CSU-Generalsekretär Markus Blume, CSU-Chef Markus Söder und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt zogen am Montag in Bayern erste Bilanz.

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Am Morgen nach der verlorenen Bundestagswahl muss Markus Söder einen besonders unangenehmen Termin in der Münchner Parteizentrale absolvieren. Über viele Jahre fuhr seine Christlich-Soziale Union bei Wahlen wie selbstverständlich 50 Prozent und mehr ein. Doch am Vortag ist die Partei regelrecht abgeschmiert auf 31,7 Prozent. Das bedeutet nicht nur ein saftiges Minus von etwa sieben Prozentpunkten. Es ist auch der schlechteste Wert für die CSU seit der ersten Bundestagswahl 1949. Deutschlandweit fielen CDU/CSU auf ein historisch miserables Ergebnis – und damit deutlich hinter die SPD.

Entsprechend gerät die Vorstandssitzung am Montag im Franz-Josef-Strauß-Haus zur regelrechten Abrechnung: Hinter geschlossenen Türen bricht sich der Groll der erweiterten Parteiführung Bahn. Verrissen wird nicht nur die gemeinsame Kampagne von CDU und CSU, deutliche Kritik bekommt auch der nicht anwesende Kanzlerkandidat Armin Laschet ab. "Er hat kein Fettnäpfchen ausgelassen", wettert Christian Doleschal, Chef des Parteinachwuchses Junge Union Bayern.

Wut im CSU-Vorstand

Wie mächtig Dampf im Kessel war, zeigt auch die Unzufriedenheit mit der Wortwahl am Wahlabend: Sowohl Laschet als auch Söder hatten in den Vordergrund gerückt, dass sich rein rechnerisch keine Koalition aus SPD, Grünen und Linkspartei ausgehen würde, und dies zum Erfolg für die Union erklärt: "Linksrutsch verhindert", hieß es. Die aus Unionssicht katastrophalen Werte wurden gleich nach ersten Prognosen mit allerlei Verbalakrobatik schöngeredet, anstatt die Pleite als solche zu benennen, was wiederum die Wut im CSU-Vorstand befeuert.

Auf der CSU-Wahlparty in München war man zunächst sichtlich erleichtert, dass die Partei bayernweit nicht unter 30 Prozent fiel. Den Unionsanspruch auf die Nachfolge von Angela Merkel begründete man mit einem Verweis auf die Historie: Die Sozialdemokraten Willy Brandt und Helmut Schmidt seien auch mehrmals Kanzler geworden, obwohl die SPD bei Bundestagswahlen hinter der Union gelegen sei. 1980 wurden die Schwesterparteien mit dem CSU-Säulenheiligen Franz Josef Strauß als Kanzlerkandidat stärkste politische Kraft – doch Helmut Schmidt blieb dennoch westdeutscher SPD-Regierungschef. Man könne also "den Schmidt machen", sagte am Wahlabend der Europaabgeordnete Markus Ferber zum STANDARD, die SPD solle sich da nicht aufregen.

Umstrittene Modernisierung

Am Montagmorgen wiederholt CSU-Generalsekretär Markus Blume vor der Vorstandssitzung noch den Anspruch der Union auf das Kanzleramt – dann setzt es das Donnerwetter. Hinterher äußert sich die Führungsriege der CSU schon wesentlich wolkiger. Es sei ja nur ein "Angebot", beteuert Söder, man wolle sich auf keinen Fall anbiedern. Söder weiß, dass Laschet um sein politisches Überleben kämpft, aktiv herbeiführen will der der bayerische Ministerpräsident seinen Sturz aber nicht.

Zu groß ist die Gefahr, selbst mitgerissen zu werden. Denn inzwischen steht Söder selbst in der Kritik: Sein Modernisierungskurs, der auch mit der Aufnahme grüner Themen einhergeht, ist an der Basis durchaus umstritten.

"Intern analysieren"

So verspricht der Parteichef, das Ergebnis intern zu analysieren, sein General Blume spricht vom "Konsolidieren" und einer "Basistour". Söder wütet noch ein bisschen über die Freien Wähler und deren Chef Hubert Aiwanger. Die sind zwar nicht in den Bundestag gekommen, haben die Union aber wohl einige Prozentpunkte gekostet. Mit Aiwanger, seinem Koalitionspartner in der bayerischen Staatsregierung, wolle er einen "Hygieneprozess" starten, sagt Söder.

Ein Faktor fällt ihm noch ein, der den Wahlkampf beeinträchtigt hat. Durch Corona sei alles reduziert gewesen, klagt er: "Bierzelte sind nicht alles – aber Teil der politischen Kommunikation in Bayern." Vor Publikum reden kann Söder gleich heute, Dienstag, wieder, wenn auch nicht im Bierzelt. Er fliegt erneut nach Berlin, wo sich die ramponierte Unionsfraktion trifft. (Oliver Das Gupta aus München, 28.9.2021)