Nicht nur für Mütter ist der Spagat zwischen Job und Familie schwer. Vor allem die letzten Wochen waren für viele Väter kein Kinderspiel.

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Eine Umfrage im April hat gezeigt, dass die Corona-Krise für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht unbedingt förderlich war: Demnach mussten hauptsächlich Mütter beruflich zurückstecken oder neben Homeoffice auch noch zusätzlich die Kinder betreuen. Das Ergebnis: Viele fühlen sich völlig überlastet. Sechs Mütter haben mit uns im Mai darüber gesprochen. Doch auch für Väter waren die letzten Wochen und Monate kein Zuckerschlecken. Die finanziellen Sorgen sind groß, der Druck, Job und Familie unter einen Hut zu bringen, noch größer. Sechs Väter erzählen, wie sie den neuen Familienalltag erleben.

"Wenn die Kinder im Bett waren, habe ich mich an den Computer gesetzt und oft bis nachts gearbeitet."

Tobias Kraze (41) aus Wien ist Mitgründer der Lernwerkstatt Sowiedu

"Die letzten Wochen waren sehr anstrengend. Da bin ich als Vater von zwei Mädchen (elf und fünf Jahre), aber auch als Mitbegründer einer Alternativschule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen öfters an meine Grenzen gekommen. Die Vereinbarkeit von Job und Familie ist ohnehin schwierig, aber jetzt in der Krise war es für mich und meine Frau zum Verzweifeln: Vonseiten der Regierung hieß es ja, dass kein Schüler in diesem Jahr durchfallen könne, aber auf die Kinder in unserer Schule wurde einfach vergessen.

Unsere 15 Schüler mussten trotz Corona-Maßnahmen in wenigen Tagen nach der Schulöffnung eine Externistenprüfung über den gesamten Jahresstoff ablegen. Würden sie diese Prüfung nicht schaffen, müssten sie in eine Regelschule und das Schuljahr wiederholen. Dazu muss man wissen, dass es sich um Kinder mit Angststörungen, Asperger-Autismus, selektivem Mutismus oder posttraumatischer Belastungsstörung handelt. Die Corona-Krise und die allgemeine Angst in der Bevölkerung haben da ohnehin ausgereicht, dass einige unserer Kinder und deren Familien noch belasteter als sonst sind – und dann auch noch diese Regelung und null Verständnis vonseiten des Ministeriums, das wir verzweifelt kontaktierten.

Meine Frau Maria und ich leben schon immer nach dem Motto: Wer gerade Zeit hat, macht es. Das zieht sich durch alle Bereiche: Verein, Kinder, Haushalt. Da Maria aber hauptsächlich die Schule und drei Kindergruppen leitet, war sie während des Lockdowns und auch danach tagsüber bis über die Ohren mit Arbeit eingedeckt. Zwar gab es keinen regulären Unterricht, aber wir waren ja permanent für die Betreuung von einzelnen Schülern und Kleinkindern verfügbar. Zudem musste der Unterricht auf E-Learning umgestellt und laufend die neuen Maßnahmen der Regierung umgesetzt werden.

Um die beiden Töchter habe ich mich zu Hause gekümmert. Die ältere Tochter musste ich bei den Vorbereitungen für die Externistenprüfung begleiten, die kleinere nebenher bespaßen. Wenn sie dann im Bett waren, habe ich mich an den Computer gesetzt und oft bis nachts gearbeitet. Da blieb nicht mehr viel Zeit für Erholung. Die Bedürfnisse der Kinder warten nun einmal nicht. Dieses Problem kennen wahrscheinlich viele Selbstständige und haben es während der Corona-Krise doppelt und dreifach gespürt.

Ich kann den letzten Wochen aber auch einiges Positives abgewinnen: Ein großer Vorteil war, dass ich auch mal tagsüber intensiv Zeit mit den Kindern verbringen konnte. Sonst ist das ja meist nur abends der Fall. Das hat mich an meine Väterkarenz erinnert. Bei der ersten Tochter war ich vier Monate und bei der zweiten elf Monate in Karenz. Ich weiß, dass man die Zeit mit den Kindern nicht mehr zurückbekommt. Insofern bin ich auch dankbar, dass ich nun gezwungenermaßen die Gelegenheit dazu hatte."

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"Die Corona-Krise hat meine Freundin und mich in unserer gleichberechtigten Lebensweise zurückgeschmissen."

