Er kommt aus der "richtigen" europafreundlichen englischen Familie, als Kind eines EU-Abgeordneten in einer Brüsseler Grundschule, dann im Eliteinternat Eton und Studienabschluss am berühmten Balliol College in Oxford. Er wurde zuerst Journalist, Korrespondent in Brüssel und später Chefredakteur des "Spectator", einer konservativen Zeitschrift.

Sein Weg führte, wie bei vielen Altersgenossen aus der gesellschaftlichen Elite, in die Politik. Er war langjähriger konservativer Abgeordneter, dann acht Jahre lang Bürgermeister von London und schließlich 2016 bis 2018 Außenminister. Dass der Mann am 24. Juli 2019 als britischer Premierminister angelobt wurde, erschien als krönender Abschluss einer glänzenden Laufbahn.

Der britische Premier Boris Johnson.
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So die offizielle Beschreibung der Karriere des 55-jährigen Boris Johnson, des britischen Premiers. Warum schreibt dann der "Economist", die angesehene Londoner Wochenzeitung, dass er "seit Menschengedenken der schlechteste britische Premierminister sei, nicht würdig in 10 Downing Street zu sitzen". Selbst seine Parteigänger betrachten ihn als ein Leichtgewicht und einen Lügner. Der Labourchef Jeremy Corbyn wird übrigens vom "Economist" als der unfähigste Oppositionsführer in der britischen Geschichte bezeichnet. Beide Männer seien völlig ungeeignet für ihre Rollen; die seien nur da, weil der Brexit die normalen politischen Sitten gekippt habe.

Serie der Niederlagen

Noch nie hat ein britischer Regierungschef in knapp zwei Monaten sieben Unterhausabstimmungen verloren. Den Höhepunkt dieser Serie der Niederlagen bildete das vernichtende Urteil des Obersten Gerichtshofes, das die von Johnson verordnete Zwangspause des Parlaments für unrechtmäßig und ungültig erklärte.

Statt einer Entschuldigung und gar eines von den Kritikern geforderten Rücktritts ging Boris Johnson völlig hemmungslos in die Offensive über. In einer wütenden Rede im Unterhaus, die sogar seine eigene Schwester als "verwerflich" und "geschmacklos" verurteilte, tobte der Premier gegen "Verrat", "Sabotage" und "Kapitulation" vor der Europäischen Union.

Boris Johnson will sich mit allen Mitteln zum Anwalt des Volkes stilisieren, der gegen das Parlament den angeblichen Brexit-Willen des Volkes ohne Rücksicht auf die Folgen eines ungeregelten Austritts zum 31. Oktober umsetzen will.

Johnsons Taktik der Zuspitzung und der Provokation in einem zutiefst gespaltenen Land fördert die Gewalt. Er lehnt die Kritik ab, dass seine "verletzende, gefährliche und aufstachelnde Sprache" (so die Labour-Abgeordnete Paula Sheriff) die Stimmung "aufheizt". Dass er die Bitten nach Mäßigung "Humbug" nannte, löste allgemeinen Zorn und Fassungslosigkeit, auch in seiner eigenen Partei, aus.

Er hat sich jedenfalls in eine Ecke manövriert, und die groß angelegten Zeitungsberichte über seine enge Beziehung zu einer amerikanischen Geschäftsfrau, der er als Bürgermeister über 100.000 Pfund aus öffentlichen Geldern zukommen ließ, verstärken den Druck auf ihn. Die Radikalisierung der Sprache, auch bei den Brexit-Gegnern, und die zunehmenden Gewaltandrohungen gegen oppositionelle Abgeordnete lösen Angst aus. Boris Johnsons Hassrhetorik aus zynischem Kalkül lässt einen heißen Herbst befürchten. (Paul Lendvai, 30.9.2019)