In einem Leserbrief erinnert sich die 83-jährige Wienerin Gerda Frey, wie Eltern "in den schwierigsten Umständen ein Kind glücklich" machen können.

Brüsseler Familien in Corona-Quarantäne am Balkon oder Fenster.
Foto: REUTERS / Yves Herman

Meine Botschaft an heutige Eltern, die zurzeit mit ihren Kindern in Quarantäne sind:

Es ist der 19. März 1944 in Budapest. Hitlers Truppen besetzen Ungarn. Einige Tage später ziehen wir, eine jüdische Familie – mein Vater (44), meine Mutter (31) und ich (7) –, in unser Versteck bei unseren Lebensrettern, einer Bäckerfamilie. Neun Monate verbringen wir zusammen in einem kleinen Zimmer. Ich darf nicht ans Fenster gehen, da das Zimmer ebenerdig ist und auf einen Park hinausschaut. Wir dürfen miteinander nur flüstern. Obwohl ich erst sieben Jahre alt bin, ist es mir bewusst, dass wir in Lebensgefahr schweben. Meine Eltern geben ihr Bestes, um mir die Situation zu erklären, und schaffen es auch, mich bei Laune zu halten. Ich lese viel, lerne ungarische Gedichte auswendig, zeichne und löse Rätsel auf Papier. Es gibt kein Radio, kein Fernsehen und kein Internet. Ich habe eine Puppe, meine Mutter näht ihr Kleider. Mein Vater erzählt mir flüsternd Geschichten aus der Bibel, Märchen und erklärt mir die Welt.

Ich weiß erst heute, welches Wunder meine Eltern damals mit mir vollbracht haben. Ich bin damals im Jahre 1945 als ein gesundes Kind aus dieser Atmosphäre herausgekommen.

Das ist keine Holocaust-Überlebensgeschichte. Das ist eine Geschichte, wie man es schaffen kann, neun Monate lang in den schwierigsten Umständen ein Kind glücklich zu machen. Es ist die Aufgabe der Eltern, den Kindern eine schöne Zeit zu bereiten und ihnen trotzdem die Realität zu erklären.

Ich hoffe, das alle Generationen diese Zeit seelisch und körperlich gesund überstehen.

Gerda Frey (83), lebt in Wien. (22.3.2020)