Volker Schmidt (44) aus Wien ist Theaterregisseur

"Meine Freundin hat unser zweites Kind während der Corona-Krise bei uns zu Hause bekommen. Primär haben wir uns für die Hausgeburt entschieden, weil in den Krankenhäusern momentan noch strengere Hygienemaßnahmen als sonst herrschen. Da hätte ich als Vater zwar bei der Geburt dabei sein dürfen, danach aber gleich gehen müssen. Außerdem ist eine Geburt in unseren Augen nichts Medizinisches. Die Hausgeburt war ein wunderschönes, entspanntes und geborgenes Erlebnis. Ich war sehr gerührt davon. Insofern bin ich sehr froh, dass die Corona-Krise uns zu dieser Entscheidung gebracht hat.

Abgesehen von diesem Glück, nun zwei gesunde Töchter zu haben, gab es natürlich auch viele Dinge, die nicht so schön waren in den letzten Wochen: Ich war wirklich besorgt darüber, dass der Großteil der Bevölkerung ohne jegliche Kritik an der Regierung alles geschluckt hat, was beschlossen wurde. Demos waren ja verboten, also haben wir eine Familiendemo mit beschildertem Fahrrad auf der Hauptallee im Prater gestartet. Einfach, um die Menschen zu mehr Systemkritik zu ermuntern. Auf einem Schild stand zum Beispiel: "Kultur ist systemrelevant".

Alle Möglichkeiten, das Leben neu zu sehen und neu zu reflektieren, entsteht durch eine kreative, künstlerische Herangehensweise. Wenn wir das nicht mehr haben, fehlt uns ein großer Teil, den wir für unsere gesellschaftliche Weiterentwicklung benötigen. Als Kulturschaffender habe ich sehr nah mitbekommen, wie aufgrund der Covid-19-Maßnahmen Existenzen von Kolleginnen und Kollegen einfach eliminiert wurden. Meine Freundin und ich arbeiten beide am Theater. Natürlich gab es da immer wieder die Sorge, dass wir finanziell nicht auskommen. Gerade jetzt, wo noch ein zweites Kind gekommen ist.

Also habe ich mir eine Alternative überlegt, etwas, das ich schon lange forcieren wollte: die Fotografie. Ich wusste, dass viele Künstler gerade keine Aufträge, ergo viel Zeit, aber kein Geld haben. Ich bot im Mai kurzerhand Fotoshootings an, die nach dem Motto "Pay as you wish" honoriert wurden. Die Aktion lief super, das hat uns gut über Wasser gehalten – aber auch in unserer gleichberechtigten Lebensweise zurückgeschmissen, denn plötzlich musste Anne das neugeborene Baby und die ältere Tochter hüten, während ich den ganzen Tag fotografierte oder Bilder nachbearbeitete.

Ansonsten war die Quarantänephase kein Problem für uns. Anne und ich sind es gewöhnt, eine Zeitlang auch 24/7 aufeinanderzuhocken. Problematisch wurde es erst, als die Maßnahmen direkt unsere Tochter trafen: Spielplätze zu, Kinderkrippe zu. Das hat uns wirklich geärgert, dass da so radikal vorgegangen wurde. In der Kommunikation kam es ja auch so rüber, dass es Kindern nicht erlaubt sei, Freunde zu treffen. Wir haben dann eine Betreuungsgemeinschaft mit einer anderen Familie gegründet und sind während des Lockdowns für zwei Wochen aufs Land gefahren. So konnten wir uns immer wieder mit Kinderbetreuung und Arbeit abwechseln.

Als Vater und Selbstständiger wünsche ich mir von der Regierung realistische und kreative Lösungen, wie man weiter mit der Situation umgeht. Kurzfristig sind das massive Unterstützungen und klare Antworten wie das bedingungslose Grundeinkommen."

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"Oft dachte ich mir, ich halte es nicht mehr aus!"

Benjamin Zoller (Name von der Redaktion geändert) (29) aus Graz ist Architekt

"Meine Frau und ich sind beide seit knapp drei Monaten im Homeoffice. Als die Kinderkrippe geschlossen hatte und wir unseren Zweijährigen zu Hause betreuen mussten, da dachte ich öfters: 'Ich halte das nicht aus!' Wir sind nur noch zwischen Arbeit, Videokonferenzen, Kinderbetreuung, Kochen und Aufräumen rotiert. Ständig hatte ich das Gefühl, dass es an allen Ecken und Enden mangelt, dazu hat mich permanent das schlechte Gewissen verfolgt, weil wir unseren kleinen Sohn viel zu oft vor den Fernseher gesetzt haben.

