Nur einer kleinen Gruppe hätten seine Ausführungen zum Impfen missfallen, meinte der ehemalige US-Präsident Donald Trump, nachdem es Buhrufe für ihn gegeben hatte.

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Washington – Ein Stück ist man noch vom Höchststand des vergangenen Jahres entfernt – aber der Trend ist höchst problematisch. 282.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus haben die USA am Montagabend vermeldet, ein Plus von knapp 20 Prozent im Zwei-Wochen-Schnitt. Was der Seuchenbehörde CDC aber besondere Sorge macht, ist der Anstieg der vergangenen Tage in jenen Regionen, in denen sich die Omikron-Variante bereits ausgebreitet hat. Das sind vor allem die großen Städte; das gut durchgeimpfte New York etwa, wo die Infektionsrate in nur zwei Wochen um 80 Prozent stieg; Boston; aber erneut auch Seattle, wo die Pandemie in den USA vor knapp zwei Jahren ihren Ausgang genommen hatte.

Glaubt man den Zahlen, die Montagabend veröffentlicht wurden, so macht die neue Variante mittlerweile 73 Prozent der Infektionen aus, während es in der vergangenen Woche noch rund 13 Prozent waren. Zwar könnte es sich bei dieser Schätzung um eine überhöhte Darstellung handeln, etwa wenn bevorzugt solche Proben sequenziert wurden, bei denen man überprüfen wollte, ob es sich tatsächlich um die neue Variante handelt. Aber: Der Trend scheint klar, Omikron ist auch in den USA deutlich auf dem Vormarsch. Wie sich das auf die Krankenhausbelegung auswirken wird, ist offen.

Offene Fragen

Daten aus Südafrika, aber auch aus Dänemark und Großbritannien haben zuletzt etwas Hoffnung geweckt, dass in einer gut durchgeimpften Bevölkerung auch höhere Omikron-Zahlen ohne Überbelegung der Spitäler auszuhalten sind. Sicher ist das aber noch nicht, und vor allem: Die USA sind nicht gut durchgeimpft.

73 Prozent haben mindestens eine Dosis erhalten, aber nur 61 Prozent beide Stiche – die, so vermutet man, dann zumindest vor schweren Erkrankungen auch durch Omikron schützen sollten. Bei den Boosterimpfungen, die den Schutz auch gegen Omikron-Infektionen deutlich erhöhen, ist die Lage durchwachsen. Vor allem gibt es aber noch immer ein massives politisch-geografisches Gefälle. In ländlicheren und konservativeren Räumen ist die Impfrate geringer.

US-Präsident Joe Biden wollte vor diesem Hintergrund sein Land jedenfalls auf einen harten Winter einschwören, mit Maßnahmen die Handlungsfähigkeit seiner Regierung unterstreichen und vor allem auf die Ungeimpften einwirken. Außerdem wollte der Oberbefehlshaber des US-Militärs laut Vorabinformationen den Einsatz von tausend Militärangehörigen – Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, Sanitäter und anderes medizinisches Militärpersonal – in Spitälern anordnen. Zudem will die Bundesregierung 500 Millionen Corona-Schnelltests erwerben, die die Bürgerinnen und Bürger unkompliziert über eine Homepage bestellen können. Und schließlich soll die Regierung auch Testzentren und mobile Impfteams aufstellen, um so die Bundesstaaten besser bei der Vorsorge unterstützen zu können. Die Stadt New York setzt derweil auf Anreiz. Sie will allen Geboosteten 100 US-Dollar (ca. 89 Euro) ausbezahlen.

Winter voller Leid und Tod

Neue Lockdowns oder Schließungen von Schulen werden aber nicht erwartet. Biden, vor einem Jahr in der Hoffnung auf ein besseres Corona-Management ins Amt gewählt, will die Menschen in den USA nicht noch einmal zu harten Maßnahmen zwingen. Der Ton gegenüber Ungeimpften wird aber rauer, wie sich schon am Freitag bei einem Briefing im Weißen Haus ankündigte. Jeffrey Zients, Berater Bidens, gab da einen Vorgeschmack.

