Ruft einer Feuer, stürmen alle Richtung Ausgang. So lässt sich beschreiben, was derzeit an den Finanzmärkten abgeht. Investoren fürchten eine globale Wirtschaftskrise infolge der Corona-Epidemie. Deren Folgen treffen die Wirtschaft zweifelsohne. Zahlreiche Länder reagierten mit Reisebeschränkungen, Unternehmen streichen Geschäftsreisen, Großereignisse werden abgesagt, Urlauber treten Reisen nicht an. Industrieunternehmen registrieren Lieferengpässe, weil in China Fabriken stillstanden.

Volkswirtschaftlich gesehen sei ein gleichzeitiges Zusammentreffen eines globalen Angebot-und-Nachfrage-Schocks, wie des derzeit der Fall sei, "absolutes Neuland", urteilt Carsten Brzeski, Chefökonom des Finanzkonzerns ING. Dennoch wird über angemessene Krisenhilfen für die Wirtschaft nachgedacht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) stellt Milliardenhilfen für ärmere Länder in Aussicht. Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire spricht von einer "brutalen Verlangsamung" des Wachstums und verweist auf die Möglichkeit für die Industrie, Steuern und Sozialabgaben aufzuschieben. Italien macht 7,5 Milliarden Euro zur Stützung der Wirtschaft locker.

Venedig ohne Menschenmassen. Was reizvoll aussieht, stürzt die Gastronomen und Hoteliers in existenzielle Krisen.
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Auch in Deutschland ist die Bundesregierung bemüht, den Sorgen der Wirtschaft entgegenzutreten. "Unsere sehr soliden Staatsfinanzen sind Grundlage dafür, dass wir alles tun können, um gegenzuhalten, wenn es eine richtige Konjunkturkrise gibt", sagt Finanzminister Olaf Scholz (SPD). Die Koalitionsspitzen haben sich geeinigt, die Hürden für Kurzarbeit zu senken. Außerdem plant die Regierung von 2021 bis 2024, die Investitionen des Bundes um jährlich 3,1 Milliarden Euro zu verstärken. Die 12,4 Milliarden sollen in "vereinbarte Investitionspfade" fließen: den Ausbau des Straßen- und Schienennetzes sowie in mehr bezahlbare Wohnungen. In Kürze will die Regierung mit Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften über Liquiditätshilfen, Bürgschaften und Steuerstundungen beraten.

Keine Bange in Österreich

Hierzulande herrscht derzeit Gelassenheit. Laut einer aktuellen Wifo-Analyse zeigen die "Konjunkturindikatoren bislang kaum Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie". Weltweit stabilisierten sich die Konjunkturindikatoren nach einem schwachen vierten Quartal zum Jahresbeginn sogar etwas, so die Wifo-Ökonomen.

Man sehe auch keinen Bedarf für weitere Maßnahmen heißt es aus dem Büro von Finanzminister Gernot Blümel. Würde sich das ändern, würde man entsprechende Maßnahmen ergreifen. Ein klassisches Konjunkturpaket sehe man derzeit aber nicht.

Auch im deutschen Städtchen Bremen ist derzeit nicht gerade die Hölle los. Dafür rauchen die Köpfe bei den Politikern und Politikerinnen.
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Wifo-Chef Christoph Badelt hält von einem solchen ebenfalls wenig. Es brauche aber rasch "die Bereitschaft zu effektiven, staatlichen Hilfen, um Unternehmen, denen die Nachfrage wegbricht, die aber Angestellten zahlen und Kredite bedienen müssen, am Leben zu erhalten." Wichtig vor allem für die stärker betroffenen Dienstleister. Kurzarbeit sei ein gutes Instrument, überhaupt alles, was die Liquidität der Unternehmen sichere – in Form von Garantien, Steuerstundungen, Subventionen.

Und was können Notenbanken tun? "Ich wüsste nicht, was Geldpolitik in der Corono-Epidemie nützt", sagt Badelt. "Nichts zu tun ist keine Alternative", meint hingegen ING-Ökonom Brzeski über die Zinsentscheidung der EZB am Donnerstag. Dass die Zentralbank kaum Spielraum hat, darüber sind sich beide einig. Soll die EU die Schuldenregeln lockern? Badelt findet, dass Corona-bedingte Ausgaben beim strukturellen Defizit nicht berücksichtigt werden sollten. (Birgit Baumann, Regina Bruckner, Alexander Hahn, 9.3.2020)