In einem Interview in der Sendung Meet the Press am 22. Jänner 2017 sprach die Beraterin des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Kellyanne Conway, von alternativen Fakten. (Gemeint als Replik auf die Frage des Moderators, warum der damalige Pressesprecher des Weißen Hauses falsche Angaben über die Zuschaueranzahl bei Trumps Amtseinführung gemacht hatte). Mittlerweile ist Kellyanne Conway nicht mehr in Amt und Würden (sie zog sich im August 2020 aus privaten Gründen zurück), doch die normativen Wirkungen ihrer Wortschöpfung sind geblieben – mit spürbaren Folgen für den politischen Diskurs (auch weit über die USA hinaus).

Was kann mit "alternativen Fakten" gemeint sein?

Was sollen alternative Fakten sein? Was könnte damit überhaupt gemeint sein? Und wie verhält es sich mit ihrer Begleiterscheinung, den Fake-News?

Wir sind bestens vertraut mit unterschiedlichen Perspektiven auf Fakten: Wir interpretieren Dinge häufig unterschiedlich; unsere Sichtweisen auf die Welt differieren. Doch immer gehen wir davon aus, dass es Möglichkeiten gibt, uns über unsere divergenten Haltungen und Urteile auszutauschen. Der konstruktive öffentliche Diskurs lebt von Argumenten darüber, ob und wie weit unsere Wahrnehmung der Welt angemessen und gerechtfertigt ist oder der Korrektur bedarf. Und ein unverbrüchlicher Standard für die Richtigkeit und Rechtmäßigkeit unserer Urteile ist, wie sich die Dinge wirklich verhalten – anders gesagt: was wahr und was falsch ist.

Aristoteles hat diese grundlegende Einsicht in seiner Metaphysik (um 350 v. Chr.) folgendermaßen ausgedrückt:

Denn zu behaupten, das Seiende (= die gegebenen Tatsachen) sei nicht oder das Nichtseiende (= das nicht Vorhandene) sei, ist falsch. Aber zu behaupten, dass das Seiende sei und das Nichtseiende nicht sei, ist wahr. Es wird demnach der, der behauptet, dass etwas sei oder nicht sei, die Wahrheit sagen oder die Unwahrheit.

Doch genau dieser Standard geht mit der Rede von alternativen Fakten verloren. Die Annahme, dass es Tatsachen gibt, die entscheiden, was wahr und was falsch ist, wird hinfällig. Jede Bezugnahme auf objektive Gegebenheiten wird durch die Rede von alternativen Fakten untergraben, jede Erforschung der Tatsachen wird erkenntnismäßig wirkungslos. Eine zweite, nach Belieben konstruierte alternative Welt ersetzt die erste Welt, die Wirklichkeit; eine dritte alternative Welt ersetzt die zweite Welt (die wohlgemerkt bereits eine alternative Welt ist); eine vierte alternative Welt die dritte; eine fünfte alternative Welt die vierte und so weiter.

Was bedeutet es, wenn die Tatsachen verblassen? Was geschieht, wenn die "Kraft des Faktischen" versiegt? Eine Konsequenz können wir zurzeit täglich in den Medien beobachten: Wir sind zunehmend einem politischen Diskurs ausgesetzt, in dem es den Maßstab des "aus sachlichen Gründen besseren Arguments" nicht mehr gibt; wir erleben einen Diskurs, in dem sich "besser" und "schlechter" nur noch auf Strategien zur Erreichung strikt interessenbezogener Ziele beziehen. Der offen erklärte Verlust der Fakten intensiviert das Spiel um Macht, Kontrolle und Manipulation der öffentlichen Meinung. Denn abstruse Aussagen und rein ideologisch motivierte Aussagen müssen nicht den Faktentest fürchten, wenn es diese Fakten gar nicht mehr gibt.

Alternative Fakten versus Fake-News

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen alternativen Fakten und Fake-News im Blick zu haben. Die Rede von alternativen Fakten stellt einen viel grundsätzlicheren Angriff auf den Standard der Wahrheit dar als die Existenz von Fake-News. Warum?

Die hier gegebene Differenz lässt sich mithilfe der Begriffe von "regulativen Regeln" und "konstitutiven Regeln" (Bedingungen) veranschaulichen. Wenn in einem Fußballspiel ein Spieler ein Foul begeht, so ist das eine Verletzung einer regulativen Spielregel; wenn der Spieler sich an keine der gängigen Regeln des Spiels hält, wird er vom Schiedsrichter ausgeschlossen: Er hat die konstitutiven Regeln (Bedingungen) des Fußballspiels verletzt. Konstitutiv bedeutet: Diese Regeln machen das Spiel aus. Da es ohne diese Regeln das Spiel gar nicht geben würde, sind diese Regeln unabdingbar und können nicht in einem unbeschränkten Maße verletzt oder in ihrer Geltung schlechthin infrage gestellt werden.

Übertragen auf unser Thema besagt diese Differenz von "regulativ" und "konstitutiv" Folgendes: Fake-News sind falsche Nachrichten, in gewissem Sinn stellen sie einzelne Verstöße gegen die regulativen Regeln eines am Standard der Sachlichkeit und der Wahrheit orientierten Diskurses (Sprachspiels) dar. Die Rede von alternativen Fakten stellt aber eine konstitutive Regel (Bedingung) von Diskursen, nämlich die Wahrheit als solche, überhaupt infrage. Während der Begriff der Fake-News voraussetzt, dass wir zwischen fake und real unterscheiden können, unterstellt die Formel der alternativen Fakten, dass sich die Trennlinie zwischen fake und real gar nicht mehr ziehen lässt.

