Bei dem US-Elektrofahrzeugbauer Rivian sind Amazon und Ford als Geldgeber an Bord.

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Von null auf hundert in zwölf Jahren – das klingt für einen Autoerzeuger zunächst nicht berauschend. Allerdings geht es bei Rivian, einem US-Hersteller von Elektrofahrzeugen, nicht um Beschleunigung, sondern um den Unternehmenswert: Dieser erreichte zum Börsendebüt am Mittwochabend eine Bewertung von fast 100 Milliarden Dollar – und das nur zwölf Jahre nach der 2009 erfolgten Gründung.

Die Zutaten für einen gelungenen Börsengang waren von Anfang an gegeben. Der Tesla-Rivale steuert mit prominenten und finanzkräftigen Teilhabern an Bord die US-Technologiebörse Nasdaq an. Diese Story zog so gut, dass die Nachfrage der Investoren alle Erwartungen übertraf. Das Angebot wurde von 135 auf 153 Millionen Aktien ausgeweitet und diese letztlich mit 78 Dollar über der ursprünglichen Preisspanne von 72 bis 74 Dollar platziert. Somit wird der Rivian-Börsengang mit einem Volumen von knapp zwölf Milliarden Dollar wohl weltweit der größte des laufenden Jahres sein.

Preissprung zum Debüt

Investoren, die bei der Platzierung der Aktien leer ausgingen, sorgten zum Börsendebüt am Mittwoch zunächst für einen Preissprung um etwa 50 Prozent, bis Börsenschluss fielen die Papiere auf knapp über 100 Dollar zurück. Damit ist der Elektroautoerzeuger inklusive Aktienoptionen exakt 99,9 Milliarden Dollar wert – und hinter dem Branchenpionier Tesla der an der Börse am höchsten bewertete Autokonzern. Die etablierten US-Branchengrößen General Motors oder Ford kommen an diese Marke bei weitem nicht heran.

Im Hause Ford wird man es mit Fassung tragen. Schließlich ist der Konzern an dem Börsenneuling ebenso beteiligt wie der Onlineriese Amazon. Aber auch Finanzinvestoren wie Blackrock, Soros Fund Management, Fidelity Investments und die Baron Capital Group halten Anteile an Rivian.

Tief in roten Zahlen

Allerdings muss das Unternehmen erst in seine Börsenbewertung hineinwachsen. Bisher steckt Rivian tief in der Verlustzone und erzielt auch noch keine nennenswerten Umsatzerlöse, denn das Unternehmen hat erst im September das erste Modell auf den Markt gebracht. Allerdings wird das Unternehmen wegen der Kosten der Markteinführung zunächst noch tiefer in die roten Zahlen rutschen.

Bei dem Marktstart eines Pick-ups mit Elektroantrieb ist Rivian sogar dem großen Rivalen Tesla zuvorgekommen, zudem will man bis Jahresende mit der Auslieferung eines E-SUVs starten. Für beide Modelle zusammen lagen bis Ende Oktober insgesamt Bestellungen für etwa 55.400 Fahrzeuge vor. Darüber hinaus hat Rivian einen lukrativen Großauftrag von Amazon für 100.000 elektrische Lieferwagen in der Tasche.

Aber rechtfertigt dies einen Wert von fast 100 Milliarden Dollar für ein Unternehmen, das gerade erst die ersten Produkte auf den Markt bringt? "Ohne nennenswerte Umsätze, ohne Erfahrung in der Produktion und mit gewaltigen Ausgaben vor der Brust eine solch astronomische Bewertung aufzurufen könnte bei potenziellen Investoren erst einmal auf Zurückhaltung stoßen", sagte Analyst Konstantin Oldenburger vom Online-Broker CMC Markets.

Mächtige Geldgeber

Allerdings habe Rivian mächtige Geldgeber wie Amazon und Ford, wo zudem auch Know-how in der Massenproduktion von Fahrzeugen vorhanden ist, im Rücken. Ebenfalls von Vorteil ist Oldenburger zufolge der nach dem Börsengang hohe Barmittelbestand von 13 Milliarden Dollar, den das Unternehmen nun für Investitionen nutzen könne.

Bis Rivian zum Marktwert des großen Rivalen aufschließen kann, wird es aber noch dauern. Tesla wird an der Börse mit mehr als einer Billion Dollar bewertet, obwohl es in den Tagen zuvor zu einem deutlichen Rücksetzer kam. Tesla-Chef Elon Musk veräußerte nämlich nach einer Abstimmung auf Twitter über den Verkauf von Firmenanteilen Aktien im Wert von rund fünf Milliarden Dollar. Bei der Abstimmung machten 3,5 Millionen Nutzer mit, fast 58 Prozent stimmten dafür, dass Musk ein Zehntel seines Aktienpakets verkaufen soll. (Alexander Hahn, 12.11.2021)