Erst nach drei Wochen haben wir verstanden, dass wir mehr Struktur in diesen neuen Alltag bringen müssen. Wir haben also jeden Tag durchgeplant und uns Arbeit, Kinderbetreuung und Haushalt eins zu eins aufgeteilt. Das hat ganz gut geklappt, lustig war es dennoch nicht. Es blieb null Zeit für Sport, Erholung oder für unsere Beziehung. Es fühlte sich alles wie ein Überlebenskampf an, der augenscheinlich nur mit der Öffnung der Kindergärten enden konnte.

Auf der anderen Seite bin ich froh, dass ich in den letzten Wochen so viel Zeit mit meinem Sohn verbracht habe, denn gerade in seinem Alter tut sich so viel. Ich weiß, dass ich mir selbst die Zeit nie genommen hätte. Wenn ich alt bin, denke ich vermutlich an 2020 zurück und erinnere mich nur noch an die schönen Tage als junger Papa, der viel daheim war."

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"Manchmal gibt es Tage, da komme ich vom Arbeiten heim und würde mich gern einfach aufs Sofa setzen und in Ruhe Fußball schauen."

Dominik Erharter (31) aus Kufstein ist Logistiker

"Für unsere Familie hat die Corona-Krise nicht viel verändert. Meine Frau hat als Krankenschwester in einem systemrelevanten Beruf ganz normal weitergearbeitet, und auch ich bin jeden Tag, wie üblich, ins Büro gegangen. Als die Kindergärten schlossen, haben wir uns im Dorf mit drei Familien zusammengetan und abwechselnd die Kinder im Alter zwischen zwei und elf Jahren betreut. Das Wetter war super, demnach waren die Kinder ohnehin meist draußen. In die Kinderkrippe wollten wir unsere zweijährige Tochter nicht geben, denn sie wäre das einzige Kind dort gewesen. Neben der Nähe zur Natur ist dieser Zusammenhalt genau das, was ich am Landleben so schätze.

Die Kinderbetreuung liegt dennoch zu einem Großteil bei meiner Frau. Ich bringe unsere Tochter dreimal die Woche morgens in die Krippe und sehe sie unter der Woche dann erst abends wieder, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Das klingt jetzt komisch, aber: Gott sei Dank ist unsere Tochter eine Nachteule. Sie schläft immer erst gegen 22 Uhr ein. Andere mag das total nerven, aber auf diese Weise habe ich abends richtig viel Zeit mit ihr. Es würde mich schon belasten, wenn ich sie abends nur noch kurz sehen würde, wie es bei anderen Vätern oft der Fall ist. Wenn ich nach Hause komme, unternehmen wir meistens noch was. Vor allem im Sommer, wo es draußen warm und lange hell ist. Da fahren wir noch mit den Fahrrädern aus oder besuchen den nahe gelegenen Bauernhof.

Als die Tochter auf die Welt kam, war ich nur den einen Papamonat zu Hause, in Karenz bin ich nicht gegangen. Warum, weiß ich nicht so genau. Vielleicht, weil ich davor zwei Monate aufgrund eines Fußballunfalls im Krankenstand war und dann nicht wegen der Karenz beim Arbeitgeber fragen wollte. Irgendwie stand das gar nicht so recht zur Debatte bei uns. Ich finde, wir verbringen genug Zeit miteinander, der Spagat zwischen Job und Familie fällt mir nicht schwer.

Manchmal gibt es Tage, da komme ich vom Arbeiten heim und würde mich gern einfach aufs Sofa setzen und in Ruhe Fußball schauen. Stattdessen mache ich die Wohnungstür auf, und mir läuft freudig meine Tochter mit "Papa, Papa" entgegen. Da verzichtet man dann gern. Sie werden eh viel zu schnell groß. Wer weiß, wie lange sie das noch macht."

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"Fünf Kinder im Homeschooling: Ich habe mich gefühlt wie ein Raubtierdompteur in einem mittelalterlichen Wanderzirkus."

Markus von Walden (50) aus Wien ist Koch und Ernährungscoach

"Ich lebe mit meiner Partnerin und fünf Kindern im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren in einer Patchworkfamilie. Da ist Organisation alles und hat uns in den letzten Wochen stark geholfen. Wir haben versucht, so gut es geht die gewohnte Alltagsroutine aufrechtzuerhalten, wobei meine Frau primär im Homeoffice saß, während ich die Kinder übernahm: Nach dem Frühstück war Lernzeit angesagt. Da habe ich mich oft wie ein Raubtierdompeur in einem mittelalterlichen Wanderzirkus gefühlt. Dazwischen gab es kurze Pausen zum Essen oder Spielen, und am Nachmittag bin ich mit der Bande raus an die Luft.

