Aus Kommentaren internationaler Tageszeitungen zum Lockdown in Österreich:

The Times: Schwere Phase

"Es liegt auf der Hand, dass die abwehrende Haltung der Ungeimpften die Geimpften auf lange Sicht nicht davon abbringen kann, ihre Freiheiten zu genießen. Die neuen gesundheitspolitischen Maßnahmen in Europa, von denen vor allem die Ungeimpften betroffen sind, spiegeln dies wider. (...) Die Komplikationen in Europa zeigen aber auch, dass die Spaltung zwischen Geimpften und Ungeimpften schnell tief und bitter werden kann, wenn die Pandemie in eine schwerere Phase eintritt, was in jedem Land wieder geschehen kann."

(Fast) alles zu, (fast) alles dicht: Die Regierung hat harte Corona-Maßnahmen beschlossen.
Foto: Reuters / Lukas Barth

Financial Times: Restriktionen kamen zu spät

"Das Problem in Österreich (...) ist die große Zahl von Impfverweigerern, die mit Verschwörungstheorien genährt werden, die in weiterer Folge von Rechts-außen-Parteien verstärkt werden. (...) Wären Restriktionen für Ungeimpfte – selbst wenn diese diskriminierend und umstritten sind – bereits früher implementiert worden, hätte das wohl eine verstärkte Impfbereitschaft bewirken können. Der Rückgriff auf eine Impfpflicht – die für jede Regierung ein Schritt zu weit sein müsste – ist ein Eingeständnis des Scheiterns vonseiten Wiens."

Zürcher Zeitung: Kontaktbeschränkungen als Ultima Ratio

"Kontakt- und Mobilitätsbeschränkungen sollten Ultima Ratio bleiben. Dass die Schweiz mit ihrem verhältnismäßig liberalen Regime bei der Todesfallinzidenz nur unwesentlich schlechter abschneidet als die viel strikteren Österreicher und Deutschen, zeigt: Die einfachsten Maßnahmen bringen am meisten, Zusätzliches wird immer kostspieliger, während der Nutzen abnimmt. (...) 3G belässt allen alle Freiheiten, sofern sie immunisiert oder getestet sind. Darüber hinaus wäre vorübergehend auch ein teilweiser Wechsel auf die 2G-Regel (geimpft oder genesen) vertretbar. Er reduziert das Risiko einer Ansteckung und schafft weitere Impfanreize. Aller Erfahrung nach besonders schlecht ist hingegen das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Schul-, Läden- und Firmenschließungen, von Beherbergungsverboten, Ausgangssperren oder auch von der Schließung von Skigebieten."

Frankfurter Allgemeine: Lockdown hätte man verhindern können

"Österreich erlebt derzeit ein Déjà-vu: Fast auf den Tag genau wie im Vorjahr muss erneut ein harter Lockdown verhängt werden. Allerdings hätte er diesmal durch vorausschauende Maßnahmen verhindert werden können. Doch das Gegenteil war der Fall. Mitte Juni verkündete der damals noch amtierende Ex-Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) wider besseres Wissen das nahe Ende der Pandemie und versprach einen "Sommer wie damals". Mit dem Effekt, dass die österreichische Bevölkerung alle Vorsichtsmaßnahmen ignorierte. Keine Abstände mehr, keine Masken – mit Ausnahme von Wien."

Süddeutsche Zeitung: Drastische Maßnahme

"Als erstes EU-Land verhängt Österreich nun eine generelle Impfpflicht ab Februar. Eine Impfpflicht ist eine drastische Maßnahme, kann aber rechtlich und ethisch in dieser Notlage gerechtfertigt werden. Auch in Deutschland sind noch immer viele Menschen nicht geimpft. Sie bringen sich und andere in Gefahr und das Gesundheitssystem an die Grenze. (...) Verweigern weiterhin so viele Menschen die Immunisierung, wird auch Deutschland nicht um eine Impfpflicht herumkommen."

Handelsblatt: Zusammen mit rechten Wirrköpfen

"Offenbar hat sich in (Österreichs) Wirtschaftskreisen die Einsicht durchgesetzt, dass der harte Lockdown zwar wirtschaftliche Schäden anrichten wird, etwa bei Läden ohne funktionierenden Onlinevertrieb, Nichtstun aber noch schädlicher wäre. (...) Von solcher Einsicht in die Notwendigkeit ist bei der Demonstration in Wien am Samstag nichts zu spüren. (...) Man hat das Gefühl, in einen Karneval der bizarren Ideen hineingeraten zu sein, mit selbst ernannten Schamanen, Saxofonspielern mit Aluhüten, Impfgegnern in weißen Kitteln – und Tausenden Normalbürgern, die offenbar kein Problem damit haben, zusammen mit rechten Wirrköpfen zu demonstrieren."

The New York Times: Kaum eine andere Wahl

"Europa erlebt gerade eine bedrohliche vierte Welle des Coronavirus, mit stark steigenden Infektionsraten. Österreich ist zwar das erste europäische Land, das mit einem landesweiten Lockdown darauf antwortet, aber es ist womöglich nicht das letzte. Diese Aussicht, gemeinsam mit immer strengeren Impfvorschriften, ruft hier und anderswo heftige Gegenreaktionen hervor (...). Aber europäische Spitzenpolitiker dürften das Gefühl haben, dass ihnen kaum eine Wahl bleibt, trotz der Verbreitung der Impfstoffe, die vor einem Jahr noch als sicherer Ausweg aus der Pandemie galten." (red, 23.11.2021)