht wundreiben, von ihnen nicht ausnutzen lassen will.
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Eine Gefälligkeit, ein Rat, eine Unterstützung im Kollegenkreis ist eine Selbstverständlichkeit. Ein Entgegenkommen bei einem Wunsch des Vorgesetzten desgleichen. Nicht anders sieht es in den heimischen vier Wänden aus. Entwickeln sich Erwartungen oder Wünsche oder die berühmten selbstverständlichen Annahmen in Richtung Zumutungen, ist die Grenze der Toleranz erreicht. Ein nicht unerheblicher Teil dessen, was gemeinhin Lebenskunst genannt wird, besteht auch darin, Grenzen ziehen zu können, ohne Schuldgefühle Nein zu sagen. Und sich in diesem Zusammenhang gleich mit von der Vorstellung zu verabschieden, dass jedes Nein eine Begründung braucht.

Der Weg in die Knechtschaft?

Nachgiebigkeit, geboren aus der Angst vor Harmonie- oder Liebesverlust, im Beruf, gerade auch bei Karriereambitionen oder Sorge um den Arbeitsplatz, häufig auch vor Gunstverlust, ist ein sicherer Weg in die zwischenmenschliche Knechtschaft. Fehlender Wille zur Selbstbehauptung im beruflichen wie privaten Miteinander führt auf eine außerordentlich abschüssige Bahn, die früher oder später in der kompletten Fremdsteuerung mündet.

So manches Burnout, landläufig ursächlich einer überbordenden Arbeitsbelastung zugeschrieben, hat seine tatsächlichen Wurzeln in mangelnder Widerstandsfähigkeit gegenüber von außen herangetragenen Ansprüchen, Wünschen und unwidersprochenen Zumutungen. Und so werten erfahrene Therapeuten denn diesen Zustand tiefer körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung auch als Depression. Aus dieser Perspektive gesehen ist es weniger das Verhalten des Psychopathen "von gegenüber", das ursächlich dazu führt, sich permanent malträtiert zu fühlen, sondern das devote eigene Verhalten.

Das Kernproblem im Umgang mit toxischen Typen sind die mangelnde Einsicht in den Mechanismus der Selbstunterdrückung und die sich daraus ergebende mangelnde Überlegenheit, Konsequenz und Entschlossenheit der eigenen Verhaltensweisen. Wozu sich nicht selten auch noch eine ausgeprägte Konfliktscheu addiert. Sich zu behaupten heißt auch, Konflikte durchzustehen. Die Erkenntnisaufgabe lautet folglich: Nicht die skrupellosen toxischen Typen sind es, die einem bis hin zu einem psycho-physischen Zusammenbruch auf die Nerven gehen. Es sind die Genervten selbst, die sich mit ihrem unreflektierten, mit ihrem den sich wiederholenden Situationen unangemessenen Verhalten selbst immer wieder und immer tiefer in die Bredouille reiten. Dieser Denkanstoß mag unbequem und gewöhnungsbedürftig sein. Doch wer sich von Psychopathen nicht den Schneid abkaufen lassen will, muss sich mit sich dem eigenen Verhalten auseinandersetzen. (Hartmut Volk, 22.8.2021)