Bunte Vielfalt unerwünscht: Die muslimischen Uiguren werden von der chinesischen Regierung in "Umerziehungslager" gesteckt.

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Sydney/Peking/Wien – Sie werden in Zügen aus Konzentrationslagern in Fabriken im ganzen Land deportiert, wo sie ausbeuterische Arbeitsverträge unterzeichnen. Die Regierung stellt die Unterzeichnung dieser Verträge als freiwilligen Akt dar und preist die Aktion als gelungene Maßnahme gegen die Arbeitslosigkeit. Tatsächlich werden die Arbeiter und ihre Familien von den Behörden bedroht: Wer sich nicht fügt, muss auf drei bis fünf Jahre zurück in ein "Umerziehungslager".

In den Fabriken, fernab ihrer Familien, arbeiten die Angehörigen einer religiösen Minderheit unter menschenunwürdigen Bedingungen: Überstunden bis in die Nacht, ständige Überwachung und Erniedrigung sind tägliche Realität. Die Arbeiter werden in von Stacheldraht umzäunten Baracken untergebracht und an der Ausübung ihrer Religion gehindert.

Uigurische Zwangsarbeit

Die Rede ist nicht etwa von Juden im NS-Regime, sondern von Uiguren im Jahr 2020 in China. Dort müssen laut einem Bericht des Australian Strategic Policy Institute (Aspi) mindestens 80.000 Angehörige der muslimischen Minderheit Zwangsarbeit leisten.

Aufmerksam geworden auf die Missstände ist das Institut durch eine Gesetzesänderung in China, die den Transfer von Uiguren erleichtern soll. Daraufhin stellte das Aspi eine umfangreiche Recherche an, die in besagtem Bericht mündete. In diesem bezieht sich die NGO auf zahlreiche Quellen, darunter Gesetze und Verordnungen der chinesischen Regierung, Medienberichte, Satellitenbilder und Interviews mit uigurischen Arbeitern.

Menschen als Handelsware

Nach neuester chinesischer Gesetzeslage können demnach Uiguren wie Handelsware gekauft und verkauft werden. Unternehmen haben dabei die Möglichkeit, entweder Fabriken direkt in Xinjiang, wo knapp eine Million Angehörige der muslimischen Minderheit in "Umerziehungslagern" untergebracht ist, zu errichten oder den Transfer von Lagerinsassen in andere Landesteile anzufordern.

Die Zwangsarbeiter werden dann bewacht von den Konzentrationslagern in die Produktionsstätten gebracht. Der Arbeitstitel dieses Programms lautet "Xinjiang Aid".

Westliche Unternehmen profitieren von Zwangsarbeit

Zahlreiche chinesische Betriebe partizipieren am "Xinjiang Aid"-Programm. Und auch westliche Unternehmen profitieren: Bei den Fabriken handelt es sich unter anderem um Zulieferfirmen von 83 Weltmarken, darunter Apple, Samsung, Huawei, Puma, Nike, Volkswagen und BMW, um nur einige zu nennen.

Wachtürme, Stacheldrahtzaun, Überwachung, Ausgangssperren, ideologische "Umerziehung" und nun Zwangsarbeit. Vieles erinnert bei den chinesischen "Weiterbildungslagern" an die Nazi-Zeit.
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Die teils extra dafür (um)gebauten Fabriken ähneln dabei tatsächlich Arbeitslagern, wie aus Satellitenbildern und Behördendokumenten hervorgeht. In den Produktionsstätten sollen sklavenähnliche Arbeitsbedingungen herrschen: Uigurische Arbeiter müssen 14-Stunden-Schichten leisten, nach deren Ende sie gezwungen werden, an "patriotischen Umerziehungskursen" teilzunehmen, die teils weit in die Nacht hinein gehen.

Segregierte Kantinen bei Nike-Zuliferer

In manchen Fabriken sollen die Uiguren signifikant weniger Geld verdienen als ihre han-chinesischen Kollegen. Auch ihre Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt: Die Arbeiter – Männer wie Frauen – werden in von Stacheldraht umzäunten Baracken untergebracht und dürfen ihre (oft tausende Kilometer entfernt lebenden) Familien nicht einmal über die Feiertage besuchen.

Diskriminierung ist für die Muslime dort ein alltägliches Phänomen. Die Sicherheitsleute würden die Handys und Unterkünfte auf religiöse Inhalte untersuchen, zitiert das Aspi einen uigurischen Arbeiter: Fänden sie etwa den Koran, müssten die Uiguren für drei bis fünf Jahre zurück ins Umerziehungslager. In einer Fabrik in Qingdao, bei einem der größten Nike-Zulieferer, werden die Arbeiter zudem in separate Kantinen geschickt. Die dortigen "Halal"-Schilder wurden demonstrativ durchgestrichen.

Auch Apple profitiert

Auch Apple-Zulieferer sollen Zwangsarbeiter einsetzen. Rund 700 Uiguren wurden laut Bericht im April letzten Jahres in eine Fabrik der O-Film Technology Company transferiert. Laut einer vom Aspi zitierten Lokalzeitung sollten die Arbeiter in "moderne, fähige junge Leute" umerzogen werden, die "die Güte der Partei verstehen". O-Film produzierte damals die Frontkameras zweier iPhone-Modelle.

Apple-Chef Tim Cook postete seinen Besuch in der chinesischen O-Film-Fabrik im chinesischen sozialen Medium Weibo: "Werfe einen genaueren Blick auf die Präzisionsarbeit, die in die Produktion von Selfie-Kameras geht", schreibt er dort.
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Nur wenige Monate nach dem Zwangsarbeitertransfer hatte Apple-Chef Tim Cook eine Produktionsstätte des Unternehmens besucht und in einer (mittlerweile gelöschten) Presseaussendungen den "humanen Zugang zu den Arbeitern" dort gelobt.

"Patriotische Erziehung"

Das Aspi hat auch die betroffenen Unternehmen kontaktiert. Abercrombie & Fitch soll veranlasst haben, die Geschäfte mit den chinesischen Unternehmen zu beenden. Andere bestritten aktive Beziehungen zu den genannten Fabriken. Viele der angeführten Marken gaben an, sie hätten Zwangsarbeit in ihren Lieferketten nicht ausschließen können.

Von den chinesischen Offiziellen wird der Kurs als Erfolg in den Bemühungen, "die patriotische Erziehung zu stärken", dargestellt. Das Aspi zitiert auch ein Staatsmedium, in dem von einer uigurischen Arbeiterin berichtet wird. Dort wird gefeiert, dass die junge Muslimin "endlich gelernt hat, sich täglich zu duschen".