In Südafrika lobt WHO-Chef Tedros Ghebreyesus den Pioniergeist der Kapstädter Forscherinnen und Forscher.

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Das anstößige Thema wurde peinlichst vermieden. Als WHO-Chef Tedros Ghebreyesus am Wochenende das von seiner Organisation unterstützte Impfstoffforschungslabor in Kapstadt aufsuchte, sprach er begeistert von einer "großen Sache" und dass sich hier "eine Wende im Kampf" gegen das Covid-Virus in Afrika abzeichne.

Auch beim Gespräch mit Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa kam der Fall offiziell zumindest nicht zur Sprache: Lieber strich man heraus, dass den afrikanischen Forschern ein kleines Wunder gelungen sei. Sie hatten innerhalb kürzester Zeit das Rezept für einen eigenen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 gefunden, und zwar nicht nur gegen den passiven Widerstand der etablierten Vakzinhersteller.

Das deutsche Unternehmen Biontech habe die Erforschung eines afrikanischen Impfstoffs sogar aktiv zu verhindern versucht, berichtete das British Medical Journal (BMJ) einen Tag vor Tedros’ Südafrikabesuch. Ein kleiner Skandal innerhalb des großen Skandals der "Impfstoffapartheid": dass 15 Prozent der Erdbevölkerung bislang nur drei Prozent der Seren bekamen.

Um dem empörenden Umstand zu begegnen, hatte die WHO Mitte vergangenen Jahres ein Konsortium pharmazeutischer Unternehmer in Kapstadt mit der Suche nach einem eigenen Impfstoff beauftragt. Als Ausgangspunkt diente das mRNA-Vakzin des US-Pharmakonzerns Moderna: Nicht nur, weil dieser angekündigt hatte, mögliche Patentrechtsverletzungen zumindest während der Pandemie nicht verfolgen zu lassen, sondern vor allem, weil über das Moderna-Serum die meisten Informationen öffentlich zugänglich waren.

Tatsächlich hatten die Kapstädter Forscherinnen und Forscher schon Anfang dieses Jahres Erfolg, indem sie ein Serum fanden, das die Voraussetzungen für eine industrielle Produktion erfüllte.

Keine Kooperation

Ob es derselbe Impfstoff wie Modernas ist, wissen selbst die Forschenden nicht: Dazu müsste der US-Konzern sein Rezept verraten – was er nicht tut. Wäre Moderna kooperativ, könnte sich das Kapstädter Konsortium eventuell sogar die Zulassungsprozedur mit ihren zeitaufwendigen Testreihen sparen: Dazu zeigte sich das Unternehmen aus Massachusetts allerdings nicht bereit. Die Herstellung eines eigenen afrikanischen Impfstoffs könnte sich deshalb um Jahre verzögern – zu spät, um in der Covid-Pandemie noch rasche Wirkung zu erzielen und viele Leben zu retten.

Doch damit nicht genug. Über die von Biontech finanzierte Stiftung Kenup hat das Mainzer Unternehmen nach Recherchen des British Medical Journal sogar versucht, die südafrikanische Forschung zu stoppen. In einem Brief an die Regierung in Pretoria warnte Kenup im August vergangenen Jahres davor, dass der Kapstädter Versuch gegen das Patentrecht verstoße: Er sei deshalb ohnehin kurzlebig und müsse abgebrochen werden. Stattdessen promotete die "Stiftung" die Pläne Biontechs, den Impfstoff der Mainzer Firma erst in Ruanda und dann in Senegal in Containern herzustellen: Sie sollen in Deutschland ausgestattet und zumindest anfangs von Biontech-Personal betrieben werden.

Auf diese Weise könnten zwar jährlich 50 Millionen Dosen in den beiden afrikanischen Staaten hergestellt werden, doch die Technologie bliebe fest in Mainzer Händen. Kenup regte sogar an, dass die in Ruanda und Senegal hergestellten Impfstoffe über die Europäische Arzneimittel-Agentur zugelassen werden: ein Vorschlag, der in Südafrika als "Gipfel des Paternalismus" zurückgewiesen wurde.

Offenbar wolle man den Afrikanern nicht einmal die Kontrolle der in ihren Staaten hergestellten Seren überlassen, entrüstete sich Marie-Paule Kieny vom Kapstädter Medicines Patent Pool. Auf heftige Kritik stieß auch die Behauptung, der gefundene Impfstoff sei auf eine Verletzung des Patentrechts zurückzuführen. "Äußerst bedauernswert" und "vollkommen falsch", konterte Charles Gore, Geschäftsführer des am Kapstädter Konsortium beteiligten Medicines Patent Pool.

Sowohl Biontech wie die Stiftung Kenup äußerten sich zu den erhobenen Vorwürfen bislang nur in allgemein gehaltenen Stellungnahmen. Das Unternehmen versuche, "das weltweite Angebot an Pfizer/Biontech-Impfstoffen auszuweiten", hieß es in Mainz. Während die in Malta ansässige Kenup-Stiftung verlauten ließ, ihr Ziel sei es, "nachhaltige Entwicklungen zu unterstützen und die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern".

Feiern trotz Rückschlägen

Trotz des Störfeuers wird am Kap der Guten Hoffnung nun der Durchbruch bei der eigenen Forschung gefeiert. "Südafrika ist auf dem Weg zu einer Führungsrolle bei der Herstellung von Vakzinen", attestierte WHO-Chef Tedros. Außer dem Konsortium hat auch der US-Milliardär Patrick Soon-Shiong den Bau einer Pharmafirma in Kapstadt angekündigt: In ihr sollen ab 2025 jährlich eine Milliarde Impfdosen hergestellt werden. (Johannes Dieterich aus Johannesburg, 13.2.2022)