Traditionelle theologische Deutungsmuster verblassen, so der Theologe Kurt Remele im Gastkommentar.

Die anglikanische Kathedrale von Edinburgh liegt ein wenig abseits der Touristenpfade. Ein Besuch lohnt sich dennoch: Die Chormusik ist innovativ, und im nördlichen Seitenschiff hängt ein sentimentales, aber theologisch und religionssoziologisch bemerkenswertes Gemälde des schottischen Künstlers A. E. Borthwick.

Dieses Bild trägt den Titel The Presence und zeigt das Innere jener Kathedrale, in der es hängt. Im hinteren Teil des Bildes ist schemenhaft der Hochaltar zu erkennen, wo die Kommunion an die Gläubigen ausgeteilt wird. Im Vordergrund, neben der letzten Bankreihe, erblickt man eine von der Gottesdienstgemeinde weit entfernte, einsam im Gebet versunkene, schwarzgekleidete weibliche Gestalt. Doch gerade diese gemeinschaftsferne Gestalt wird von Borthwick herausgehoben: Neben ihr steht, in strahlendes Licht gehüllt, niemand Geringerer als Jesus Christus. Ihr fehlender Kontakt zu den anderen Kirchenbesuchern wird durch die Gegenwart Jesu mehr als kompensiert.

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In viralen Zeiten befindet sich die überwältigende Mehrheit der Gläubigen an vielen Orten notgedrungen in der Rolle dieser einsamen, schwarzgekleideten Beterin. Die Nichtpartizipation an realen liturgischen Feiern ist schicksalhaft verhängt und obrigkeitlich verordnet. Sie können zwar "Geistermessen", wie einige Theologen sie nennen, im Fernsehen verfolgen. Doch dabei müssen sie von ganz hinten auf ein Geschehen blicken, das zwar medial vermittelt wird, real jedoch weit weg von ihnen stattfindet. Manche murmeln die liturgischen Antworten in ihren eigenen vier Wänden mit, aber der Zelebrant auf dem Bildschirm hört und sieht sie nicht. Die Menschen sitzen allein im Wohnzimmer und sehen fern.

Livestreaming versammelt in der Corona-Krise Gläubige zu Hause am Esstisch oder im Wohnzimmer, um an Gottesdiensten teilzunehmen.
Foto: Reuters / Alessandro Garofalo

Was wäre, wenn sie das Gerät ausschalteten, einfach still in ihrem Lehnstuhl säßen und in die Ferne blickten statt auf den Fernseher? Nach Wassili Rosanow würden sie damit die von ihm vorhergesagte spirituelle Avantgarde darstellen: "Alle Religionen werden vergehen", prophezeite der 1919 verstorbene russische Religionsphilosoph, "aber dies wird bleiben: einfach auf einem Stuhl sitzen und in die Ferne blicken." Nach Rosanow würden die von religiösen Institutionen vorgegebenen Antworten auf Lebensfragen nach und nach schwinden, das geduldige Suchen, einsame Fragen und stille Nachdenken über das Mysterium des Daseins jedoch würde bestehen bleiben.

... und zweifeln

Borthwicks schwarzgekleidete Frau muss nicht als menschenscheue, einsame Beterin gesehen werden, sondern lässt sich auch in den Kategorien gegenwärtiger Religionssoziologie interpretieren. Sie würde dann zu den "Cathedral Worshippers" gehören, wie die britische Religionssoziologin Grace Davie jene spirituellen Sucherinnen und Sucher nennt, die die Atmosphäre alter Kathedralen lieben, es aber vorziehen, dort allein gelassen zu werden und vielleicht sogar hinter einer Säule zu sitzen, wo niemand sie stört. Sie sind religiöse Ästheten, erfreuen sich an der exzellenten Chormusik und an der erhabenen Architektur der Bischofskirchen. Diese Cathedral Worshippers vertreten eine spätmoderne Spiritualität, sie stehen den verpflichtenden Vorgaben, Lehren und Ritualen der organisierten Religion skeptisch gegenüber. Sie bevorzugen einen selbst gestalteten, experimentellen Zugang zum Religiösen: "Believing without belonging" lautet Davies vortreffliche Charakterisierung dieser Haltung. Wobei der Inhalt des "believing" nicht durch eine religiöse Autorität bestimmt, sondern selbst gesucht und komponiert wird.

Zweifel an traditionellen kirchlichen Lehren ist jedoch nicht auf Religionskomponisten beschränkt, sondern befällt gerade in der Corona-Krise auch viele akademische Theologieexperten und kirchliche Religionsfunktionäre. Sie alle wissen, dass die klassische theologische Interpretation von Epidemien als Strafe Gottes, die durch Bittgebete und Bittprozessionen abgewendet werden könne, "nur mit dem Opfer der intellektuellen Redlichkeit" und einem "Salto mortale zurück ins Mittelalter" erkauft werden kann, um eine Formulierung Dietrich Bonhoeffers zu gebrauchen. In seinen Haftaufzeichnungen stellte der vor 75 Jahren von den Nazis ermordete evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Überlegungen zu einem "religionslosen Christentum" an, in dem man sich von den herrschenden supranaturalistischen Gotteskonstruktionen verabschiedet. Er schreibt: "Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden." In viralen Zeiten erhalten seine Worte neue Aktualität. (Kurt Remele, 9.4.2020)