Bob und Sonnenbrille haben aus ihr eine Ikone gemacht. Anna Wintour war lange der Inbegriff für mächtige Frauen im Modebusiness. Als Chefredakteurin der "Vogue" wurde ihr 2006 im Film "Der Teufel trägt Prada" ein Denkmal gesetzt: Meryl Streep mimte sie als unnachgiebige, eiskalte Chefin. Die Frau mit dem messerscharfen Haarschnitt, 1949 in London als Tochter eines Zeitungsherausgebers geboren, galt lange als typische Vertreterin ihrer Zunft: Weiß, privilegiert und mit besten Society-Kontakten ausgestattet. Doch die 71-Jährige Wintour, Mutter zweier erwachsener Kinder, seit letztem Jahr ist sie von Ehemann Nummer zwei, dem Telekommunikations-Millionär Shelby Bryan getrennt, beweist seit ihrem Einstieg 1988 Durchhaltevermögen – und die nötige Flexibilität, um den rasanten medialen Umbrüchen gerecht zu werden.

Anna Wintour gilt als eine der mächtigsten Frauen in der Modebranche.
Foto: Charles Sykes/Invision/AP

Den Sparmaßnahmen des Verlags Condé Nast ist sie bislang nicht zum Opfer gefallen – im Gegenteil. Während die Magazinverkäufe in den Keller fielen und Chefredakteurinnen wie Emanuelle Alt ("Vogue" Paris) oder Christiane Arp bei der deutschen Ausgabe den Hut nahmen, rückte Wintour Ende vergangenen Jahres ins Management von Condé Nast vor. Chefin der amerikanischen Vogue und Veranstalterin der glamourösen Met-Gala, mit der alljährlich Geld für das Metropolitan Museum gesammelt wird, bleibt sie. Außerdem soll Wintour bei Condé Nast als "Chief Content Officer" (CCO) die redaktionelle Neugestaltung des Verlags, zu dem Magazine wie "Vanity Fair", "GQ" und "Wired" gehören, vorantreiben. Gefährlich kann ihr bei alldem eigentlich nur einer werden: Edward Enninful, seit 2017 Chefredakteur der britischen "Vogue" – er hat derzeit die frischesten Einfälle und beaufsichtigt die europäischen Ausgaben des Magazins.

Auch im Rahmen der Met-Gala am Montagabend wird Anna Wintour nach der Corona-Pause beweisen können, wie sie mit den Veränderungen der Branche umgeht. Seit 1948 finden die sogenannten "Oscars der Mode" statt, seit 1995 fungiert "Vogue"-Chefin Wintour als deren Gastgeberin. Im Jahr 2021 wird sie mit der Gala die zweiteilige Kostümausstellung "In America: A Lexicon of Fashion" und "In America: An Anthology of Fashion" eröffnen. Auf der Gästeliste stehen diesmal neben den üblichen Schauspielstars besonders viele Influencer, schließlich gehören Facebook und Instagram zu den Sponsoren der Benefiz-Gala des New Yorker Metropolitan Museums – die Zeiten ändern sich. (Anne Feldkamp, 12.9.2021)