Schon vor Corona standen in Fitnessstudios Desinfektionsmittel zur Reinigung der Trainingsgeräte zur Verfügung. Sie wurden jetzt aber noch einmal aufgestockt.

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Die Trainer tragen Maske, die Kunden nicht – oder nur, wenn sie wollen.

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Um kurz vor halb 7 Uhr morgens wartete am Freitag schon eine Handvoll besonders Sportlicher vor den Türen des Fitnessstudios "John Harris" im ersten Bezirk in Wien. Sie konnten es nicht mehr erwarten: Am 29. Mai durften Österreichs Fitnessstudios nach mehr als zwei Monaten Zwangspause wieder aufsperren.

Allerdings gibt es auch für die Muckibuden Auflagen: Beim Betreten und Verlassen der Studios und in den Umkleidekabinen müssen Masken getragen, außerdem muss zwei Meter Abstand zu anderen Menschen gehalten werden. Bei "John Harris" funktioniert der Check-in und Check-out nun kontaktlos. Die Mitarbeiter am Empfang sitzen hinter einer Plexiglasscheibe. Desinfektionsmittelspender sind gleich beim Eingang – und an vielen anderen Stellen im ganzen Haus – platziert.

Abstand halten bedeutet auch: Dort, wo die Geräte zu nahe beieinander stehen, darf nur jedes zweite Gerät verwendet werden. Bei Laufbändern und Cross-Trainern ist jedes zweite Gerät gesperrt. An den Geräten, die zur Verfügung stehen, strampelten sich beim STANDARD-Lokalaugenschein die ersten Sportler und Sportlerinnen aber bereits ab. Auf sämtlichen Bildschirmen im mehrstöckigen Fitnessstudio wird an die Hygienemaßnahmen erinnert.

In jenem Raum, in dem ab sofort von Aerobic bis Yoga auch wieder die Kurse stattfinden, sind auf den Boden 15 dunkelgraue Punkte mit ausreichend Abstand aufgeklebt. Jeder Punkt ein Kursteilnehmer. Im Hintergrund brummen drei Luftreiniger, die die Luft von Viren und Allergenen säubern sollen. Im ersten Stock stehen als skurriles Fotomotiv zwei Babyelefanten auf kleinen Tischchen. Auch sie tragen Mundschutz.

Lieber Kraft als Ausdauer

"Angst muss man vor dem Besuch im Fitnessstudio sicher keine haben", sagt der Sportmediziner Robert Fritz von der Sportordination in Wien. Er betont aber, dass jene grundlegenden Hygieneregeln eingehalten werden müssen, die wir mittlerweile ohnehin alle kennen. Das heißt: Husten und Niesen in die Ellenbogenbeuge, vor Trainingsbeginn Hände waschen, dann Finger weg vom Gesicht und nach dem Ende des Trainings wieder Hände waschen. Es sind Regeln, die auch ohne Pandemie im Fitnessstudio beherzigt werden sollten: "Hochleistungssportler lernen das sehr schnell, weil die sich nicht einmal einen Schnupfen im Fitnessstudio holen wollen", so Fritz.

Mit Spannung beobachtet auch Jürgen Scharhag, ebenfalls Sportmediziner sowie Leiter der Abteilung für Sportmedizin, Leistungsphysiologie und Prävention an der Universität Wien und Vorstand des Österreichischen Instituts für Sportmedizin, die Öffnung der Fitnessstudios. Er erklärt: Bei körperlicher Anstrengung steigt das Atemvolumen von acht Liter pro Minute auf bis zu 100 Liter oder mehr. "Im schlimmsten Fall pustet man da natürlich auch viel Virusmaterial in die Luft", so Scharhag. Er empfiehlt daher, im Fitnessstudio vorerst den Fokus eher auf das Krafttraining zu legen – und für Ausdauertraining, bei dem man ordentlich ins Schnaufen kommt, ins Freie zu wechseln. Dem stimmt auch Robert Fritz zu: "Sportarten wie Laufen und Radfahren würde ich lieber weiterhin an der frischen Luft absolvieren."

