Wichtiger Schritt zur Bewältigung der Klimakrise oder katastrophale Verantwortungslosigkeit der Weltgemeinschaft? Vor der beinahe unausweichlichen Verlängerung der UN-Klimakonferenz, die eigentlich am Freitag Abend enden sollte, hing der Ausgang des Massentreffens im schottischen Glasgow in der Schwebe. Beobachter gehen davon aus, dass mindestens noch die Nacht über verhandelt wird.

"Vereinbaren Sie etwas Historisches!", forderte Greenpeace die längst komplett übermüdeten Delegierten auf. Natürlich habe man "nicht genug" erreicht, räumte der US-Klimabeauftragte John Kerry in der BBC ein. "Haben wir Fortschritte erzielt? Ja, das haben wir."

Frage: Worum wurde bis zuletzt gestritten?

Antwort: Um sprachliche Nuancen, könnte man salopp sagen. Aber im Zusammenhang internationaler Verhandlungen können einzelne Wörter viel bedeuten. Die britischen Gastgeber wollen die knapp 200 teilnehmenden Staaten darauf festlegen, bis Ende nächsten Jahres neue, hoffentlich ehrgeizigere Pläne vorzulegen, wie sie bis zum Ende des Jahrzehnts Treibhausgase reduzieren wollen. Dem bisherigen COP-Rhythmus entsprechend würden neue sogenannte nationale Verpflichtungen (NDCs) erst 2025 fällig. Im Entwurf der Abschlusserklärung war zunächst von "dringender Bitte" (to urge) die Rede, später von einer "Aufforderung" (to request). Freilich sind beide englischen Vokabeln härter oder weicher interpretierbar, worauf feinsinnige Rechtsberater umgehend hinwiesen.

Gibt es außer schönen Plänen auch konkrete Maßnahmen? Es ist auch eine Frage der Perspektive.
Foto: EPA/ROBERT PERRY

Ob Bitte oder Aufforderung – das sei alles leichter gesagt als getan, argumentierten vor allem kleinere und ärmere Länder: Der bürokratische und statistische Aufwand würde für sie viel zu hoch werden. Deshalb enthielt der Entwurf am Freitagmorgen den Hinweis auf "unterschiedliche nationale Gegebenheiten" (differing national circumstances). Moment mal, wandten Kritiker sofort ein – was passiert, wenn sich auch Giganten wie China und Indien auf ihre "nationalen Umstände" berufen und keine neuen Pläne vorlegen?

Frage: Gibt es außer schönen Plänen auch konkrete Maßnahmen?

Antwort: Weltweit sollten kohlebetriebene Kraftwerke so rasch wie möglich abgeschaltet werden und staatliche Subventionen für fossile Brennstoffe generell enden, hatten die britischen Gastgeber, angeführt von COP-Präsident Alok Sharma, ins Communiqué schreiben wollen. Dagegen wehrten sich große Kohle-Konsumenten und -Produzenten wie China und Russland, Brasilien und Australien, aber auch Ölförderer, angeführt von Saudi-Arabien, mit Händen und Füßen.

Die nächste Version sprach deshalb kleinlaut davon, es gehe lediglich um "ineffiziente" Subventionen – was jedem Nationalstaat die Möglichkeit eröffnen würde, stolz die hervorragende Effizienz seiner Unterstützung für die heimische Kohle- und Ölförderung zu rühmen. Selbst dieser wackelige Kompromiss stand bis zuletzt auf dem Prüfstand. Resigniert registrierte Jennifer Morgan von Greenpeace auf dem Dokument "die Fingerabdrücke der Lobbyisten für fossile Brennstoffe".

Für die beteiligten Staaten und Unternehmen geht es um viel Geld: Britischen Schätzungen zufolge unterstützen nationale Regierung die bisherige, auf Treibhausgasen beruhende Wirtschaft mit rund 300 Milliarden Pfund (351 Milliarden Euro) durch direkte Mittel an Öl- und Kohleförderer oder Steuererleichterungen für Autofahrer und Flugreisende.

