Seit geraumer Zeit betreibt China eine intensive Aufrüstung. Insbesondere im Bereich der Marine verfolgt Peking hochgesteckte Ziele. Das ist wenig überraschend, schließlich betrifft ein großer Teil der Konflikte, in die China verstrickt ist, territoriale Ansprüche in den angrenzenden Meeren. Diese stehen diametral den Interessen der Nachbarn gegenüber.

Im südchinesischen Meer beansprucht China mit aggressivem Auftreten ein riesiges Gebiet, das von der sogenannten Nine-Dash-Line umgrenzt ist. Hier errichtet China auf Riffen und Atollen Stützpunkte inklusive Raketenabschussbasen, um seine Ansprüche in die Realität umzusetzen. Regelmäßig kommt es zu Zwischenfällen mit Schiffen der Nachbarstaaten und sogar zu Beinahekollisionen mit Schiffen der US-Marine. Dazu übt Peking immer stärkeren Druck auf das unabhängige demokratische Taiwan aus. Gemäß des chinesischen "Ein-China-Prinzips" sieht Peking Taiwan als Teil Chinas an, und die unverhohlenen Drohungen gegen die Regierung in Taipeh schüren die Ängste vor einer möglichen militärischen Eskalation.

Chinesische Armada mit deutschem Antrieb

Am Wochenende berichteten die ARD-Sendung "Report München" und "Welt am Sonntag", dass die chinesische Aufrüstung zur See auch mithilfe deutscher Technik stattfindet: Ein "beträchtlicher Teil" der chinesischen Kriegsschiffe ist demnach mit deutschem Antrieb unterwegs. Die Motoren wurden von deutschen Herstellern entwickelt und zum Teil auch gefertigt. Konkret nennt der Bericht den Antriebshersteller MTU (Motoren- und Turbinen-Union) in Friedrichshafen und SEMT Pielstick, eine französische Filiale der VW-Tochter MAN. Die Informationen sind auch in der Datenbank des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri dokumentiert. MTU sorgte demnach für Antriebe für die Zerstörer der chinesischen Luyang-III-Klasse, und zwar über eine lizenzierte Produktion vor Ort in China. Beide Unternehmen versichern, dass keine Regeln der Exportkontrolle verletzt wurden – trotz des bestehenden EU-Waffenembargos, das infolge des Tiananmen-Massakers verhängt wurde.

Die Xining ist ein Zerstörer der Klasse Luyang-III.
Foto: APA/AFP

Man habe keine Verträge mit dem chinesischen Verteidigungsministerium oder der Armee geschlossen, betont MTU. Dies bedeutet, dass das Geschäft über Partner oder Lizenznehmer abgewickelt wurde. Der Antriebstyp sei außerdem gar nicht genehmigungspflichtig. Die Motoren könnten auch im zivilen Bereich eingesetzt werden, also handle es sich um sogenannte Dual-Use-Güter.

Mindestens 15 Luyang-II- und vier Luyang-II-Zerstörer sind mit Motoren der MTU unterwegs. SEMT Pielstick wiederum entwickelte die Antriebe, mit denen rund 70 Korvetten der Jiangdao-Klasse unterwegs sind.

"Starke und modernisierte Seestreitmacht"

Im Juli 2019 veröffentlichte Pekings State Council Information Office, besser bekannt auch als Central Office of Foreign Propaganda, ein Papier mit dem Namen "Chinas nationale Verteidigung in der neuen Ära". Darin wird neben anderen Überlegungen auch die strategische Bedeutung einer schlagkräftigen Marine herausgestrichen: "Im Einklang mit den strategischen Erfordernissen der Verteidigung des nahen Meeres und des Schutzes des fernen Meeres beschleunigt die PLAN (People's Liberation Army Navy) den Übergang seiner Aufgaben von der Nahseeverteidigung zu Schutzmissionen in fernen Meeren und verbessert seine Fähigkeiten zur strategischen Abschreckung und zum Gegenangriff, maritimen Manöveroperationen, gemeinsamen maritimen Operationen, umfassender Verteidigung und integrierter Unterstützung, um eine starke und modernisierte Seestreitmacht aufzubauen."

Die Liaoning ist als der erste von mittlerweile zwei chinesischen Flugzeugträgern das Flaggschiff der Flotte.
Foto: Reuters

Enormes Tempo

Diese Strategie setzt die chinesische Marine in einem atemberaubenden Tempo um. Anfang Oktober berichtete der Congressional Research Service, der wissenschaftliche Dienst des US-Kongresses im Dossier "China Naval Modernization: Implications for U.S. Navy Capabilities—Background and Issues for Congress", Beobachter seien besorgt über das Tempo, in dem China neue Schiffe zu Wasser lässt.

Während im Jahr 2000 den damals insgesamt 318 Kriegsschiffen der US-Marine nur 110 chinesische Schiffe gegenüberstanden, verdoppelte Peking bis 2005 die Zahl auf 220, während die Flotte der USA auf 282 Schiffe schrumpfte. In den folgenden Jahren verringerte sich die Differenz weiter. Im Jahr 2020 schließlich hatte die US-Flotte eine Größe von 297 Schiffen, China hingegen verfügte schon über 360 Schiffe. Bis zum Jahr 2030 könnte die Flotte auf 425 Schiffe wachsen, erwartet das Office of Naval Intelligence, der Nachrichtendienst der US-Marine.

Große Fahrt der Bayern

Ein weiteres Schiff mit einem MTU-Antrieb ist derzeit in der Region unterwegs: Die deutsche Fregatte "Bayern" ist vor wenigen Tagen in Tokio eingelaufen. Die Bayern ist seit Anfang August auf einer Tour, die sie quer durch den Indopazifik führt. Die Mission sei ein Zeichen für Stabilität, Wohlstand und eine regelbasierte, multilaterale Ordnung, schrieb die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) damals.

Ursprünglich sollte bei der Fahrt auch Schanghai angelaufen werden, doch Peking sagte den Besuch ab und begründete diesen Schritt mit mangelndem Vertrauen.

Die Fahrt der Bayern wurde im Vorfeld auch wegen einer umstrittenen Station kritisiert: Die Route führte das Schiff über die britisch-US-amerikanische Basis Diego Garcia. Diego Garcia gehört zu den Chagos-Inseln, die von Mauritius beansprucht werden. Der Internationale Seegerichthof der Vereinten Nationen in Hamburg entschied Anfang des Jahres, dass Großbritannien keine Souveränität über die Chagos-Inseln zusteht.

Während die Bayern auf ihrem Twitteraccount sonst regelmäßig über die aktuellen Stationen der Fahrt berichtet, herrschte ausgerechnet auf der Etappe zwischen Karachi und Perth fast Funkstille. Lediglich in einem Interview mit dem australischen Sender SBS erklärte Bayern-Kapitän Tilo Kalski am 20. September, man liege gerade in Diego Garcia, um zu bunkern.

Die weitere Fahrplan führt die Bayern nach Südkorea und dann Richtung Süden an Taiwan vorbei ins südchinesische Meer – wobei eine Durchfahrt durch die Taiwanstraße tunlichst vermieden werden soll, um Peking nicht weiter zu reizen. (Michael Vosatka, 8.11.2021)