Zahlreiche Demonstranten warten vor dem Gerichtsgebäude auf das Urteil.

Foto: AP/Stephen B. Morton

Drei weiße Männer in Pick-up-Trucks jagen einen Schwarzen durch die Straßen von Brunswick, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Georgia. Es gelingt ihnen, dem Flüchtenden den Weg abzuschneiden. Einer der Männer zieht seine Waffe, eine Remington-Pumpgun. Drei Schüsse fallen, zwei davon sind tödlich. Ahmaud Arbery, der 25-jährige Afroamerikaner, sackt in sich zusammen und ist auf der Stelle tot.

Heute, ein Jahr und neun Monate nach der Tat, sind die Abschlussplädoyers gehalten worden, in einem Kriminalfall, der das Land in Atem hält. "Dies ist der Moment, an dem Sie ihren kritischen Hut aufsetzen müssen", richtete sich Linda Dunikoski an die Geschworenen. Nicht sie, die Staatsanwältin, noch der Strafverteidiger oder der Richter seien am Zug. "Sie allein sind diejenigen, die jetzt die Wahrheit finden müssen!"

Bei dem Prozess handelt es sich um das zweite Gerichtsverfahren in kurzer Folge, das tief in die Seele Amerikas blicken lässt. Ein Land, das bis zum heutigen Tag mit seiner Geschichte zu kämpfen hat. Ein Land der Freiheit, aber auch ein Land der Selbstjustiz und der Rassendiskriminierung.

Umstrittener Freispruch

Erst am vergangenen Freitag hatte der Freispruch von Kyle Rittenhouse Amerika erschüttert. Der junge Mann hatte im Sommer 2020 am Rande einer Demonstration gegen Rassenhass im US-Bundesstaat Wisconsin zwei Männer mit seinem halbautomatischen Sturmgewehr erschossen. Die Jury kam jetzt zu dem Urteil, dass es sich bei dem Vorfall um Notwehr gehandelt habe und dass ein Vorsatz der Tat nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte.

Nun also wieder ein Fall, der alle Zutaten dazu hat, die ohnehin schon brandgefährliche Gemütslage in der US-Bevölkerung zum Explodieren zu bringen. Auf der einen Seite drei weiße Männer, einer davon ein ehemaliger Polizist, die einen möglichen Einbrecher in ihrer Nachbarschaft beobachtet haben und zur Rede stellen wollten. Auf der anderen Seite ein unbewaffneter Schwarzer, der beim Joggen am Sonntagnachmittag plötzlich von zwei Pick-up-Trucks verfolgt und in die Enge getrieben wird.

Fast nur Weiße in Jury

Der Verdacht von Lynchjustiz liegt in der Luft. Im Frühjahr tauchte ein Handyvideo auf, das den Tathergang zeigt und durch das Internet wandert. Trotzdem dauert es 74 Tage, bis die Behörden Anklage erheben und die mutmaßlichen Täter in Untersuchungshaft kommen. Wie politisch aufgeladen die Lage ist, macht sich auch später wieder bemerkbar, als zum Prozessauftakt die Geschworenen vereidigt werden. Nur einer der zwölf zugelassenen Jurymitglieder ist schwarz.

Seit dem Beginn des Verfahrens Ende Oktober wurden neben den drei Angeklagten rund 20 Zeugen gehört. Zu einem Eklat kam es, als der Strafverteidiger der Angeklagten eine Gruppe schwarzer Pastoren aus dem Publikum des Gerichtssaals verweisen lassen wollte, um die Geschworenen nicht unzulässig zu beeinflussen. Daraufhin kam es zu Mahnwachen vor dem Gerichtsgebäude, vor dem hunderte überwiegend schwarze Demonstranten auf das Urteil warten.

Entscheidend für den Ausgang des Falls dürfte die Frage sein, ob es sich bei der Verfolgung von Ahmaud Arbery um einen Fall von "Citizen's Arrest" handelt. Diese "Bürgerverhaftung" ist schon älter, als die Vereinigten Staaten selbst, und autorisiert auch Zivilisten, einen auf frischer Tat ertappten Verdächtigen festzuhalten und an die Behörden zu übergeben. Das Gesetz wurde 1863 eingeführt und geht auf die Kolonialzeit zurück. Pikant: In Georgia kam dieses Gesetz vor allem bei der Ergreifung von flüchtigen Sklaven zum Einsatz und wurde erst nach dem Tod von Ahmaud Arbery aufgehoben.

Zu viel für Arberys Mutter

Darauf berufen sich auch die Anwälte der Angeklagten. "Eine gute Nachbarschaft verteidigt sich immer selbst", sagte Laura Hogue dazu. Die Männer hätten die Pflicht gehabt, Arbery festzuhalten, den die Anwältin als furchterregenden Einbrecher mit "langen, dreckigen Zehennägeln" beschrieb und damit den Autopsiebericht zitierte. Das war auch der Moment, als Arberys Mutter Wanda Cooper-Jones "Wow!" ausrief und den Gerichtssaal verließ.

Staatsanwältin Linda Dunikoski hingegen erklärte in ihrem Schlussplädoyer, die Angeklagten hätten Arbery getötet, "nicht weil er eine Gefahr für sie war, sondern weil er nicht stehen blieb und mit ihnen sprach". Er hätte nichts an seinem Körper gehabt außer seinen Schuhen und seiner Kleidung. "Sie haben entschieden, Ahmaud Arbery zu attackieren, weil er ein Schwarzer war, der eine Straße entlangläuft", ergänzte sie.

Mit einem Urteil der Geschworenen wird im Laufe dieser Woche gerechnet. (Richard Gutjahr, Reuters, 23.11.2021)