Trainer Günter Bresnik und Boris Becker im Jahre 1992 bei der gemeinsamen Arbeit auf dem Tennisplatz.

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Boris Becker nach der Verkündung des Urteils.

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Günter Bresnik glaubt weiter an den roten Teppich.

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Günter Bresnik kann im Gespräch mit dem STANDARD nicht mit Häme dienen. "Die überlasse ich anderen." Am Freitag wurde Tennislegende Boris Becker von einem Londoner Gericht wegen millionenschwerer Insolvenzvergehen zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt, die Hälfte davon muss er wohl in jedem Fall absitzen. Der 54-jährige Deutsche ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Der britische Boulevard legte noch nach, Daily Mail schrieb: "Ein unstillbarer Appetit auf Frauen, Häuser, Autos und Luxusleben" habe den Absturz ausgelöst. Als "serving time" verdichtete die Sun Beckers Leben zu einem Wortspiel zwischen Aufschlag und Haftstrafe.

Bresnik (61) ist kein Anhänger von schlechten Wortspielen. Ab Sommer 1992 war er Trainer von Becker – ein Jahr lang. Der Österreicher hatte sich in der internationalen Szene längst einen Namen gemacht. Über die Gründe der Trennung wurde Stillschweigen vereinbart, Bresnik hält sich 30 Jahre später an die Abmachung. "Ist völlig egal." Kann sein, dass Bumm-Bumm nicht immer der Zuverlässigste gewesen sein mag, der einen oder anderen Einheit ferngeblieben ist.

Schaden wettmachen ja, Gefängnis nein

Natürlich, sagt Bresnik, habe Becker eine Straftat begangen. "Er soll den finanziellen Schaden wettmachen, aber er gehört nicht ins Gefängnis, er hat niemanden gefährdet. Ich sehe darin keinen Sinn. Wenn man einem Bladen sagt, er soll alles aufessen, ist das auch keine Strafe." Menschen, die Becker als "dumm" bezeichnen, empfindet Bresnik als nicht gescheit. "Sie haben nicht seine Erfahrungswerte, können sich in seine Situation nicht reinversetzen. Sie waren ja nicht im Alter von 17 Wimbledonsieger."

Becker sei immer der rote Teppich ausgerollt worden. "Er ist noch heute eines der bekanntesten Gesichter auf dem Planeten. Weil er immer präsent und interessant war. Er ist eine Lichtgestalt." Licht bedingt Schatten. "Die Dinge sind ihm zugeflogen. Er hat offensichtlich nicht gemerkt, dass dieser Automatismus irgendwann nicht mehr funktioniert. Und kein Geld mehr fließt." Vor rund einem Jahr haben sich Becker und Bresnik in Rom zu einem Abendessen getroffen. "Er war gut drauf, hat gemeint, das alles nicht schlimm ist und wieder gut wird. Er hat offensichtlich die Realität verweigert."

Die verwundbarste Stelle

Bresnik vergleicht die Sportikone mit Siegfried aus der Nibelungensage, dessen einzige Schwachstelle zwischen den Schulterblättern liegt. "Siegfried ahnte nicht, dass er dort verwundbar ist." Und auch Becker wusste nichts von seinem Lindenblatt, wobei er nie in Drachenblut gebadet hat. "Ihm wurde die Verwundbarkeit nicht klar."

Beckers Umfeld sei nie wirklich schlecht gewesen. "Vielleicht hätte er sich nicht von Ion Tiriac trennen sollen." Es sei zu billig, den Ex-Frauen die Schuld zu geben. "Barbara war eine starke Frau. Boris war bei Scheidungen immer sehr großzügig."

Erinnerungen an den Tennisspieler: 1984, belangloser Challenger in Frankfurt. Becker verliert im Semifinale, wird gefragt, ob er 1985 wiederkomme. Bresnik: "Er hat gesagt: Nein, habe keine Zeit, da bin ich beim Masters in New York." Er sollte dort das Finale erreichen. Und davor Wimbledon gewinnen. "Boris hatte die Gabe, Dinge zu visualisieren." Ende der 80er saßen ein paar Trainergurus beisammen. Mittendrin Bresnik. "Es ging darum, wen man spielen lassen würde, sollte es ums Leben geben. Alle stimmten für Becker. Unter mentalem Druck war er der Größte, an einem Tag war er nicht zuletzt wegen seiner Technik unschlagbar."

Beunruhigende Hysterie

Noch ein prägendes Erlebnis: "Im November 1992 gewann er in Frankfurt das Masters. Ich war am Tag danach am Flughafen, um nach Wien zurückzukehren. Menschmassen applaudierten mir, standen Spalier für den Trainer Bresnik. Es war extrem. Ich war fast beunruhigt, weil ich das nicht brauche."

Bresnik ist überzeugt, "dass er die Haft gut wegsteckt. Auch wenn sie für mich sinnlos ist." An Beckers Mythos werde die Verurteilung wenig ändern. "Er bleibt eine Lichtgestalt. Sie werden ihm wieder den roten Teppich ausrollen." Ob das klug ist, sei dahingestellt. (Christian Hackl, 2.5.2022)