Kellyanne Conway, die ehemalige Trump-Sprecherin, prägte den Begriff der alternativen Fakten.
Foto: REUTERS/TOM BRENNER

"Alternative Fakten": Die Macht und Ohnmacht der philosophischen Theorien der Wahrheit

Wie gefährlich die Formel der alternativen Fakten ist, zeigt sich an einer gewissen Ohnmacht der philosophischen Theorien der Wahrheit gegenüber diesem Phänomen. Wir kennen eine Reihe von philosophischen Versuchen, den Begriff der Wahrheit zu definieren und zu fassen.

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit (sie geht auf Aristoteles zurück) nimmt an, dass Aussagen wahr sind, wenn sie mit den Tatsachen übereinstimmen. Um ein berühmtes Beispiel zu zitieren: Der Satz "Der Schnee ist weiß" ist wahr, wenn der Schnee weiß ist. Die Kohärenztheorie der Wahrheit geht davon aus, dass eine Aussage wahr ist, wenn sie mit anderen Aussagen übereinstimmt, die zu akzeptieren wir guten Grund haben. Nach der Redundanztheorie der Wahrheit fügt das Prädikat "wahr" einer Aussage nichts hinzu: Denn zu behaupten, dass p wahr ist, bedeutet demgemäß nicht mehr, als einfach p zu behaupten.

Wie steht es um die Verlässlichkeit dieser Wahrheitstheorien im Angesicht von alternativen Fakten? Die Korrespondenztheorie hilft nicht, denn wenn an die Stelle der Tatsachen die alternativen Tatsachen treten, bringt uns die Übereinstimmung zwischen Aussagen und den Fakten nicht der Wahrheit näher. Die Kohärenztheorie verspricht, dass sich Unwahrheiten durch ihre Widersprüchlichkeit mit unseren anderen gut begründeten Aussagen entlarven. Doch dieses Versprechen erweist sich als hohl, wenn sich die Möglichkeit, zu gut begründeten Aussagen zu gelangen, im Universum der alternativen Fakten aufgelöst hat. Und die Redundanztheorie der Wahrheit kapituliert ohnehin, denn wenn das Wahrheitsprädikat überflüssig ist, dann ist die Behauptung p einfach p – egal ob sich p auf eine Tatsache oder eine alternative Tatsache bezieht.

Wahrheitstheorie der Pragmatisten

Vordergründig attraktiver erweist sich hier eine Konzeption der Wahrheit, die philosophisch lange um Anerkennung gekämpft hat: die Wahrheitstheorie der Pragmatisten. Diese geht davon aus, genau zu überlegen, welchen Unterschied es für uns, unser Selbstverständnis und unser Verhalten anderen gegenüber macht, wenn wir über die Standards von "wahr" und "falsch" verfügen. Was, wenn uns diese abhandengekommen sind? Wie der amerikanische Philosoph William James (1842–1910) dies ausdrückte:

Der Pragmatismus stellt seine üblichen Fragen: "Welcher konkrete Unterschied wird durch [eine] Wahrheit im wirklichen Leben eines Menschen bewirkt? Wie wird die Wahrheit erlebt werden? Welche Erfahrungen werden anders sein, als sie wären, wenn [ein] Urteil falsch wäre?"

Was ist, so fragt James, der Wert der Wahrheit? Und seine Antwort lautet, "dass es für das menschliche Leben von Wichtigkeit ist, dass wir über Tatsachen wahre Urteile zur Verfügung haben ... Wir leben in einer Welt von Wirklichkeiten, die uns unendlich nützlich und auch unendlich schädlich sein können."

Doch auch die auf die Rolle des Wahrheitsbegriffs und die Nützlichkeit der "wahren Gedanken" zielende Wahrheitstheorie der Pragmatisten greift nur, wenn es den Standard der Wahrheit gibt und wir uns über die Definition von "Wahrheit" einigermaßen einig sind. Und wie James bemerkt, spielen dabei Tatsachen eine maßgebliche Rolle.

Suche nach der Wahrheit

Letztlich vermitteln uns alle der erwähnten philosophischen Theorien Wichtiges über den Begriff der Wahrheit. Dass sich alle obengenannten Wahrheitskonzeptionen im Umgang mit alternativen Fakten schwertun, ja fast ohnmächtig gegenüber diesem Sprachphänomen wirken, liegt weniger an ihnen als an der offensichtlichen Absurdität dieser Konstruktion.

Die Suche nach der Wahrheit mag kompliziert sein, doch recht besehen kann man sich nicht der Einsicht verschließen, dass der Maßstab der Wahrheit eine unverzichtbare, also konstitutive Bedingung unseres Denkens und Sprechens darstellt. Alternative Blickwinkel und Perspektiven auf die Welt sind wichtig – nicht zuletzt sind sie sensible Wegbegleiter auf der Suche nach dem Richtigen. Ideologisch bedingte Versuche, die Welt "als das, was der Fall ist" (Ludwig Wittgenstein) nicht mehr ernst zu nehmen, sind es nicht.

Wie sollen wir dem unzulässigen Spiel mit der Wahrheit in Form alternativer Fakten und Fake-News begegnen? Schlichtweg übergehen? Oder Grenzen setzen? Welche Art der Grenzen? (Herlinde Pauer-Studer, 1.10.2020)