Greenpeace-Aktivisten protestieren vor der EZB-Zentrale in Frankfurt.

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Ökonomische Stabilität kann es nicht ohne ökologische Stabilität geben, sind die Umweltschützer von Greenpeace überzeugt und fordern die Europäische Zentralbank (EZB) auf, den Klimaschutz ernster zu nehmen. Am Donnerstag rückten die Aktivisten der Ökobewegung aus, um vor der EZB-Zentrale in Frankfurt zu protestieren. Mit dabei: das Wort "Zukunft" als eine rund sieben Meter breite und zwei Meter hohe Eisskulptur, die in der Morgensonne dahinschmolz.

Draußen beim Protest tat sich jedenfalls mehr als drinnen. In der EZB hat sich der Rat, das höchste Gremium der Zentralbank, darauf verständigt, die Geldpolitik im Wesentlichen unverändert zu belassen. Die Zinsen bleiben also bei null, und auch die Anleihenkäufe, mit denen die Zentralbank die langfristigen Zinsen tief halten will, gehen weiter. Sie werden nur etwas langsamer erfolgen. Derzeit ist das Kaufprogramm auf insgesamt 1,85 Billionen Euro bis März 2022 ausgelegt.

Erst im Dezember, wenn die EZB-Volkswirte ihre nächsten aktualisierten Prognosen vorlegen, könne die Zeit zur Aussprache über "interessantere Themen" gekommen sein, sagte EZB-Chefin Christine Lagarde. Aktuell deute alles darauf hin, so die Notenbankerin, dass die Teuerung mittelfristig unter dem Zielwert der Notenbank von zwei Prozent liegen werde.

Klimawandel treibt Inflation

Greenpeace hatte dagegen Neuigkeiten zu vermelden: Am Donnerstag wurde eine Studie von Experten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Soas-Universität London veröffentlicht, in Auftrag gegeben wurde das Paper von der Ökogruppe. Quintessenz der Arbeit: Der Klimawandel dürfte die Inflation nach oben treiben.

In der Analyse wurden die Auswirkungen von 227 Naturkatastrophen im Zeitraum von 1996 bis 2021 untersucht, darunter von Trockenheit, Hitzewellen, Stürmen, Überflutungen, Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Diese Ereignisse haben sich "statistisch signifikant" auf die Inflationsrate in der Eurozone ausgewirkt.

Auf die Gesamtinflation sind die Auswirkungen sehr moderat. Eine Naturkatastrophe, die einen Schaden anrichtet, der einem Prozent der Wirtschaftsleistung eines Landes entspricht, bedeutet, dass die Inflation im Schnitt später um 0,03 Prozentpunkte nach oben geht. Als Folge von Trockenperioden oder Überflutungen entstehen Schäden an landwirtschaftlichen Anbauflächen, an Maschinen oder Fabriken. Dadurch verknappt sich das Angebot etwas, was die Preise anziehen lässt. Allerdings gibt es große Unterschiede. Bei Lebensmitteln ist der Preisanstieg als Folge von Naturkatastrophen ausgeprägt.

Preisdämpfender Effekt

Dagegen wird für Möbel, aber auch für Tabak und Alkohol nach Extremwetterereignissen, Vulkanausbrüchen und Erdbeben weniger ausgegeben, hier wirken also die Ereignisse eher preisdämpfend. Bei Transport- und Gesundheitsdienstleistungen gibt es mal preistreibende, mal preisdämpfende Effekte.

"Das Erstaunliche ist, dass wir eben jetzt schon einen signifikanten Zusammenhang finden. Auch wenn der Einfluss klein ist", sagt einer der Studienautoren, Alexander Kriwoluzky vom DIW in Berlin. Wenn die Zahl der Naturkatastrophen stabil wäre, müsste sich die EZB darum weiter keine Sorgen machen. Doch Klimawissenschafter erwarten, dass die Zahl von Düren, Hitzewellen und Überschwemmungen zunimmt. Sollte das der Fall sein, werde die Klimakrise auch den Auftrag der EZB gefährden, für Preisstabilität zu sorgen.

Die Studie ist ein erster Versuch, die Auswirkungen des Klimawandels auf Preise einzuschätzen. Neu ist, dass ein Effekt auf die Preise in Industrieländern gefunden wurde. Eine Limitierung der Ergebnisse ist, dass auch Vulkanausbrüche und Erdbeben mituntersucht wurden, beides hat ja mit dem Klimawandel nichts zu tun.

Aktuell diskutiert wird dafür über einen zweiten Kanal, über den die Klimakrise auf die Inflation einwirkt: die CO2-Steuern.

Eine neue Steuer

Wie stark wird sich das auswirken? Als Beispiel wird eine Ende August präsentierte Studie von Raiffeisen Research Deutschland herangezogen, wo 2021 mit einem CO2-Preis von 25 Euro je Tonne auf Erdölprodukte, Erdgas und Kohle begonnen wurde, der schrittweise bis 2025 auf 55 Euro je Tonne steigen soll. Dies soll die Inflation heuer um einen halben Prozentpunkt erhöhen, in den Folgejahren etwas weniger.

Allein, diese Besteuerung ist zu niedrig. Laut der Studie müsste der CO2-Preis zwischen 125 und 150 Euro je Tonne liegen, um Klimaneutralität zu erreichen. Dazu kommt, dass die Bepreisung bisher nur für Gebäude und Verkehr gilt. Würde sie auch landwirtschaftliche Produkte, langlebige Konsumgüter und Dienstleistungen betreffen, hätte dies zusätzliche Preiseffekte. Zudem gibt es erst in elf EU-Ländern eine CO2-Steuer, die Ausweitung wird ebenfalls auf die Inflation durchschlagen. "Das Ausmaß ist unsicher und vom politischen Willen abhängig", lautet das Fazit. (Alexander Hahn, András Szigetvari, 10.9.2021)