Ob im Fitnessstudio eine Maskenpflicht für alle kommt, wurde von der Branche mit Spannung erwartet. In den meisten Fitnessstudios tragen Masken nun aber nur die Trainer. Allerdings gibt es durchaus auch Menschen, die mit Mund-Nasen-Schutz trainieren wollen. Gefährlich ist das beim Sport zwar nicht. "Aber in einem Fitnessstudio, in dem man sich aus dem Weg gehen kann, ist eine Maske nicht notwendig", sagt Fritz.

Falsche Sicherheit

Kontraproduktiv wird es überhaupt dann, wenn die Maske nicht sachgemäß verwendet wird: Spätestens, wenn sie nassgeschwitzt ist, wird sie unangenehm – und führt im schlimmsten Fall dazu, dass sich Menschen mit ihren Händen ins Gesicht fahren. Fritz befürchtet auch, dass vielen durch das Tragen der Maske eine falsche Sicherheit vorgegaukelt wird – und sie erst recht wieder keinen Abstand zueinander einhalten.

Atembeschwerden sollte der Mundschutz jedenfalls keine verursachen. Leistungseinbußen seien durch die Masken aber theoretisch denkbar, allerdings wahrscheinlich nur in so minimalen Dimensionen, dass sie höchstens bei Spitzenbelastungen im Profisport relevant sind, so Scharhag. Der Sportmediziner führt das auch auf eine mögliche psychische Komponente zurück: "Wenn man das Gefühl hat, dass die Atmung schwerer fällt, bricht man eine Belastung vielleicht früher ab."

Was in Fitnessstudios nach Ansicht der Sportmediziner nun jedenfalls wichtig ist: Gut lüften – und, wo möglich, sollten Sportkurse auch weiterhin im Freien abgehalten werden. "Jetzt ist auch die Zeit, kreativ zu werden", so Scharhag. So kann er sich beispielsweise Sportkurse in großen Zelten vorstellen, in denen die Luft besser zirkulieren kann als in stickigen Innenräumen.

Schattenboxen als Kampfsport

Mit Outdoor-Kursen hat sich auch Hannes Woschner, Geschäftsführer des Wiener Functional-Fitness-Studios "Five" über die letzten Wochen gerettet. Das Pfingstwochenende hat er sich noch Zeit gelassen, seine Räumlichkeiten in Wien-Währing zu adaptieren. Ab Montag werden hier wieder Indoor-Kurse angeboten. Allerdings mit Änderungen: "Beim Kampfsport werden wir jetzt auf Schattenboxen setzen."

Herausfordernd war im Vorfeld nicht nur das Aufstocken an Desinfektionsmittel. Auch die nun nötige Logistik hat Woschner viel Hirnschmalz gekostet: Die Besucher von Kursen müssen nicht nur mit ausreichend Abstand ins Gebäude gelangen können, sondern danach auch wieder hinaus – und dabei möglichst nicht auf die Besucher des Kurses danach treffen.

Keine High fives mehr

Beim neuen Fitnessanbieter F45 in Wien-Landstraße ging am Samstag mit mehr als zwei Monaten Verspätung das "Grand Opening" über die Bühne. Anfang März hätte es noch als "Grand Opening Party" stattfinden sollen, die "Party" ist nach dem Lockdown aber abgeblasen. Dafür gab es Smoothies für die ersten Besucher des 45-minütigen Zirkeltrainings, das in Australien erfunden wurde und nun auch in Österreich Fuß fassen will.

Bei F45 wurden die Gruppengrößen reduziert. Zwischen den Übungen müssen nun außerdem alle Geräte desinfiziert werden. Equipment, das schwierig zu desinfizieren ist – etwa Sandsäcke –, werde man vorübergehend nicht verwenden, erklärt Geschäftsführerin Angela Gerke dem STANDARD.

Und noch etwas wird sich im F45-Studio ändern, wenn auch nur vorübergehend: High fives, wie man sie hier sonst nach jedem schweißtreibenden Training austauscht, gibt es derzeit keine. Nach Corona-tauglichen Alternativen wird aber gesucht, so Angela Gerke: "Vielleicht probieren wir es ja mit einem Foot Bump." (Franziska Zoidl, 1.6.2020)