Frage: Wohin soll das Geld stattdessen fließen?

Antwort: Das blieb bis zuletzt umstritten.

Frage: Wie ist es um das Ziel bestellt, die globale Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen?

Antwort: UN-Generalsekretär António Guterres sprach am Freitag davon, dass dieses Ziel mit "einem Patienten auf der Intensivstation" vergleichbar sei. Ähnlich pessimistisch äußerten sich, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, die britischen Verhandler: Es sei stets nur darum gegangen, diese Wegmarke wenigstens noch im Blick zu haben.

Viele Demonstrierende sind aber jetzt schon überzeugt: alles nur heiße Luft.
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Davon kann, wenn die Berechnungen renommierter Klima-Experten zutreffen, keine Rede sein. Die Prognose des Climate Action Tracker (CAT) lautet 2,4 Grad, die Internationale Energieagentur IEA rechnet mit 1,8 Grad. Beiden Vorhersagen liegt die Annahme zugrunde, die in Glasgow angekündigten neuen Maßnahmen und Versprechungen würden auch wirklich umgesetzt. Dazu gehören beispielsweise eine neue Initiative zum Schutz der Regenwälder, die Verpflichtung von 80 Staaten auf die Reduzierung des Treibhausgases Methan um 30 Prozent bis 2030 sowie diverse Allianzen, die sich die baldige Abschaffung des besonders schadstoffhaltigen Energieträgers Kohle oder sogar aller fossiler Brennstoffe bis 2050 auf die Fahnen geschrieben haben.

Experten sprechen vorsichtig von "verbesserten Plänen". Der frühere britische Klima-Unterhändler Peter Betts wies in der BBC aber auch auf wenig Ermutigendes hin. So fehle es dem Dekarbonisierungsplan Australiens bisher an Details, China habe seine Klimaschutz-Ziele seit 2014 kaum verändert. "Brasilien und Mexiko haben ihre Pläne zur Reduzierung des Treibhauseffekts bis 2030 sogar abgeschwächt", analysiert der Veteran früherer COP-Treffen.

Frage: Am Ende also doch alles nur heiße Luft?

Antwort: So sahen es die vielen Tausend Demonstranten, die auch am Freitag wieder vor dem riesigen COP-Messegelände in Glasgow demonstrierten. Tags zuvor hatten Klima-Aktivisten ihrem Frust mit drastischen Mitteln Ausdruck verliehen: Sie ließen die Luft aus den Reifen von rund 60 wuchtigen Geländewagen im wohlhabenden Westen der schottischen Metropole, um auf die hohe Schadstoffbelastung durch solche Benzinschlucker hinzuweisen.

Auf jeden Fall geht es um viel Kohle im doppeldeutigen Sinn.
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In den Treffen von COP-Präsident Sharma mit den wichtigsten Delegationen ging es am Freitag weiterhin vor allem um das liebe Geld: Bei den Entwicklungsländern besteht hohes Misstrauen gegen die Industrieländer, weil diese ihr Versprechen nicht eingelöst haben, von 2020 an jährlich mindestens 100 Milliarden Dollar (87 Milliarden Euro/92 Milliarden Franken) für Projekte im Globalen Süden zur Verfügung zu stellen. Damit sollen die schon heute katastrophalen Folgen des Klimawandels eingedämmt werden. Die in Rede stehenden Summen sind schwindelerregend. Der indische Präsident Narendra Modi bezifferte den Finanzbedarf allein für sein Land auf umgerechnet rund 870 Milliarden Euro/920 Milliarden Franken bis 2030.

Europa komme in den Gesprächen eine Schlüsselrolle zu, argumentiert der Klima-Thinktank E3G: "Wenn die EU jetzt nicht die Führerschaft übernimmt, macht das niemand." (Sebastian Borger, 12.11.2021)