Für die britische Regierung braut sich im Ärmelkanal ein heftiger Sturm zusammen. Rechtzeitig zum Jahrestreffen der konservativen Partei in Manchester hat sich der Fischerverband NFFO zornig zu Wort gemeldet: Statt die von Premier Boris Johnson versprochene Brexit-Dividende zu genießen, werde die Branche in den kommenden fünf Jahren Einbußen von rund 300 Millionen Pfund (351 Millionen Euro) erleiden. Kritik kommt außerdem aus Paris, nachdem London 75 Prozent der französischen Fischkutter die jetzt nötige Lizenz verweigerte.

Vor dem endgültigen Austritt des Königreichs aus Binnenmarkt und Zollunion der EU gehörten die zukünftigen Fischereirechte bis zuletzt zu den besonders umstrittenen Themen. Großbritannien beansprucht in der Nordsee und dem Ärmelkanal große, artenreiche Abschnitte als territoriale Gewässer. Hingegen beriefen sich Fischer vom Kontinent auf ihren teils jahrhundertealten Zugang zu lukrativen Küstenstreifen um die Insel. Die in letzter Minute zustande gekommene Einigung sah vor, dass die EU-Fischer schrittweise über fünfeinhalb Jahre ein Viertel des Werts ihrer bisherigen Fänge in britischen Gewässern aufgeben.

Ärger um Fisch allerorten: Mit Frankreich liegt die britische Regierung im Clinch – aber auch irische Fischer fordern ihre Regierung auf, weniger nachgiebig gegenüber London zu sein.
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Doch bei den nötigen Lizenzen hat die britische Seite wenig Entgegenkommen gezeigt: Von 47 Fischkuttern sollen nur zwölf den bisherigen Zugang erhalten. Die Reaktion vom Kontinent war prompt und martialisch: Die "Kriegserklärung" der Insel, zitiert der Londoner Telegraph Olivier Le Nezet vom Fischereiverband der Bretagne, werde Folgen haben. Man werde dafür sorgen, "dass nicht ein einziges britisches Produkt in französischen Häfen ankommt". Europaminister Clément Beaune kündigte "Vergeltungsmaßnahmen" an.

Die mehr als hundertjährige Entente cordiale ist ohnehin einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt, seit die Brexit-Insel sich am neuen Sicherheitspakt zwischen den USA und Australien, Aukus, beteiligt – im Zuge dessen Frankreich um einen Milliardenauftrag für U-Boote mit Australien umgefallen ist.

Das zuständige Ministerium für Landwirtschaft und Fischerei in London (Defra) behauptet, man habe sich "so großzügig wie möglich" verhalten. Dem Austrittsvertrag zufolge muss die Insel jedenfalls bis 2026 all jenen Booten Lizenzen ausstellen, die schon bisher in britischen Gewässern unterwegs waren. Dies ist für die 200-Seemeilen-Zone, auf die das Königreich Anspruch erhebt, vergleichsweise reibungslos erfolgt. Bei den kleineren Kuttern mit einer Besatzung von häufig nur einem oder zwei Fischern fehlte aber offenbar häufig der nötige Nachweis.

Es drohen Verluste

Entscheidend für die britische Haltung könnte sein, dass auch die eigene Branche ganz überwiegend aus kleineren Booten besteht. Diese sollten profitieren und nach und nach die Quoten der EU-Anrainer übernehmen. Einstweilen kann die kleine heimische Fangflotte die Zuwächse aber gar nicht ausschöpfen.

Die 8.000 Berufsfischer auf der Insel und die Küstengemeinden, in denen die Fischer beheimatet sind, bleiben stark vom Handel mit dem Kontinent abhängig.
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Zudem hat der Brexit neue Probleme aufgeworfen. Die 8.000 Berufsfischer auf der Insel und die Küstengemeinden, in denen sie beheimatet sind, bleiben stark vom Handel mit dem Kontinent abhängig: Von ihren jährlich angelandeten rund 450.000 Tonnen Fisch wurde bisher 70 Prozent entweder frisch oder als Konserve in die EU exportiert. Doch der Handel stockt jetzt. Ein weiteres Problem für die Regierung neben dem Arbeitskräftemangel, der für solche Spritknappheit sorgt, dass ab Montag die Armee eingreifen und Lkws auf der Insel fahren soll.

Der Fischereiverband NFFO sieht die Lage ebenfalls düster: Durch Zugeständnisse an die EU, die fehlende Vereinbarung mit Norwegen sowie Exportverluste und zusätzliche Bürokratie stehe die Branche jährlich um rund 64 Millionen Pfund (75 Millionen Euro) schlechter da als zuvor.

Die einst Brexit-begeisterte Branche ist desillusioniert. "Uns wurde ein 'Meer der Möglichkeiten' versprochen", sagt NFFO-Chef Barrie Deas. Die Realität aber sei "eine leidvolle Geschichte". (Sebastian Borger aus London, 4.10.2021)