In britischen Öffis gilt wieder Maskenpflicht.

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Als Antwort auf die neue Omikron-Variante will die britische Regierung binnen zwei Monaten allen Erwachsenen über 18 Jahren ihre dritte Covid-Impfung anbieten. Damit verkürzt sich der Abstand zwischen der zweiten und der dritten Dosis um die Hälfte auf drei Monate. "Die beste Verteidigung gegen Omikron ist der Booster", teilte Premier Boris Johnson in einer live übertragenen Pressekonferenz mit. Gesundheitsexperten äußerten Zweifel daran, ob das notorisch überlastete Gesundheitssystem NHS die gewaltige Kraftanstrengung tatsächlich bis Ende Jänner bewältigen könne.

Anhand bereits vorhandener Daten richten Wissenschafter derzeit alle Anstrengungen auf die Frage: Wie lange zirkuliert die vergangene Woche in Südafrika nachgewiesene Variante mit dem wissenschaftlichen Namen B.1.1.529 schon auf der Insel? Bis Dienstagabend waren landesweit 22 Omikron-Fälle nachgewiesen, "aber es gibt bestimmt mehr", warnte Gesundheitsminister Sajid Javid am Mittwoch in der BBC.

Schottischer Cluster

Besondere Aufmerksamkeit erfährt ein Cluster in Schottland. Dort hatten sich neun Menschen mit der neuen Variante des Sars-CoV-2-Virus infiziert, offenbar sämtlich bei einer Privatfeier am 20. November, also vor der Gefährdungsmeldung aus Südafrika. Keiner der Betroffenen sei kürzlich im Süden Afrikas unterwegs gewesen, berichtete die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon; auch sei keiner der Patienten so schwer erkrankt, dass eine Einweisung ins Spital nötig geworden wäre.

Die Ermittlungen der örtlichen Gesundheitsbehörde konzentrieren sich jetzt auf mögliche Kontakte der Omikron-Infizierten mit anderen Reisenden. Als Infektionsherde infrage kommen zwei Ereignisse in Glasgow: ein Rugbymatch zwischen Schottland und Südafrika am 13. November sowie die UN-Klimakonferenz COP26 mit zahlreichen Delegierten aus der Region, die tags darauf zu Ende ging. Allerdings könnte die neue Variante auch schon länger im Umlauf sein. Experten wie der Oxforder Professor Oliver Pybus sprechen von "mindestens einem Monat".

Zu wenige Impfzentren

Für die Beschleunigung der Booster-Kampagne, die beinahe ausschließlich mit Präparaten von Biontech/Pfizer und Moderna bestritten wird, stehen ausreichend Impfstoffe zur Verfügung. Was derzeit fehlt, ist die Infrastruktur. Viele Zentren wurden geschlossen, weil im Sommer und Frühherbst der Andrang abgeflaut war. Allgemeinärzte wendeten sich wieder mehr ihren Routineaufgaben zu. Wenn sie sich jetzt wieder auf die Covid-Impfungen konzentrieren sollen, wird die Regierung zusätzliche Milliarden lockermachen müssen.

Wie schon in der ersten großen Kampagne setzt der Regierungschef auch diesmal auf die Mithilfe von 400 Armee-Angehörigen. Mehr als bisher sollen außerdem Apotheken in das Programm eingebunden werden. Um das ehrgeizige Ziel der Booster-Impfung für alle Erwachsenen bis Ende Jänner einhalten zu können, müsste sich die Zahl der Injektionen ab sofort verdoppeln.

Neue Beschränkungen

Selbst wenn dies gelingt, wird der zusätzliche Schutz bis zu drei Wochen auf sich warten lassen – auf diese Erfahrung wiesen Experten wie Professorin Christina Pagel vom Londoner University College hin. Seit Dienstag gelten deshalb neue Covid-Beschränkungen: In Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wieder gesetzlich vorgeschrieben, nicht aber in anderen geschlossenen Räumen. Drei Stunden lange Theater- oder Kinobesuche, Betriebsweihnachtsfeiern und fröhliche Pubrunden bleiben allesamt weiterhin maskenlos.

Auf diese erstaunliche Diskrepanz hingewiesen, bat die oberste Gesundheitsbeamtin Jenny Harries am Dienstag die Bevölkerung darum, Sozialkontakte nach Möglichkeit einzuschränken. Umgehend steuerte Premier Johnson gegen: Die Regierung empfehle keineswegs die Absage von Weihnachtsfeiern und Schulfesten.

Zurück ins Homeoffice

Der Premier selbst gilt als schwankend in seiner Einschätzung der Pandemie. Zusätzlich agiert die für England zuständige Tory-Regierung wohl aus Furcht vor den fanatischen Maskengegnern in den eigenen Reihen so zurückhaltend. Immerhin 32 Hinterbänkler verweigerten am Dienstag im Unterhaus den Regierungsmaßnahmen ihre Zustimmung. Die Verantwortlichen der anderen Regionen des Landes agieren vorsichtiger. In Nordirland, Schottland und Wales gilt bereits wieder die Aufforderung zur Rückkehr ins Homeoffice, soweit möglich.

Die Rate der täglichen Neuinfektionen auf der Insel liegt dauerhaft bei Inzidenzen über 400 Fällen pro 100.000 Einwohnern; am Dienstag wurde 439 erreicht. Täglich starben zuletzt im Wochendurchschnitt 119 Briten an den Folgen einer Sars-CoV-2-Infektion, eine deutlich niedrigere Zahl als Anfang November; die Rate der Covid-Toten pro eine Million Einwohner liegt bei 2120. Zum Vergleich: Österreich liegt bei 1383 und Deutschland bei 1214. (Sebastian Borger aus London, 1.12.2021)