Bei fünf Kindern spricht man gar nicht mehr davon, wer mehr oder weniger macht. Da ist sinnvolle Aufteilung der Aufgaben unter den Eltern das A und O. Das geht nur, wenn jeder anpackt, wo er gerade gebraucht wird. Während der Krise, wo alle daheim waren, klappte alles nur im ewigen Zusammenspiel von Förderung, Motivation, Lob, Begeisterung – und wenn alles nichts half: einem reinigenden Gewitter.

Meine Partnerin und ich haben ein kleines Unternehmen, das Workshops und Touren im Bereich Kulinarik und Ernährung anbietet. Während der Krise ist uns der größte Kunde weggebrochen, der, wenn er das Ganze wirtschaftlich überlebt, frühestens Anfang nächsten Jahres wieder auf uns zukommen wird. Das ist nach wie vor eine Katastrophe, denn wir sind durch alle Förderungsraster gefallen. Wir haben keinen einzigen Euro von der Regierung bekommen. Das heurige Jahr bleibt also finanziell sowieso eine große Zäsur für unsere Familie.

Dennoch versuche ich positiv zu bleiben und die schönen Dinge zu sehen: Ich habe mehr Zeit mit den Kindern, und die Beziehung hat sich durch die Krise nur noch weiter verfestigt."

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"Während des Lockdowns habe ich hauptsächlich das Kind übernommen, denn meine Frau war beruflich total eingedeckt."

Harald Jurek (46) aus Wien ist Sport- und Geografielehrer im Gymnasium

"Was soll ich sagen? Das erste Schuljahr für meine sechsjährige Tochter, und dann gleich eine weltweite Krise. Das war schon heftig. Wir haben immerhin das Glück, dass der Klassenlehrer unserer Tochter sehr engagiert ist. Der hat nicht nur die Unterrichtsmaterialien super aufbereitet, sondern die Kids sogar mit seiner Mimi-Puppe oder Maus vor den Computer geholt und auf diese Weise den Übergang zum E-Learning möglichst kindergerecht gestaltet.

Vor der Corona-Krise haben meine Partnerin Doris und ich uns die Kinderbetreuung und die Hausarbeit ziemlich gleichberechtigt aufgeteilt: Zwei Nachmittage habe ich das Kind, zwei meine Partnerin, und an einem Nachmittag kommt die Oma oder das Kindermädchen und übernimmt. Während des Lockdowns war das anders: Da habe ich hauptsächlich das Kind übernommen. Das lag auf der Hand: Ich bin Lehrer, und Doris arbeitet für einen Pharmakonzern. Man kann sich vorstellen, dass es denen während einer Pandemie nicht an Arbeit mangelt. Ergo hat Doris seit einigen Monaten sogar noch mehr zu tun als sonst.

Für mich ist das kein Problem. Ich bin es gewöhnt, dass ich viel Zeit mit meiner Tochter verbringe. Als Lehrer eines Wiener Gymnasiums habe ich das große Glück, dass ich mir die Arbeitsstunden außerhalb der Unterrichtszeiten selbst einteilen kann, ich bin sehr flexibel. Kein Wunder, dass die Berufsgruppe gerade bei Frauen so beliebt ist: Das lässt sich gut mit einer Elternschaft vereinbaren, und ich sehe da immer wieder Kumpels von mir leiden, die ihre Kinder dann abends nur noch ins Bett bringen, weil sie den ganzen Tag in der Arbeit sind.

Während des Lockdowns sind wir immer recht früh morgens gemeinsam aufgestanden, Doris ist gleich nach dem Frühstück ins Homeoffice, während ich meine Tochter beim Homeschooling begleitete. Mittags gab's meist schnelle Küche, und abends haben wir zusammen gekocht. Das Programm für meine Schüler erstelle ich vorwiegend am Wochenende oder am Abend. Die Corona-Krise hat nicht wirklich viel verändert, außer dass ich jetzt noch etwas mehr Zeit mit meiner Tochter verbringe, da sie momentan nicht in den Hort geht und auch alle anderen Nachmittagsaktivitäten ausfallen." PROTOKOLLE: Nadja Kupsa, 14.6.2020)