Man werde Omikron nicht die Arbeit und auch nicht erneut den Schulbesuch zerstören lassen, sagte er. "Und für die Ungeimpften: Sie sehen einem Winter voll schwerer Krankheit und Tod entgegen, für sich selbst, für Ihre Familien und für die Krankenhäuser, die Sie bald überlasten könnten." 73 Prozent haben in den USA eine Dosis Vakzin erhalten, aber nur 61 Prozent sind zweimal geimpft, 30 Prozent geboostet. Vor allem gibt es ein Gefälle zwischen den Städten und dem konservativen Land.

Politische Frage

Seine Regierung wird diesen Kurs vermutlich beibehalten. Sie hatte mit dem Versprechen, auf die Wissenschaft zu hören, im Frühjahr den Kampf gegen Corona übernommen und dabei auch versucht, sich von der Trump-Regierung abzugrenzen. Dass bald danach Delta und nun auch Omikron für weitere Wellen in den USA sorgten, hat allerdings zu einem Ansehensverlust des Weißen Hauses in dieser wichtigen Frage beigetragen, die Biden im November 2020 vermutlich noch zum Sieg gegen Trump geführt hatte.

Umso weniger will man nun auf neue Einschränkungen setzen. Aussagen wie jene des obersten Seuchenbekämpfers Anthony Fauci, der jüngst davon sprach, dass es in Flugzeugen "immer eine gute Idee" sein werde, Masken zu tragen, stören den Rest an Erfolgsmessage, den die Regierung noch hat. Sie weiß: Wenn die Demokraten bei den Kongresswahlen im kommenden Herbst statt der Rückkehr zur Normalität noch immer Maskenpflichten verteidigen müssen, wird es ein schweres Jahr für die Partei.

Impfung? Boooooo!

Wie sehr die Impfung mittlerweile auch in den USA zur politischen Frage geworden ist, bekam am Montag ausgerechnet Ex-Präsident Donald Trump zu spüren. Er trat gemeinsam mit dem ehemaligen Fox-News-Moderator Bill O'Reilly zu dessen Programm "No Spin News" auf, einem Kommentar- und Interviewformat im stark konservativen Sinn, das auch im rechten Krawallsender Newsmax ausgestrahlt wird. Dort polterte der frühere Staatschef zwar gegen die weitgehenden Impfpflichten, die sein Nachfolger Joe Biden für viele Berufsgruppen ausgerufen hat, bekundete aber zugleich mit O'Reilly, die Boosterimpfung erhalten zu haben.

Das Publikum nahm die Botschaft eher konsterniert auf und reagierte mit Buhrufen, was wiederum Trump irritierte. Er sagte daraufhin, es habe sich nur um eine "sehr kleine Gruppe" gehandelt, die mit Missfallen auf seine Impfentscheidung reagiert habe. Zugleich betonte er: "Wenn Sie es nicht bekommen wollen, dann müssen Sie sich impfen lassen."

Die "New York Times"-Redakteurin Maggie Haberman, die bei Trump nachfragte, erhielt von ihm eine längere handschriftliche Erklärung. Er müsse in dieser Frage die Wahrheit sagen, schrieb Trump in einem unterstrichenen Satz. "Und ich bin sehr stolz, die drei Impfungen entwickelt zu haben – Millionen Leben weltweit gerettet!" Der Ex-Präsident bezog sich dabei offenbar auf die Operation "Warp Speed", in der unter seiner Führung die US-Regierung Firmen wie Moderna und Johnson & Johnson bei der Impfstoffentwicklung unterstützte und deren finanzielle Risiken mit Milliardenbeträgen absicherte. Biontech/Pfizer, Hersteller der dritten in den USA zugelassenen Impfung, nahm nicht an dem Projekt teil. Biontech erhielt allerdings im September vergangenen Jahres 375 Millionen Euro von der deutschen Regierung. (Manuel Escher, 21.12.2021)