Die 30-jährige Izabela starb in der 22. Schwangerschaftswoche an einer Sepsis.

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Was sich in Polen und auch in den USA rund um das Thema Abtreibung tut, macht fassungslos. Die Antiabtreibungsbewegungen waren mehr als erfolgreich. In Texas wurde ein Abtreibungsverbot ab der 6. Schwangerschaftswoche beschlossen – es steht zu befürchten, dass andere Bundesstaaten nachziehen könnten. Das wiederum könnte das Grundsatzurteil, das Frauen das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch einräumt, zum Kippen bringen. In Polen ist seit gut einem Jahr der Umgang mit ungewollt schwangeren Frauen brutal. Und auch in der Slowakei stehen die Zeichen auf Rückschritt: Im Parlament wurde in erster Lesung ein Gesetzesentwurf beschlossen, der die verpflichtende Wartezeit auf einen Schwangerschaftsabbruch von 48 auf 96 Stunden verlängert und viele Informationsleistungen von Ärzten und Ärztinnen und Kliniken, die Abtreibungen vornehmen, delegalisiert.

Doch Argumente greifen hier nicht, denn letztlich geht es um keine geringere Frage, als was das Leben von Frauen wert ist. Der Tod einer 30-jährigen Frau in Polen zeigt einmal mehr schmerzlich auf, dass für Abtreibungsgegner*innen Frauen in erster Linie potenziell Gebärende sind und nicht menschliche Subjekte. Sie wollen das Sagen über ihren Körper haben – und nennen das "Lebensschutz".

Zum Preis des Lebens

Vor einigen Wochen starb Izabela daran, dass ein nicht überlebensfähiger Fötus nicht rechtzeitig aus ihrer Gebärmutter entfernt wurde. Die Ärzte und Ärztinnen warteten den "natürlichen" Abort ab. Der Preis war eine Sepsis bei der Frau, die sie nicht überlebte. Laut einem Urteil des Verfassungsgerichtshofs darf in Polen seit gut einem Jahr auch dann eine Schwangerschaft nicht unterbrochen werden, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit eine schwere und irreversible Beeinträchtigung des Fötus oder eine unheilbare, das Leben bedrohende Krankheit vorliegt. Trotzdem putzt sich Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ab und sagt, wenn Leben oder Gesundheit der Frau bedroht sind, sei die Unterbrechung der Schwangerschaft weiterhin möglich, "hier hat sich nichts geändert". Das bleibt derzeit neben einer Schwangerschaft aufgrund von Inzest oder Vergewaltigung die einzige Ausnahme vom Abtreibungsverbot. Eine Ausnahme, die in vielen Fällen keine ist, wie sich jetzt zeigt.

Denn dem Leben und Überleben von Frauen wurde per Gesetz damit weniger Wert zugestanden als ihrem Potenzial zu gebären. Unter Ärztinnen und Ärzten geht nun offenbar die Angst um, eine Frau zuungunsten des "Ungeborenen" zu retten. Vor Gericht könnten sie so oder so landen, entweder weil sie eine Schwangerschaft nach dem rigiden Abtreibungsgesetz zu Unrecht abgebrochen haben oder – wie im Falle des Todes von Izabela – wegen unterlassener Hilfeleistung gegenüber einer schwangeren und in Lebensgefahr schwebenden Frau. Marek Suski, ebenfalls von der Regierungspartei PiS, kommentierte den Tod der jungen Frau schulterzuckend lediglich mit: "Es kommt eben vor, dass Frauen bei der Geburt ihres Kindes sterben." Was für ein Zynismus. Izabela starb, weil man zu lange damit wartete, ihr Leben zu retten. Weil man vermutlich Angst vor einem Abtreibungsgesetz hatte. Todesfälle wie diese gehen nur auf das Konto eines frauenverachtenden politischen Willens – und sind sicher nicht Schicksal.

Grünschnäbel halten

Vor dem Hintergrund solcher Entwicklungen machen auch Bilder aus Österreich wütend. Mindestens einmal im Jahr marschieren Abtreibungsgegner*innen in Wien auf. Konservative bis Rechte und Rechtsradikale – und von diesen wiederum sehr viele junge Männer. Wenn man diese Grünschnäbel sieht, wie sie sich anmaßen, über Entscheidungen, vor denen sie niemals stehen werden, zu richten. Wie sie unsäglich dumme Schilder in die Höhe halten, obwohl wir und sie selbst wahrscheinlich auch wissen, dass genau ihre Geisteshaltung die Auffassung von Frauen als alleinzuständig für Kinderbetreuung perpetuiert. Dass genau die noch immer den Nerv haben, Frauen verbieten zu wollen, allein über eine Schwangerschaft zu entscheiden – all das ist generell, aber vor allem vor dem Hintergrund der fürchterlichen aktuellen Rückschritte für Frauen in verschiedensten Ländern nur schwer zu ertragen. (Beate Hausbichler, 10.11.2021)